Glass Animals: »Paul ließ eine Granate fallen und verschwand wieder«

Der Wald lebt und ohne Ananas keine Musik! Ein Interview mit der britischen Band Glass Animals über ihr Debütalbum Zaba, bevor sie dieser Tage in Leipzig und München spielen.

Dave Bayley, Drew MacFarlane, Edmund Irwin-Singer und Joe Seaward kennen sich von der Uni. Die Bandgeschichte ist eher klassisch und langweilig. Das ist angesichts von Musik und Texten allerdings mehr als leicht zu verschmerzen. Die Glass Animals weben auf Zaba, das im September bei Caroline erschienen, einen Sound fiebriger Biomasse. Es ist ein elektronischer Avant-Pop-Rock mit Hooks und voll von heißem Leben. Die Texte dazu wirken abstrakt und wie aus fremden Köpfen entrückt – nicht ohne Grund, wie Bandkopf Bayley erzählt. Ein Gespräch mit ihm und Schlagzeuger Seaward über entsagte Studienproteste, Nervenheilanstalten, die Studiotricks von Paul Epworth und Angst vor der Industrie, das sich zunächst aber erst einmal der Psychedelik der Natur widmet:

Dave Bayley: Vor Kurzem habe ich jemanden getroffen, der Tiere aufnimmt. Er packt die Mikrofone auch in die Tiere selbst, in Austern etwa oder Seeanemonen. Das ist ziemlich bizarr. Ich mag solche Aufnahmen, Klanglandschaften, auch wenn die meisten Leute sie eher langweilig finden. Alle Tiere haben einen eigenen Klang entwickelt, den auch andere nicht unbedingt wahrnehmen, wohl aber ihre Artgenossen.

Auf Ihrem Album gibt es sehr viele Naturaufnahmen. Haben Sie die als Field Recordings selbst angefertigt?
DB: Ja, hinter meinem Haus im Oxfordshire gibt es eine Wiese und einen Wald, durch den ein kleiner Fluss fließt. Des Nachts hört man dort die verrücktesten Geräusche, diverse Fledermäuse, seltsame Vögel, Pferde.
Joe Seaward: Neulich waren wir in Australien. Ed bemerkte gerade, wie eigentümlich ruhig es doch wäre, da stürzten plötzlich diese riesigen Flughunde mit ihren schrillen Schreien aus dem Baum über uns.

Und viele der Albuminspirationen, die Sie vor diesem Interview offengelegt haben, sind mit dem Dschungel und der Natur verbunden.
DB: Wir nehmen sogar im Wald auf, da wir einen ziemlich Krach machen. So stören wir niemanden.
JS: Außer den Tieren. Es gibt dort etwa leuchtend rote Wiesel, die wir verschrecken. Es ist schön da draußen, im Wald. Er hat einen seltsamen Einfluss auf unsere Musik.

Auch auf Ihre Texte?
DB: Nicht unbedingt. Ich versuche, über Dinge zu schreiben, die ich gesehen, beobachtet und zumindest davon gehört habe. Früher habe ich in einer Nervenheilanstalt mit zahlreichen Patienten gearbeitet, die sehr seltsame Perspektiven auf die Welten hatten. Ich habe viel Zeit damit verbracht, die Dinge aus ihren Augen zu sehen. Viele der Texte sind daraus entstanden.

Sie meinen Zeilen wie »Right my little pooh bear, wanna take a chance«? Ist das ein Zitat?
DB: Exakt. Aber ein Zitat ist es nicht. Es war lediglich mein Versuch, einen Patienten besser zu verstehen. In dem Text spricht der Erzähler zu einem Charakter, der kurz davor ist, etwas leicht Verrücktes zu tun.

Also beuten Sie die Erfahrungen Ihrer ehemaligen Patienten nicht aus?
DB: Definitiv nicht. Ich versuche, herauszufinden, was passiert, und ihnen so viel wie möglich zu helfen. Dabei verbringt man am Ende sehr viel Zeit damit, sich in sie hineinzuversetzen.

Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt bereits Ihr Studium abgeschlossen?
DB: Als wir die Band gründeten, waren wir alle noch an der Uni. Mittlerweile sind wir aber raus. Letztendlich habe ich mein Studium für die Band aufgegeben. Ich war mir sicher, dass ich nicht weiter Medizin machen wollte. Die Uni hat mir allerdings freundlicherweise erlaubt, die drei bereits absolvierten Studienjahre in einen anderen Abschluss umzuwandeln.
JS: Wir anderen drei haben unsere Studien abgeschlossen.

Damit sind Sie dem massiven Kostenzuwachs der ersten Cameron-Jahre knapp entgangen.
JS: Das stimmt, wir waren im Prinzip der letzte Jahrgang, der davon unberührt blieb.

Hat es Sie dennoch beeinflusst? Haben Sie etwa an den landesweiten Protesten teilgenommen?
JS: Nicht wirklich. Meine Uni zwar eine wirklich politisch aktive, an der sogar Thunfisch und Coca-Cola verboten wurden, und die Leute waren auch sehr sauer über die Reformen, lehnten diese scharf ab. Ich war allerdings zu sehr mit meiner Dissertation beschäftigt und hatte keine Zeit, mich zu beteiligen. Ich war gezähmt.

Haben Sie Zukunftsängste gehabt?
DB: Es sind beängstigende Aussichten, gerade Teil der Musikindustrie zu sein.
JS: Aber das kannst du für jeden Job sagen. Besonders im UK. Viele meiner Freunde suchen schon lange nach einer Stelle und wohnen noch bei ihren Eltern.
DB: Wenn man es so sieht, dann ist es natürlich gerade unser Glück, für den Moment eine Art »Karriere« zu haben. Aber die Industrie ist sehr fragil.

Sind Sie deshalb Ihre Entwicklung eher behutsam angegangen? Immerhin erschienen Ihre ersten Songs bereits 2010, begleitet von überwiegend positiven Reaktionen.
JS: Dennoch waren ihr eher so ein Industrie-Ding. Außerhalb davon interessierte sich noch kaum jemand für Glass Animals. Wir wurden überschwemmt von fragen wie: Braucht ihr einen Booker? Braucht ihr einen Manager? Einen Fahrer? Einen Anwalt? Nein! Wir mussten nicht mal, was das alles bedeuten sollte.
DB: Das war einer der Gründe, warum es so lange dauerte: Wir hatten absolut gar keine Ahnung von der Musikindustrie. Wir kannten auch niemanden und waren vorher nie in anderen Bands gewesen. Deshalb wählten wir unsere Partner sehr langsam und sehr ruhig aus.
JS: Damals waren wir auch schon so weit fortgeschritten mit unseren Abschlüssen, dass wir diese nicht direkt aufgeben wollten. Außerdem dachten wir auch, dass wenn unsere Musik den Leuten gefallen sollte, dann würden sie auch kein Problem damit haben, ein Jahr darauf zu warten. Und wenn doch, dann wäre alles ohnehin sinnlos.

Wurden Sie nicht nervös, als etwa die ähnlich gelagerten Alt-J ihren Überraschungserfolg hatten?
JS: Ich erinnere mich an eher an davor, als The xx ihren Mercury Prize gewannen. Das war ein riesiges Statement! Viele dachten: Holy shit, diese elektronische Musik mit Ambient-Elementen erreicht die Leute wirklich! Ein riesiger Pfad öffnete sich mitten hinein in den Mainstream. Radio 1 spielte plötzlich Musik, die es vorher niemals gespielt hätte.

Von Ihnen ist zu lesen, dass Sie sehr schüchtern Ihrer eigenen Musik gegenüber gewesen sind und sich erst im Laufe der Studiozeit wirklich erlaubten, diese einschneidend zu verändern.
DB: Es gab zunächst tatsächlich eine Art Sorge um die Musik. Wir haben stets an sie geglaubt, nicht aber unser Umfeld. Deshalb hielten wir zunächst alles sehr zahm und introvertiert. Ich lebte damals in einem kleinen Appartement in London, einem bunkerhaften Zimmer, in dem man nicht laut sein durfte. Deshalb nahm ich alles sehr leise auf. Viele Ideen kamen mir zudem spätnachts. Mit dem Fortgang aus Südlondon brach dann alles auf.
JS: Paul Epworth ermutigte uns immer wieder, uns zu öffnen. Don’t be shy!, sagte er oft. Wenn es uns gefiele, sollten wir es auch den Leuten da draußen zeigen. All das Equipment sollte schließlich nicht umsonst herumstehen. Be bold and go for it! Paul ließ uns einfach machen und wir verinnerlichten seine Botschaft.

Also war er eher ein Mentor denn ein Produzent?
JS: Exakt. Er steckte immer nach dem Abendessen einmal kurz den Kopf ins Studio und warf ein paar Ideen in den Raum, bevor er wieder weiterzog. Er ließ quasi eine Granate fallen und verschwand wieder. Wir schauten uns dann oft fragend an und mussten die so eben zerstörten Songs wieder neu zusammensetzen.

Epworth war da schon wieder drüben bei den Horrors.
DB: Nein, er arbeitete zu dieser Zeit gerade mit Coldplay. Und wohl auch mit U2. Er war schlicht zu beschäftigt, um uns wirklich zu produzieren. Aber er hätte das ohnehin nicht gewollt. In seinen Augen sollten wir es einfach selbst machen und erkennen, wozu wir in der Lage wären.
JS: Wir vertrauten einfach auf seinen Instinkt.

Wenn ich mir das neue Coldplay-Album so anhöre, dann könnte er allerdings Ihr Vertrauen auch genutzt haben, um Coldplay etwas von ihrem Sound einzuhauchen. Der ist nämlich plötzlich um einiges elektronischer geworden.
JS: Shit, wir sollten sofort mit Paul reden!
DB: Wir haben außer der ersten Single noch nicht viel gehört, aber da gefiel mir der Synthesizer- und Vocoder-Einsatz schon sehr gut. Das klang interessant.

Wie gut waren Sie auf die Studiozeit vorbereitet?
DB: Das Album war schon komplett geschrieben – mit drei Ausnahmen. »Cocoa Hooves« und »Black Mambo« sind erst im Studio entstanden, um die Räume zu füllen, die die anderen Songs zurückgelassen hatten. »Hazey« wurde dann sogar erst nachträglich, weniger als einige Woche vor dem Mastering eingespielt. Das war knapp.

Und werden Sie von nun an immer eine Ananas mit ins Studio nehmen, wie Sie es bei Zaba angeblich gemacht haben, um diese anzusingen?
DB: Natürlich! Wie könnte man unglücklich sein, wenn es doch eine Ananas im Raum gibt? Wissen Sie, es geht dabei um den Vibe! Jemand – ich glaube, es war ein Produzent von Duran Duran – hat mal gesagt: »Du kannst eine Rassel in London aufnehmen, oder du kannst eine Rassel auf den Bahamas aufnehmen.« Ich wollte wenigstens etwas von dieser Stimmung haben, da ich mir das Album durchaus tropisch erträumte.

Also haben Sie auch Palmentapete aufgehängt?
DB: Das nicht, aber ein paar dieser hawaiianischen Leis.
JS: Im Studio gab es außerdem eine bunte Lampe, mit einem Farbrad. Ich habe dann immer zu jedem Song die passende Farbe eingestellt.
DB: Wenn wir uns zum Beispiel nicht genug angestrengt haben, dann hat er sie voll auf Rot gedreht.
JS: So etwas kann tatsächlich den Unterschied ausmachen. Manchmal haben Dave und ich alle anderen rausgeschmissen, wenn wir aufnahmen, manchmal haben wir mehr und mehr Leute ins Studio geholt. Paul hat immer wieder solche Sachen vorgeschlagen und uns ermutigt, Dinge auszuprobieren, selbst wenn es das Trinken von vier Tassen Kaffee war. Außerdem kann er dich immer mitreißen, er trägt einfach so viel Energie in sich.

Glass Animals live
22.11. ​Leipzig – AudioInvasion @ Gewandhaus
24.11. ​München – Milla

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