Der Hirte im Schafspelz

Seine Weltverbesserungstheorien kommen ohne Bono-Beigeschmack aus, und sein lobenswert vielfältiger Klangirrsinn entsteht bei fünfzig Grad in der Wüste: Gonjasufi alias Sumach Valentine ist über Drogen, Las Vegas, Yoga und die Mystik des Islam einen langen Weg gekommen, um uns daran zu erinnern, dass Extrembedingungen im Pop noch nie geschadet haben.

 

Gonjasufi Spex #325 Dustin BeattyIn keiner anderen Stadt der USA wird das von der Freiheitsstatue gegebene Versprechen, den geknechteten Massen eine Heimstatt geben zu wollen, so sehr jenseits der Zwänge protestantischer Doppelmoral umgesetzt wie in Las Vegas. Hier ist, anders als im beinahe gesamten restlichen Land, sogar die Prostitution legal. Ein erstklassiges Babylon. Und so erstaunt es doch, dass einer der großen, heiligen Yogis der derzeitigen, noch immer höchst lebendigen Weirdo-Bewegung des amerikanischen Pop ausgerechnet in Las Vegas seine Wohnung genommen hat – und das keineswegs, weil er darauf aus ist, die Stadt in der Wüste Nevadas vom Teufel und seinen Helfershelfern zu erlösen.

    »Ich bin fast nie am Strip. Der Strip ist widerlich«, sagt Gonjasufi lakonisch und meint damit den Hauptboulevard der Stadt, der von Kasinos und anderen Etablissements gesäumt wird, die fast jede Art käuflicher Zerstreuung feilbieten. Er lebt mit seiner Familie (Frau und drei Kinder) am Rande von Las Vegas, dort, wo ein Gutteil der Häuser infolge der amerikanischen Kreditkrise verlassen sind und der Wüstenwind so laut pfeift, dass die wenigen verbliebenen Nachbarn überhaupt nicht mitbekommen, dass er sich dort ein Studio eingerichtet hat und Musik macht. Hier hat Gonjasufi, mit bürgerlichem Namen Sumach Valentine, geboren 1978, sein Album »A Sufi and a Killer« aufgenommen. Der Killer im Titel ist einerseits er selbst: »Wenn ich die Menschheit repräsentiere, dann trage ich auch die niederste Form des Menschen, den Mörder in mir«, erklärt er. Der andere Grund für den Plattentitel ist prosaischer: Einer seiner Kollaborationspartner nennt sich The Gaslamp Killer. Der Produzent aus Los Angeles trug mit seinen Loops ebenso zur Platte bei wie der Musiker Mainframe (Orgel und Bass), außerdem programmierte bei einem Stück Flying Lotus. Der war es auch, der Gonjasufi zum Warp-Label vermittelte.


VIDEO: Gonjasufi – DedNd

    Gonjasufi sieht sich als Hirte, der auch zum Raubtier werden könne: »Der Schäfer muss das Herz des Lamms haben, aber auch die Stärke des Wolfs«, sagt er. Auf »A Sufi and a Killer« ist das Lied »Sheep« zu hören. Gonjasufi singt: »I wish I was a sheep instead of a lion. ’Cause then I wouldn’t have to eat this meat that is dying«. »Das ist kein Lied über mich«, sagt er, »sondern über zwei Löwen, die sich unterhalten.« Es beruhe auf einem Text des Sufimeisters Hazrat Inayat Khan. »Eine Hommage.« Sich selbst bezeichnet Gonjasufi, geboren als Kind koptischer Christen, als Muslim. Damit irritiert er, wie er berichtet, seine größtenteils den üblichen Mainstream-Vorurteilsmustern verhaftete Nachbarschaft ebenso wie mit seiner dunklen Haut, dem Vollbart und den Dreadlocks. Gleichzeitig ist er tatsächlich Yogi und verdient sein Geld als Yogalehrer. »Es gibt nur einen Gott«, sagt er. Das erinnert an das Eine-Welt-Denken der neunziger Jahre, der Zeit, in der er als junger kalifornischer Rapper auf den Spuren der örtlichen New-School-Stars The Pharcyde seine erste Hiphop-Platte aufnahm, die noch unter seinem bürgerlichen Namen erschien.

    Sein Vater forschte in San Diego als Botaniker und benannte seinen Sohn nach einer Tropenpflanze. »Ich wuchs im guten Teil der Stadt auf, war auf dem College. Dann lebte ich am Strand und endete auf den Straßen von Kalifornien. Drogen, alles. Ich war unkontrolliert, außengelenkt und aggressiv.« Schließlich entdeckte er den Sufismus, die Mystik des Islam. »Der Sufismus brachte mich zum Yoga. Jeder Moment ist Gebet. Der Körper ist heilig.« Eine ganz klassische Erweckungsgeschichte also. Da ist es nur passend, dass Gonjasufi sich für jene prophetischen Gestalten in der Musik des 20. Jahrhunderts begeistert, welche die höheren Schwingungen ihrer Zeit idealtypisch verkörperten: Miles Davis, John Lennon, Bob Marley. Denen hätte er sogar zugetraut, den Gaza-Konflikt mit einem Konzert zu beenden. Wenn sie doch nur nicht schon tot wären.

    Gonjasufi ist eben ein Musiker, der seine Weltverbesserungstheorien ohne den unerträglichen Pragmatismus eines Bono vorträgt – und seine Musik ist dementsprechend von äußerst lobenswert vielfältigem Klangirrsinn geprägt: Easy-Sound mit Backgroundchor und Bläsern (»Sheep«), verwittert klingende Schunkelmusik (»She Gone«), Garagenpunk (»Suzie Q«), Psychedelia (»Stardustin’«) gehen hier zusammen, dazu kommen Isaac-Hayes-Loops (»Change«), piepende Synthies (»Holidays«) und ein »Pictures of Matchstick Men«, die erste Single von Status Quo, zitierender Hidden Track. »Ich will, dass man auf dieser Platte die Hitze der Wüste spürt«, sagt Gonjasufi. An manchen Tagen herrschten in seinem Studio fünfzig Grad Celsius. Und doch läuft sein Sound nicht auf Giant-Sand-artige Kargheit oder andere ärgerliche Wüstenklangklischees hinaus. Er ist toll und völlig überdreht, rauschend, knisternd, verzerrt – was auch daran liegt, dass eine der auf diesem Album benutzten Orgeln allzu lange im Regen stand. Extrembedingungen haben im Pop noch nie geschadet. Und Gonjasufi ist einer der großen Extremisten unserer Zeit. Auch wenn er dabei völlig in sich selbst ruht.

 

»A Sufi and a Killer« von Gonjasufi erscheint am 11. März 2010 auf Warp Records / RTD. Das Album kann man hier in Gänze streamen, die Single »Ancestors« kann man hier kostenlos als MP3 herunterladen.

Foto: © Dustin Beatty

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