Gorillaz „The Now Now“ / Review

Ist das neue Gorillaz-Album The Now Now nur ein weiteres glattpoliertes Best-Of-Kritikerpop, auf dem sich Damon Albarn lang gehegte Feature-Träume erfüllt?

Die Sache mit den Zeichentrickfiguren ist, dass sie sich nicht verändern. Die Simpsons sehen seit fast 30 Jahren komplett gleich aus und verkörpern genau deshalb das, was die Autoren für den Zeitgeist halten, erfolgreicher als jeder Schauspieler aus Fleisch und Blut. Enter: Gorillaz, die als fiktives Bandprojekt eben dieses Konzept auf die Musikwelt übertragen. Dass die Gorillaz mittlerweile weniger als mysteriöse Allstarband und mehr als Jamie Hewletts und Damon Albarns Ventil für Studiospaß gehört werden – geschenkt. Irgendwann muss sich die Bissigkeit des Konzepts auch überleben. Und trotzdem schaffen es Gorillaz-Alben, ihren ganz eigenen, unverbrauchten take eines Jetzt zu liefern, der sitzt – selbst wenn er vom Mainstream so weit entfernt ist wie ihr neuester Streich The Now Now.

Doch der Reihe nach: 2001 gab es in unserer Schule wochenlang kein Gesprächsthema außer dem Video zu „Clint Eastwood”, das die Runden auf Viva drehte. Keiner kannte Wörter wie Trip Hop oder Dub, aber jeder kannte dieses eine Video mit den Zombies und diese gottverdammte Melodie. Nicht nur die Ästhetik, sondern auch die absurden und doch irgendwie funktionierenden Genrefusionen einten kleine Kids und Kritiker, Hip-Hop-Heads und Blur-Befürworter. Ihr zweites und bestes (don’t @ me) Album Demon Days perfektionierte die Maschine: rumpelnde Drums, obskure Samples, Albarns Schnaufen und illustre Gäste aus Hip-Hop und Pop lieferten die Hits, von denen wir nie wussten, dass wir sie brauchen.

„El mañana“, die letzte Single von Demon Days, war nicht nur mein erster Liebeskummersong für unter der Bettdecke, sondern auch ein emotionaler Abschied der fiktiven Bandcharaktäre an ihre Fans. Die fliegende Windmühle aus „Feel Good Inc.” wird von Helikoptern zerschossen und explodiert in einer Schlucht. Gorillaz waren relativ unmissverständlich tot und es wirkte, als hätten sich auch die Leben ihrer Schöpfer voran bewegt: Albarn experimentierte mit Tony Allen auf The Good, The Bad & The Queen oder veranstaltete eine Blur-Reunion. Umso überraschender also, als Gorillaz dann trotzdem zurückkehrten und sich mit Bruce Willis, Snoop Dogg, Lou Reed, Mos Def und zu vielen weiteren großen Namen, um sie aufzuzählen, am Plastic Beach sonnten.

rumpelnde Drums, obskure Samples, Albarns Schnaufen und illustre Gäste aus Hip-Hop und Pop lieferten die Hits, von denen wir nie wussten, dass wir sie brauchen.

Es gibt einen Punkt in der Geschichte der Simpsons, irgendwo zwischen Staffel acht und zwölf, ab dem Fans von den „Zombie Simpsons” sprechen: Die Serie wurde polierter, erfolgreicher, verlor an Biss und die Gastauftritte von Prominenten passierten so häufig und ziellos, dass sie anfingen zu langweilen. Hot take: Die letzten beiden großen Alben Plastic Beach und Humanz stammen nicht von den Gorillaz, sondern von den „Zombie Gorillaz”. Endgültig auf dem Pop-Olymp angekommen trafen Albarn und Hewlett zum ersten Mal nicht den Nagel auf dem Kopf. Statt wie zuvor den Zeitgeist dadurch einzufangen, dass sie die Augen vor ihm verschlossen, produzierten sie pompöse Variety-Shows mit Paul Simon, Grace Jones und Bobby Womack auf der einen Seite und allen derzeitigen Hype-Trends und -Newcomern auf der anderen. Man wünschte Albarn einfach nur, ein Jumbo-Jet würde seinen Kopf aus seinem Sie-wissen-schon checken.

Ist das neue Gorillaz-Album The Now Now, um das es in diesem Text eigentlich geht, also auch nur ein weiteres glattpoliertes Best-Of-Kritikerpop, auf dem sich Albarn lang gehegte Feature-Träume erfüllt? Zombie-Gorillaz in effect – und ich darf der kopfschüttelnde Matt Groening sein, der sich aufregt, dass Dinge nicht mehr so sind wie früher? Nein, verdammt, und es ruiniert mir meinen schönen heißen take im Anschlag. Denn trotz Featureliste inklusive Snoop Dogg und George Benson und großem Rollout mit Boiler-Room-„Set” möchte The Now Now kein großes Popmonument sein – und ist gerade deshalb voll von den wunderbar absurd intimen Momenten, die man am Ende doch mehr mit einem Cartooncharakter als mit Damon Albarn verbringt. Auch wenn es mit Jack Black und Venice Beach im Musikvideo schwierig sein mag, leben die Gorillaz auf dem Album den Titel ihrer ersten Single: „Humility”.

Dabei erinnert The Now Now aber nicht an die alten verdubbten Knarz-Gorillaz, sondern mehr noch an das eine vergessene Album der Band: The Fall, das 2010 auf der Tour zu Plastic Beach komplett auf Albarns iPad entstand. Auch The Now Now ist ein Tour-Album, auch The Now Now orientiert sich am Drumcomputer- / Synthesizer-Futurismus der Achtziger. Vor allem aber lässt es auch Luft zum atmen, in der man zum Beispiel reflektieren kann, wie man die Hoffnung auf gute ehrliche Musik von seiner ehemaligen Lieblingsband so tief begraben konnte. D’Oh!

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