Grace Jones: Bloodlight And Bami – Souverän Grace

Alles, nur kein Stromausfall: Grace Jones auf der Bühne
Alles, nur kein Stromausfall: Grace Jones auf der Bühne

Über ein Jahrzehnt lang hat Sophie Fiennes Grace Jones mit ihrer Kamera begleitet. Bei Konzerten, Familientreffen, Frühstücksroutinen. Fiennes’ unbestechlichem Blick auf eine der großen Ikonen der Popkultur kann man jetzt auch in Deutschland folgen: Zwischen 24. und 31. Januar läuft der Film in ausgewählten Kinos, am 9. März 2018 erscheint er auf DVD und Blu-ray.

Grace Jones sitzt, nur mit einem Pelzmantel und einer Pudelmütze bekleidet, im Zimmer eines Pariser Luxushotels mit Blick auf die Tuilerien. Vor ihr türmt sich ein imposantes Champagnerfrühstück auf. „Wenn auf der Bühne das Licht ausgeht, wenn es einen Stromausfall gibt und der Sound weg ist … ich weiß immer, dass so etwas passieren kann. Aber auch dann kann ich noch performen und das Publikum fesseln. Im Dunklen und ohne Verzierungen: mit meiner Stimme.“

Während Jones mit elegant ondulierter Intonation – man rätselt, ob sie der von ihr geäußerten Liebe zum Champagner oder ihrer spirituellen Ader geschuldet ist – einen Teil ihrer Bühnenmagie preisgibt, verrutscht der Mantel und lässt kurz ihren nackten Körper erkennen.

Wie in all den Jahren von Jones’ Karriere als Musikerin, Model, Schauspielerin und zuletzt Buchautorin spielen herkömmliche Grenzziehungen wie die zwischen nackt und bekleidet, Mann und Frau, konzeptueller und Unterhaltungskunst auch im Dokumentarfilm von Sophie Fiennes keine Rolle. Grace Jones ist immer souverän Grace Jones und dabei nie fassbar. Cyborg, Roboter, Alien, Afrofuturistin. Egal, ob sie im superknappen Korsett über die Bühne hula-hoopt oder mit buntem Kopftuch auf dem Haupt ihre Mitmusiker Sly & Robbie am Telefon zusammenfaltet.

Ungeschminkter Blick auf den Schminktisch: Still aus Sophie Fiennes' Film Grace Jones: Bloodlight And Bami
Ungeschminkter Blick auf den Schminktisch: Still aus Sophie Fiennes‘ Film Grace Jones: Bloodlight And Bami

Über zehn Jahre lang hat Regisseurin Fiennes, die zuvor The Pervert’s Guide To Cinema mit Slavoj Žižek gedreht hatte und eine Schwester der Schauspieler Ralph und Joseph ist, die Künstlerin begleitet. Kennengelernt haben sich die beiden, als Fiennes 2002 einen Film über Jones’ Bruder Noel drehte (Hoover Street Revival), den Bischof einer Pfingstlergemeinde in Los Angeles. Bloodlight And Bami (jamaikanischer Slang für rotes Bühnenlicht und Maniokfladenbrot) kommt dabei ohne Archivmaterial aus. Keines der ikonischen Bilder von Jones in den Inszenierungen ihres langjährigen Lovers Jean-Paul Goude, an der Seite von Roger Moore und Arnold Schwarzenegger oder im Studio 54 ist zu sehen. Es gibt kein Voice-over, keine Untertitel, keine Beschreibung der auftauchenden Personen.

Stattdessen: Grace. Grace, die ihre Familie auf Jamaika besucht, sich an den tyrannischen, bigotten Großvater Master Patrick erinnert, dem Falsettsolo ihrer Mutter in der heimischen Kirche lauscht, das Baby ihres Sohnes Paulo in der Hand hält oder bei einem Photoshoot ihrem im direkten Vergleich mit ihrer Alterslosigkeit deutlich knittrigeren Expartner Jean-Paul Goude begegnet, der mindestens genauso erstaunt schaut wie wir im Publikum, als Jones ihm eröffnet, er sei der einzige Mann, der ihr jemals weiche Knie gemacht habe.

Die visuell oft spektakulären Aufnahmen folgen keiner Chronologie, sondern werden durch lange Live-Sequenzen zusammengehalten, die die Dokumentation mitunter wie einen Konzertfilm anmuten lassen. Das Phänomen Grace Jones wird nicht quantifiziert, nicht erklärt, nicht enthüllt. Selbst wenn der Pelz verrutscht.

Grace Jones: Bloodlight And Bami
Irland, UK 2017
Regie: Sophie Fiennes

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features sowie dem großen Jahresrückblick 2017 in SPEX No. 378 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden. Eine große Titelstory zu Grace Jones ist in SPEX No. 316 erschienen, ebenfalls versandkostenfrei bestellbar.

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