Vorspiel für Grant Hart: »Gleichschaltung regt mich auf!«

Grant Hart, ein aufmerksamer Zuhörer   FOTO: Holger Pooten

Beim Week-End Fest am Wochenende in Köln tritt auch der einstige Hüsker-Dü-Schlagzeuger Grant Hart mit seinem neuen Album The Argument auf. SPEX hat ihn zum Vorspiel gebeten und verlost noch Plätze für das Festival.

Der Sänger und Schlagzeuger Grant Hart gründete die Gruppe Hüsker Dü im Jahre 1979 in Saint Paul in Minnesota. Zusammen mit Bob Mould, Gesang und Gitarre, sowie Greg Norton am Bass spielte er anfänglich aggressiven Hardcore-Punk, um dann schnell melodischer zu werden. Erste Alben wurden bei dem legendären Label SST veröffentlicht, 1986 wechselte man zu Warner, begleitet von den üblichen »Ausverkauf«-Rufen der sogenannten Alternative-Szene. 1987 löste die Gruppe sich auf.

Man kann getrost behaupten, dass weder Nirvana noch Tocotronic ohne Hüsker Dü denkbar wären. »Husker Du« bedeutet auf Dänisch und Norwegisch »Erinnerst du dich«, das Trio ergänzte die als »röck döts« oder »Metal Umlauts« bezeichneten Umlaute in Anlehnung an Bands wie Blue Öyster Cult, auch um sich von den üblichen Bandnamen des Punks abzugrenzen.

Harts im Juli erschienenes Album The Argument ist eine tolle, mitreißende Gitarrenpop-Platte geworden. Sie basiert auf John Miltons ausuferndem Gedicht »Paradise Lost«, das zum ersten Mal im Jahre 1667 in England veröffentlicht wurde. Wir treffen Grant Hart an einem drückend schwülen Tag im Bezirk Wandsworth südlich der Themse. Er hat nach London in das Büro seines neuen Labels Domino geladen, um über The Argument zu sprechen. »So. Fertig«, sagt er, »ich habe gerade mit einem Journalisten aus Frankreich telefoniert. Hat man Ihnen Kaffee angeboten?« – »Ja!« – »Sehr gut, ich fülle mir kurz nach, dann gehen wir nach draußen, oder?« Wir kommen an der hauseigenen Poststelle vorbei. Hart schnappt sich ein paar Domino-Paketaufkleber. »Hier, ein Geschenk für Sie!« – »Freuen Sie sich, auf solch einem anständigen Label wie Domino gelandet zu sein?« – »Ja, sehr! So ein cooles Logo!« Doch Hart hält noch etwas anderes in der Hand …

Oh! Was haben Sie da?

Ach, nichts, das ist nur eine Unterlegscheibe, die ich da gerade vom Boden aufgehoben habe. Aber gut, prima, die behalte ich!

Was haben Sie mit der Scheibe vor?

Ich hebe sie auf und bastele mir einen Talisman, als Erinnerung an meinen Aufenthalt in London und an die Tour, die wir gerade absolvieren. Manchmal liegen diese Fundstücke aber auch Jahre auf meiner Kommode herum, so lange, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, wo ich sie gefunden habe. Aber auch dann werden sie zu einem Talisman umgearbeitet. Einige Leute kennen meinen Tick und denken dann immer, sie müssten Sachen für mich vom Boden aufheben. Aber genau so funktioniert es eben nicht! (Weiter nach der WiMP-Playlist zum Vorspiel – die Playlist zum jeweils aktuellen Vorspiel findet sich immer hier.)

PET SHOP BOYS
»PANDEMONIUM«
VOM ALBUM YES (2009)

Aha! Mist. Leider kenne ich mich mit den Pet Shop Boys überhaupt nicht aus. Aber ich schätze sie aus der Ferne, sehr.

Das Stück heißt »Pandemonium«. Diesen Begriff hat Milton in seinem Gedicht »Paradise Lost« geprägt, welches nun ja auch die Grundlage Ihres neuen Albums bildet.

Hm! Neil Tennant benutzt den Begriff aber hier doch sehr, nun ja, frei. Mit Miltons Gedicht hat der Text wirklich gar nichts zu tun. Aber mir gefällt dieses Stück sehr gut. Fantastische Melodien und was für eine satte Produktion!

Neil Tennant, das haben wir vor vier Jahren aus Platzgründen nicht abdrucken können, sagte in einem SPEX-Interview zu mir: »Milton gilt als der Schöpfer des Wortes Pandemonium, das den Palast Satans bezeichnet. Pan und Demonium sind Wörter griechischen Ursprungs und bedeuten zusammengesetzt: alle Dämonen. Das Pandemonium ist das Haus aller Teufel und Dämonen.«

Korrekt.

Er sagte weiter: »Die Idee zum Text kam mir, als Kate Moss mit Pete Doherty auszugehen begann, das war Anfang 2007. In dem Song nehme ich die Erzählperspektive von Kate Moss ein – und beschreibe Pete Doherty. Der Song verhandelt, wie es ist, mit einer Person zusammen zu sein, die auf Schritt und Tritt für Ärger sorgt.«

»Pandemonium« steht hier also für Chaos. Kann man machen!

Nun zu Ihnen, bitte!

Durch die Beschäftigung mit Popkultur als Fan kann man viel lernen. Man verliebt sich in eine Band, entdeckt deren Inspirationsquellen, kommt so zu anderen Künstler und immer so weiter … Kennen Sie Charles Henri Ford?

Leider nein.

Durch Charles, mit dem ich in den Jahren vor seinem Tod befreundet war, habe ich so viel gelernt. Er war eine riesige Inspirationsquelle für mich! Charles war Dichter, Autor, Filmregisseur, Fotograf und bildender Künstler und ist unter anderem bekannt als Herausgeber der Literatur- und Kunstzeitschrift View, die im New York der 40er-Jahre entstand. Er hing in Gertrude Steins Salon in Paris rum und kannte sie alle: Man Ray, Peggy Guggenheim, in New York dann Orson Welles, Andy Warhol, E.E. Cummings. Der große Cecil Beaton fotografierte ihn. Ein wunderhübscher Mann aus Mississippi. Mit 18 Jahren, das war 1931, verlegte er ein Magazin und nannte es Blues. Das war meines Wissen nach das erste Mal, dass ein Weißer diesen Begriff für die Beschreibung dieser Art von Musik anwandte. 1933 schrieb er zusammen mit einem gewissen Parker Tyler den ersten schwulen Roman, den ich kenne. The Young And Evil – modernistisch, protosurrealistisch, sehr empfehlenswert! Ich könnte ewig über Charles reden …

NAPALM DEATH
»SUFFER THE CHILDREN«
VON DER EP SUFFER THE CHILDREN (1990)

Mir geht es hier um die Geschwindigkeit, in der diese Band spielt. Sie waren, besonders mit Hüsker Dü, auch immer sehr rasant unterwegs. Woher kam das?

Unsere frühen Sachen sind wirklich unglaublich schnell. Das Tempo ist der Zeit geschuldet. Dem Zeitgeist. Irgendjemand bezeichnete uns in unseren Anfangstagen als »the fastest band«, und diesen Titel wollten wir dann immer behalten! Kein Witz. Außerdem machten wir den Fehler, ein Live-Album namens Land Speed Record zu veröffentlichen, um die dort versammelten Songs danach nie wieder spielen zu müssen. Leider gefiel dieses Album vielen Menschen – das war dann eben der Sound, den man immer wieder von uns hören wollte. Das Album ist rund 25 Minuten lang, wir haben es einmal live in zwölf Minuten heruntergespielt.

Die Musikpresse hat Ihnen diverse Namen verpasst. Können Sie sich noch an einige erinnern?

»Der dickliche Drummer« wurde zum »Barfuß-Drummer«, zum »singenden Drummer«, zum »Langhaar-Drummer« und, wegen meiner langen Haare, zum »versteckten Drummer«. Menschen und ihre Kategorisierungen … Ich habe immer versucht, mich dagegen zu wehren. Auch was meine Kleidung anging. Das war im Punk ja alles sehr genau geregelt. Ich habe versucht, anders auszusehen und war in der Szene der erste, der seinen Stil geändert hat, wenn es zu konformistisch wurde. Lange Haare sind verpönt? Ich lasse meine Haare sofort lang wachsen! Mich regt Gleichschaltung immer sehr auf. Als Mann mit homosexuellen Praktiken muss ich Ihnen sagen, dass die Gleichschaltung bestimmter Körperpolitiken, ich meine jetzt nur das Aussehen, in der Schwulenwelt ganz furchtbar ist. Und wenn man anders aussieht, gehört man ganz schnell nicht dazu und wird schief angeguckt, was natürlich sehr spießig ist.

GRAVENHURST
»DIANE«
VON DER EP BLACK HOLES IN THE SAND (2004)

THERAPY?
»DIANE«
VOM ALBUM INFERNAL LOVE (1995)

Das Stück erkennen Sie, oder?

Natürlich, das Original stammt von Hüsker Dü. Mir gefällt die Gravenhurst-Interpretation sehr gut, sie hat so wenig mit der Herangehensweise zu tun, mit der sich Musiker sonst mit Hüsker-Dü-Songs beschäftigen.

Finden Sie diese Art der Beschäftigung erfrischend? Ermöglicht Sie Ihnen neue Blicke auf das eigene Werk?

»Erfrischend« würde ich nicht sagen, wobei, doch, eigentlich habe ich bei Gravenhurst genau das Gefühl. Diese Version ist tatsächlich »erfrischend«!

Therapy? haben »Diane« ebenfalls gecovert. Welche Einspielung gefällt Ihnen besser?

Ich habe Therapys Version so oft gehört, dass ich sie nicht mehr aus ihrem Kontext nehmen und mit einer neuen, mir bisher unbekannten Version vergleichen kann. Wenn ein Musiker sich eines meiner Stücke annimmt, interessiert mich immer die Motivation, die mir natürlich in den seltensten Fällen mitgeteilt wird. Mir fällt es sehr leicht, mir einen fremden Song anzueignen und zu etwas Eigenem zu machen. Es wäre falsch zu sagen, mir gefällt Gravenhursts Version besser. Jede Interpretation hat ihre Existenzberechtigung.

GRANT HART
»THE ARGUMENT«
VOM ALBUM THE ARGUMENT (2013)

Und schon sind wir wieder bei Charles Henri Ford. Das Booklet meiner CD ist ein direkter Rip-off des Magazindesigns von View, Charles’ genialer Zeitschrift.

Erzählen Sie mir von Miltons Gedicht?

Es ist witzig, hier in England immer wieder auf Menschen zu stoßen, die behaupten, dass sie das Gedicht gelesen hätten, weil es eben zu einem gewissen Kanon von Werken englischer Literatur gehört, die man angeblich gelesen haben muss – so wie Goethes Faust, den ich wiederum nicht kenne. Schauen Sie sich mal Murnaus Faust-Film an, der ist gut! Milton war der Wortschmied der englischen Könige, immer wenn ein neues Wort erfunden werden musste, wurde er gerufen. Er sprach sieben Sprachen. Das Gedicht beschäftigt sich vordergründig mit dem Sündenfall, letztlich aber mit einer Kritik an der englischen Regierung der Zeit und – Milton war mit Galileo befreundet – dem Kampf zwischen Wissenschaft und Religion. Der Erzengel wird sehr böse, als Adam ihn fragt, ob er ihm den Lauf der Planeten erklären könne. »Das geht dich gar nichts an«, sagt er.

WILLIAM S. BURROUGHS
»WHAT KEEPS MANKIND ALIVE?«
VOM ALBUM SEPTEMBER SONGS – THE MUSIC OF KURT WEILL (1997)

Ihr Freund Burroughs hat Sie zur Beschäftigung mit Milton animiert, ist das richtig?

Fast. Er arbeitete an einem Theaterstück zu »Paradise Lost« und wollte auch Tanz und Musik benutzen. Sein Assistent, William, war da schon Jahre tot, gab mir das Skript und fragte mich, wer die Musik schreiben könne, es gäbe Interesse an einer Aufführung. Ich sagte: »Ich natürlich!«

TOCOTRONIC
»JUNGS, HIER KOMMT DER MASTERPLAN«
VOM ALBUM DIGITAL IST BESSER (1995)

Wow! Das ist gut! Von 1995 ist dieser Song? Wahnsinn, so klingt er überhaupt nicht.

Wie klingt dieser deutsche Text für Sie? Ist es wichtig, den Text zu verstehen? Ich höre immer erst beim zehnten Durchgang auf den Text, um ehrlich zu sein – besonders und gerade bei englisch gesungenen Liedern.

Ich bin so viel gereist, dass mich in einer fremden Sprache gesun- gene Lieder nicht erschrecken. Erstaunlicherweise teilt sich der Inhalt oft über den Refrain oder ein sich immer wiederholendes Wort mit. Ich behandle die Stimme als Instrument. Man sollte nicht glauben, dass die Hörer verstehen, was ich singe, selbst wenn Englisch ihre Muttersprache ist. Dass nicht jedem klar ist, worum es geht, finde ich wunderbar. Es spricht überhaupt nichts dagegen, im Unklaren gelassen zu werden. Der Liedtext ist sicherlich das wichtigste Element einer Komposition, aber es hilft nichts, wenn eine gute Melodie und eine gute musikalische Struktur die »Botschaft« nicht unterstützen.

PRINCE
»DIRTY MIND«
VOM ALBUM DIRTY MIND (1980)

Prince stammt wie Sie aus bzw. aus der Nähe von Minneapolis. Das Motto der Stadt lautet »The most livable city in America«. Stimmt das?

Ich habe in meinem Leben nur in Saint Paul, einer Zwillingsstadt von Minneapolis, South Saint Paul und Minneapolis gewohnt, bin mir aber sicher, dass jede Stadt ihre schönen Seiten hat.

Hat sich Minneapolis verändert, seitdem Sie dort zur Schule gegangen sind?

Natürlich – wie jede andere Stadt in Amerika. Alles ist generischer geworden, der regionale Aspekt und die Identität der Stadt sind verlorengegangen. Man kümmert sich nicht um die Rechte und Gefühle der Bürger. Es gibt einige Orte auf der Welt, an denen ich mir gerne ein Haus bauen würde – vielleicht sogar in Deutschland – die Pläne existieren bereits in meinem Kopf.

THE BYRDS
»MR. TAMBOURINE MAN«
VOM ALBUM MR. TAMBOURINE MAN (1965)

HÜSKER DÜ
»EIGHT MILES HIGH«
VON DER SINGLE »EIGHT MILES HIGH« (1984)

Mein Bandkollege Bob Mould kannte sich mit den Byrds viel besser aus als ich, ich hatte nur eine Best-of-Platte.

Mir war so, als ob der Gitarrensound der Byrds Hüsker Dü nachhaltig beeinflusst hätte, deswegen auch Ihre Coverversion des Byrd-Stücks »Eight Miles High«. Was waren denn Ihre großen Vorbilder aus der Vergangenheit als Sie begannen, Musik zu schreiben?

Das Songwriter-Duo Leiber und Stoller, Carol King, Brian Wilson, Carl Perkins, Gene Vincent, Buddy Holly und Johnny Cash. Außerdem gab es so viele große Songwriter, die nur einen Hit hatten und dann wieder verschwanden. Ich habe mich immer sehr für traditionellen, alten amerikanischen Folk interessiert. Ob mich das beeinflusst hat? Keine Ahnung. Es gibt so viele Lieder und Klänge auf dieser Welt – ich bin froh, in meinem Leben viele von ihnen gehört zu haben.

SPEX verlost noch 1×2 Plätze für das Week-End Fest mit Grant Hart, Young Marble Giants, The Fall, Robert Forster und vielen weiteren – Teilnahme ausschließlich per E-mail unter dem Betreff »Week-End« (an gewinnen@spex.de unter Angabe von Vor- und Nachnamen) bis zum Mittwoch, 11. November, 15 Uhr; es entscheidet das Los.

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