„Glücklich wie Lazzaro“ – Filmfeature zum Kinostart

Alice Rohrwachers Glücklich wie Lazzaro erzählt eine Geschichte von Freundschaft, Einfalt und Überraschungen. Ihre Zeitreise ist Märchen, italienischer Neorealismus und Parabel auf aktuelle politische Verhältnisse gleichermaßen.

Die Überraschung ist zum Schlüsselele­ment des Kinoerlebens geworden: Nie­mand möchte mehr irgendetwas im Voraus verraten bekommen, aus lauter Sorge, den Film dann nicht mehr „richtig“, soll hei­ßen: unwissend genießen zu können. Alice Rohrwachers Glücklich wie Lazzaro, für den sie den Drehbuchpreis in Cannes in die­sem Jahr bekam, ist allein schon deshalb sehenswert, weil er mit dem Element der Überraschung so anders umgeht als die aktuellen Mainstreamerzählungen. Ihre Ge­schichte zieht das Publikum hinein in eine Welt, die einerseits vollkommen vertraut und gegenwärtig erscheint und anderer­
seits immer etwas ganz anderes ist, als man es kennt und erwartet. Es beginnt irgend­wo im Süden Italiens in einem entlegenen Stück Landschaft. Man bekommt eine Dorf­gemeinschaft vorgestellt, die einerseits in mittelalterlicher Leibeigenschaft bei einer Art Gräfin gefangen scheint, andererseits mit einem Sony Walkman umzugehen weiß. Im Mittelpunkt steht Lazzaro (Adriano Tar­diolo), in dem man eine Variante des „rei­nen Tors“ sehen kann. Willig trottet Lazza­ro immer herbei, sobald sein Name gerufen wird und es eine Arbeit zu erledigen gilt: Stall ausmisten, Holz suchen, Wache hal­ten. Als sich der extravagante Sohn der Gräfin ausgerechnet ihn zum Spielgefähr­ten aussucht, glaubt man zu wissen, worauf es hinausläuft, aber wie gesagt: Es kommt dann noch mal ganz, ganz anders. Und vom Land geht es später sogar in die Stadt.

Im Ton schwankt Glücklich wie Lazzaro zwischen Märchen und Neorealismus, zwi­schen Parabel auf die italienische Geschich­te und Kommentar zu den sozialen Verwer­fungen heute. Rohrwachers Handschrift ist dabei so eigen, dass keine Vergleiche mit Vorläufern nötig sind. Ihr Film funktioniert wie ein Wunder, bei dem die überraschen­den Wendungen eben nicht überwältigen, sondern zum Staunen und deshalb auch zum Nachdenken verführen.

Glücklich wie Lazzaro
Italien, Frankreich, Schweiz, Deutschland 2018
Regie — Alice Rohrwacher
Mit Nicoletta Braschi, Tommaso Ragno, Adriano Tardiolo u.a.

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