Goldie Lookin‘ Chain / Handsome Boy Modeling School

Zwei Platten. Zweimal feines Stilbegehren. Zweimal Wortwitz, bis die Tränen schießen, zweimal Reminiszenzen an die schönen und weniger schönen Seiten der ein oder anderen old school, und gewitzte cuts und samples allenthalben. Zweimal issues, die von Realitäten – wenn auch unterschiedlichen – sprechen. Die Rede ist von ca. 21 Weißbroten aus Newport/England und zwei distinguierten schwarzen Gentlemen aus FF und NYC / U.S.A.
    Erstere, die unter dem Namen »Goldie Lookin Chain« firmieren, kennt kaum einer, Letztere, die Gründerväter der Handsome Boy Modeling School, sind in mehreren Kontexten – De La Soul, Dr. Octagon, Gravediggaz – gut bekannt. Erstere kennen Letztere, denn De La Soul, Public Enemy, Rakim, Grandmaster Flash – das war Muttermilch für die Hiphop-Sozialisation der weißen Buben – Prince Paul mag ebenso gut ihr Ziehvater sein – entsprechend treffsicher und selbstverständlich schütteln sie diese Referenzen heute aus dem Ärmel.
Die Crew der »Goldie Lookin Chain« kann so gut breakdancen wie Erkan und Stefan zusammen: nämlich gar nicht. Ihre vollsynthetischen Jogginganzüge stammen eher aus dem Hause »Kappa« denn »adidas originals«, aber die aufgeprotzten Falschgold-Ketten scheppern ebenso blechern wie beim Komödianten-Spack-Pack. Dass sie sich den Vergleich nicht antun müssen, hat wohl damit zu tun, dass sie sind, wie sie sind, nämlich for real. Mike Skinners »Dry Your Eyes« ist herzerweichend, keine Frage, aber »You Knows I Loves You« ist Liebe at its best: schön, zum Heulen und komisch obendrein. Wenn der Jungswitz je zu platt oder die Reimausschlachtung zu Gras-infiziert (»Your Mother´s Got A Penis«) wird, reichen doch die fingerlickin´ good skills immer, um der Lage Herr zu werden.
    Weit differenzierter und pointierter in der allgemeinen Stoßrichtung ist die Fortsetzung des Handsome Boy Modeling-»Lehrgangs«. Auf dem Cover posieren die vormaligen C. Rockwell und N. Merriweather als geschniegelte urbritische Herrschaften, die mindestens ein Schloss ihr Eigen nennen, ergo kalkweiß sind. Gilt es, Identitäten durchzudeklinieren? Auch. Die geladenen Gäste sind illustre wie zuletzt: Mike Patton, Franz Ferdinands Alex Kapranos, Del Da Funkee Homosapien, Dre, Chan Marshall (Cat Power), Paula Frazer und andere. Sie tragen ihren Teil zu einem Album bei, das inhaltlich vielgestaltig und klanglich kongruent ist, no matter wie verschieden oder over-the-top die einzelnen Teile sein mögen. Hier werden Bezugssysteme: Geld, Macht, Geschlechterbeziehungen in schwarzen und weißen Klischees angegangen. Das »Herzblatt«-Skit, in dem drei junge Herren wahlweise mit Sex, Koks oder Edelsteinen um die Gunst ihrer Dame buhlen, ist dabei ebenso treffsicher wie die Charakterisierung der prototypischen »upper white class«-Zicke, die sich über die imaginären Probleme der lower class – kein Job, kein Geld, kein gar nichts – mokiert, während sie Probleme hat (die andere gern hätten). All das unterlegt mit einem schwingenden Reggae-Beat und der Chorusline, dass Klasse als Zwang nicht existiert? »hello?«.
    Die schiere Gedankenfülle, die »White People« beherbergt, ist ein Fest – wer teilhaben will, muss die Ohren spitzen. Wem der Tiefgang zu weit führt, ist mit einem HipHop-Album versorgt, das an Dichte seinesgleichen sucht. Musikalische Referenzen, die von den Brandenburgischen Konzerten bis hin zu Metal reichen und dabei höchst originell, organisch, warm, selbst eingespielt, hypnotisch geloopt bis luftig arrangiert klingen. Der einzig wahrhaft grässliche Ausreißer »Rock and Roll (Could Never Hip Hop Like This)« ist wohlmeinend, aber überambitioniert. Und das liegt nicht allein an Linkin Park´s Mike Shinoda. Das pathetisch wunderbare »The World´s Gone Mad«, der gemächliche flow eines »Breakdown« und das geölt hingereimte »But First« sind weit mehr als eine Entschädigung.

LABEL: Warner Music / Atlantic / Elektra

VERTRIEB: Warner Music

VÖ: 15.11.2004

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