Godmother’s Dia-Abend

Im Rahmen der Berlinale war Steven Sebrings Porträt über die amerikanische Musikern Patti Smith erstmals im Kino zu sehen, heute abend wird der Film auf ARTE gezeigt. Ralf Krämer gibt einen Ausblick.

Patti Smith

PATTI SMITH: DREAM OF LIFE: »Im Grunde ist ›Dream of Life‹ ein wohl komponiertes Selbstportrait mit dem Langfilmdebütanten Steven Sebring als Regiegehilfen.«
(Foto: © Arte)

Unbeholfene Stille im Konzert. Patti Smith hatte soeben ihr Berliner Publikum als Bürger der »City of the new freedom« begrüßt. Der nach dem kleinen Einmaleins der Showdramaturgie obligate Jubel blieb allerdings aus, unterdrückt von reflexartigen Bedenken der Sorte: »Hast ja recht, Patti. Schon ganz schön, das mit dem Mauerfall, aber ich erzähle dir erst mal was über die Treuhand …« Vielsagend in beide Richtungen.

    Das war 1996. Die Comebacktour zu Patti Smiths Comebackalbum »Gone Again« zementierte das ambivalente Gefühl, das sich gegenüber der ›Godmother of Punk‹ zunehmend entwickelt hatte: vorbehaltloser Respekt, eine unwiderstehliche Aufforderung zum Pogo einerseits, und konsternierte Fremdscham andererseits, die sich letzten Endes aus dem Grundgefühl speist, dass die wirklichen Dichter und Sprachrohre eben ihr Dichter- und Sprachrohrsein nicht so permanent raushängen lassen, nicht mit dicken Lettern überall vor sich hertragen, sondern abgeschieden in Bücher kratzen und maximal auf dafür vorgesehenen Bühnen singen. Man möchte ja noch selbst was zu entdecken haben.

    Nun gibt es also einen Dokumentarfilm, der all das bestätigt, anekdotisch unterhaltsam, zuweilen eben auch schmerzhaft illustriert. Dylan taucht auch auf, als Freund, der Patti Smith 1995 nach 16 Jahren Abstinenz, Familienleben und den frühen Toden ihres Lebensgefährten Fred »Sonic« Smith und ihres Bruders Todd zurück auf Touren und seine eigene Tournee brachte. Die Kamera erwischt ihn, wie er plaudernd mit Patti hinter der Tribüne verschwindet. Ein besonderer Moment, weil er einer der ganz wenigen ist, dem dokumentarische Überzeugungskraft innewohnt.

    Denn im Grunde ist »Dream of Life« ein wohl komponiertes Selbstportrait mit dem Langfilmdebütanten Steven Sebring als Regiegehilfen. Es beginnt in Pattis Zimmer, sie zeigt uns jene Trommel, die auf ihrem Cover-Album »12 Songs« zu sehen ist, breitet Kinderklamotten aus, die sie selbst getragen hat. Auf dem Boden liegen LPs von Billie Holiday und Dylan, an der Wand hängt ein Foto von Papst Johanes Paul II, nicht Benedikt. Immer wieder lichtet sie mit der Sofortbildkamera ab, was ihr vor die Linse kommt, um sich dann Trommel und Wäsche gleich noch mal auf dem Polaroid anzuschauen. Onan lässt grüßen. Wie sie da durch ihr eigenes Museum führt, begeleitet sie, zumindest als Off-Kommentatorin, den ganzen Film. Der setzt sich aus neu gedrehtem und Archivmaterial zusammen.

Fortsetzung und Trailer zu »Dream of Life« auf Seite 2 (vor)

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PATTI SMITH: DREAM OF LIFE: »Natürlich sieht man gerne dabei zu, wie Smith das Haus ihrer Eltern besucht und sich über Papas Bierbauch Stolz ein ›Roskilde ’96›-T-Shirt spannt.«

VIDEO: Dream of Life (Trailer)
(Regie: Steven Sebring)

Das Angenehme ist, wie aus dem Verzicht auf konventionelle Montagen üblicher Zeitzeugeninterviews ein eigener, persönlicherer Erzählton entsteht. Prominente Freunde bekommen ihren Platz, aber im privaten, nicht informellen Rahmen. Michael Stipe stellt auf einer Art Familienfest Patti strahlend seiner Mutter vor, bei einem Strandspaziergang unterhalten sich Flea (Red Hot Chili Peppers) und Patti über ihre Seelenverwandschaft. Das Irritierende daran ist, wie spürbar sich Smith selbst inszeniert. Ein bisschen linkisch vergewissert sie sich mitten im scheinbar ungekünstelten Moment per Seitenblick der Kamera. Alles drauf? Great!

    Auf zum nächsten Termin. »Wir hatten Träume – aber was haben wir erschaffen? Fucking George Bush« überlegt sie halb resigniert und wird dann auf die Bühne einer Friedensdemo geschoben, wo sie kurz mit erhobener Hand »People have the power« skandiert und sofort wieder verschwindet. Sprachrohrrolle erfüllt.

    Natürlich sieht man gerne dabei zu, wie Smith das Haus ihrer Eltern besucht und sich über Papas Bierbauch Stolz ein »Roskilde ‘96«-T-Shirt spannt. Nett, wie man zu den bevorzugten Kultstätten mitgenommen wird: »Nathan’s Hot Dog« auf Coney Island, Gedenkstätten geliebter Dichter – Yeats, Rimbaud, Ginsberg schwirren durch den Raum. P.B. Shelley zitiert sie Titelgebend »He does not sleep, he as awakened from the dream of life.« Aber auch jede noch so banale Beobachtung wird (Achtung: der Autor lugt über seine tief auf der Nase sitzenden Brille ins Publikum) mit der Aura großer Poesie aufgeladen. Schön auch, dass sie mit Sam Shepard auf dem Sofa ein Duett klampft. Aber was hilft das, wenn das fantastischste an Patti Smith zur Fußnote verkommt. Der eine aktuelle Livemitschnitt aus einem Konzert in London, »Gloria« aus der dritten Reihe völlig ungekünstelt mit der Handkamera aufgenommen, ist der Hammer, und wird in drei kurze Häppchen über den ganzen Film verteilt und verschenkt.

    Blick aus dem Fahrzeug. Unscharfe Landschaften in Schwarzweiß ziehen am Auge vorbei. So ergeht es auch Patti Smiths Traum vom Leben, der – soweit wird suggeriert – im großen und ganzen zu den Träumen gehört, die sich tatsächlich erfüllt haben. Die Freude, die man dabei mit ihr teilt fällt allerdings kaum größer aus, als jene, die man empfindet wenn ein Lieblingsonkel auf dem Familienfest eine Auswahl seiner gesammelten Urlaubsdias zeigt.

»Patti Smith: Dream of Life« von Steven Sebring ist am heutigen Dienstag (25.03.2008) auf ARTE zu sehen (ab 23:00 Uhr). Auf der ARTE-Webseite finden sich neben Smiths Biografie auch exklusive Videos aus der jüngeren Vergangenheit.

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