„Grain“ – Filmfeature zum Kinostart

Die Natur schlägt zurück: Szene aus Grain – Weizen

Die Zukunft ist menschenfeindlich, aber auch von poetischer Schönheit: Die Dystopie Grain – Weizen schafft malerische, pulsierende Tableaus, in denen der Mensch schon mal zur Nebensache wird. Einzig seine Zivilisationskritik ist manchmal etwas zu schlicht geraten.

Der türkische Regisseur Semih Kaplanoğlu hätte sich für seine Dystopie keinen besseren Schauplatz als Detroit aussuchen können. Die ohnehin schwer vom Verfall gezeichnete Motor City wird in Grain – Weizen zu einer menschenfeindlichen, von Großkonzernen gelenkten Betonwüste. Während sich die Eliten hierhin zurückgezogen haben, verenden die Armen im umliegenden, von einem tödlichen Magnetfeld abgeschnittenen Ödland an Epidemien oder Hunger. Damit es den Leuten in der Stadt nicht genauso ergeht, versucht der Wissenschaftler Erol (Jean-Marc Barr) erfolglos, eine synthetische Weizenart zu kultivieren. Als er dabei auf den verschollenen Kollegen Cemil (Ermin Bravo) und seine Theorie vom genetischen Chaos aufmerksam gemacht wird, reist Erol ins lebensgefährliche Ödland, um ihn zu finden.

Auf der Suche: Anderi (Grigoriy Dobrygin) und Erol (Jean-Marc Barr)

Nach seiner autobiografisch geprägten Yusuf-Trilogie, die 2010 mit dem Berlinale-Gewinner Bal – Honig ihren Abschluss fand, begibt sich Kaplanoğlu nun in seinem ersten englischsprachigen Film auf die Spuren eines philosophischen Science-Fiction-Kinos à la Andrei Tarkowski. Das Faszinierende an Grain ist, wie er seine spektakulären Schauplätze regelrecht zum Sprechen bringt. Ob gespenstische Industriekulissen oder ursprüngliches anatolisches Bergland: Kameramann Giles Nuttgens erschafft ebenso malerische wie pulsierende Tableaus, in denen der Mensch schon mal zur Nebensache wird. Allerdings erweist sich die visuelle Opulenz des Films als ein Versprechen, das Kaplanoğlu mit seiner etwas schlichten Zivilisationskritik nicht einzulösen vermag.

Grain versucht, über Umwege zur Wahrhaftigkeit zu gelangen. So wie die Suche nach Cemil nur ein Vorwand ist, damit der durchs moderne Leben von sich entfremdete Erol endlich zu sich selbst finden kann, so dient auch der genetisch manipulierte Weizen als Metapher für eine anmaßende Menschheit, die sich gegen die Natur versündigt hat. Wenn der Film endlich an seinem Ziel angekommen ist, präsentiert er eine Erkenntnis, die banal genug ist, um sich wieder ins dystopische Detroit zurückzuwünschen.

Grain – Weizen
Türkei 2017
Regie: Semih Kaplanoğlu
Mit Jean-Marc Barr, Ermin Bravo, Grigoriy Dobrygin u. a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 380 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden.

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