Goat Girl und Black Honey live, oder: warum jeder auf ein Konzert gehört

Goat Girl, Credit: Benjamin Glean

Die Sonne scheint, das Bier schmeckt, die Musik ist gut und in London ist das Leben sowieso besser. Irgendwas ist trotzdem anders. Das liegt nicht daran, dass neue Kopfhörer von Marshall an diesem Abend der Grund für die Zusammenkunft sind. Eher liegt es an der Zusammenkunft selbst. Zu sehr hat man sich an uniforme Gruppen vor Konzertbühnen gewöhnt, als dass man heute nicht wenigstens etwas überrascht ist: Ein teils erzwungener Verzicht auf Uniformität, der im ehrlichen Appell endet, es im echten Leben doch einfach genauso zu machen.

Vor einer riesigen schwarzen Wand bildet sich eine Schlange, die mit dem Wort uniform kaum schlechter beschrieben werden könnte. Zu Anzugträgern mit kleinen Brillen, die etwas nervös umherblicken, gesellen sich bunt gekleidete, junge Menschen mit großen Smartphones und noch größerem Selbstbewusstsein.

Credit: Benjamin Glean

In Physik lernte unser Redakteur vor nicht vielen Jahren, dass sich unterschiedliche Pole anziehen. Ein weiterer Beweis also, dass die beiden Personengruppen, die eigentlich in die gleiche Richtung – gen Eingang – strömen und sich trotzdem scheinbar voneinander weg bewegen, ungwöhnlich sind, ein naturwissenschaftliches Wunder. Vielleicht sind sie eher so wie Öl und Wasser – so lang getrennt, bis man sie unter Gewalt vermengt?

Eine rührende Idee, deren Umsetzung fraglich scheint. Einen Mixer hat niemand dabei. Aus einem naturwissenschaftlich unerklärlichen Grund bewegen sich die Gegensätze nach dem Eintritt durch die enge Pforte dann doch in die gleiche Richtung. Vor die Bühne, an die Bar. Die sieht aus, als wäre sie aus einem Indie-Keller liebevoll herausgetrennt worden, einmal etwas entstaubt und mit Vorsicht in einen Raum platziert, der sich seinem Vorbild genau anpasst. Ein Raum, in dem sich Krawatten und halb aufgeknöpfte Blumenhemden immer mehr vermischen. Den Blick auf die Bühne gerichtet, wird aus denen, die sonst nie einen ähnlichen Weg eingeschlagen hätten, eine Einheit.

Als erstes betreten Goat Girl die unwahrscheinliche Bühne vor dem unwahrscheinlichen Publikum – in Kapuzenpulli und Trainingshose. Ob es einfacher ist, sich mit Musik zu identifizieren, die sich in authentischem Gammellook präsentiert, hat noch niemand erforscht. Jedenfalls senkt er die Schwelle so weit, dass sogar Jackettträger im Takt wippen und wenigstens für einen kurzen Moment nicht über Frequenzbereiche nachdenken. Ein Lächeln huscht sicher dem ein oder anderen über die Wangen, wenn er jetzt mit deutlich mehr Selbstbewusstsein und weniger Scheue zu jemandem rüberschielt, der seine Erfahrung auf Instagram live bereitstellt.

Goat Girl, Credit: Benjamin Glean

Die Musikerinnen aus dem Süden Londons spielen ein kurzes, solides Set, haben ein wenig mit der Nähe zur Bar zu kämpfen, ohne sich aber zu sehr von gelegentlichen Bestellungen ablenken zu lassen. Sie stehen fast auf Augenhöhe mit dem Publikum und gehören in ihrer Normalität irgendwie dazu, eigentlich selbst an die Bar.

Musikalisch weniger konfrontativ, dafür aber mit intensiverer Inszenierung geben sich wenig später Black Honey. Die zweite britische Band, die an diesem Abend in der britischen Hauptstadt die Bühne betritt, spielt Rock zum Mitsingen, was auch einige tun. Die Hemden mittlerweile noch weiter geöffnet, spiegelt das Publikum die wilden Bewegungen, die Sängerin Izzy Philipps auf der Bühne vornimmt. Während Philipps ihren Lippenstift am Mikrofon abarbeitet, welches ihn wiederum bis an ihre Nase wandern lässt, wirken die Technikexperten immer noch etwas irritiert, aber dankbar. Und am Ende applaudieren gerade die am lautesten, die kein Smartphone in der Hand haben.

Black Honey, Credit: Benjamin Glean

Marshall lud dazu ein, neue Kopfhörer auszuprobieren und Live-Musik zu genießen. Die einen kamen, um sich Spezifikationen durchzulesen, die anderen, um sich selbst zu verwirklichen. Die Veranstaltung gibt den Appell mit, nächstes Mal den Freund zu fragen, der noch nie auf einem Konzert war. Im besten Fall ist er sehr dankbar, im schlimmsten nur um eine ungerechtfertigte Angst ärmer. Die Krawatte sollte man ihm vielleicht trotzdem vorher abnehmen.

Im SPEX-Magazin No. 379 wurde im Einklan über Goat Girl berichtet. Die Ausgabe kann nach wie vor versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden.

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