Gisbert zu Knyphausen

Manche Namen sind so sperrig-toll, dass man sie nicht ändern darf, wenn man unter die Künstler geht. Neben der Schauspielerin Anne Ratte-Polle und der Quarks-Sängerin Jovanka von Willsdorf ist der debütierende Gisbert zu Knyphausen, gebürtiger Rheingauer, ein solcher Fall. Wie es sich für einen Singer-Songwriter gehört, ist er mitteilungsbedürftiger Melancholiker. Dennoch planscht er nur im Weltschmerz, ausgiebige Bäder darin unterbleiben dankenswerterweise ebenso wie die Formulierung expliziter politischer Anliegen. In der schwierigen Disziplin des Unpeinlich-auf-Deutsch-Singens macht er sich sehr viel besser als viele, und in gelungenen Momenten wie bei »Neues Jahr«, »Kleine Ballade« oder »So seltsam durch die Nacht« klingt er gelegentlich nach dem deutschen Low-Life-Romantiker Sven Regener. Auch sein Operieren mit Umgangssprache (»okay«, »scheißegal«, »kotzen« etc.) endet nie in Uhlmann’schen Jagdgründen. Zu Knyphausen kontrastiert diese Methode gelegentlich mit gewollt unpoetischem Jargon à la Lassie Singers und Tocotronic (»fixiert«, »Situation« etc.).

    Manchmal will man ihn auch würgen, weil sich Kirchentagsnachdenklichkeit in einen Song einzuschleichen beginnt, doch erstaunlicherweise überrascht er dann doch mit Zeilen, die originell sind, mit Bildern, die eindringlich sind, und mit Volten, die nicht vorauszuahnen sind. Seine vierköpfige Band spielt dabei einen – in seiner ausgestellten Instrumentenbeherrschung etwas zu könnerhaften – balladesken Gitarrenpop. Des Öfteren hat man Angst, dass gleich eine Mundharmonika einsetzt. Gut möglich, dass demnächst Scharen von gepflegt dreitagebärtigen Studenten nicht davor zurückschrecken werden, sich des Nachts mit ihrer Akustischen auf stillgelegte Bahngleise zu begeben, um dort Knyphausen-Stücke einzuproben und sich im Anschluss als Ausweis ihrer Empfindensdeepness gefühlig nass regnen zu lassen. Und wenn er demnächst in größeren Hallen auftritt, weil sich vom Hesse-Leser bis zur Marketingassistentin alle auf die non-spezifische Melancholie seines Befindlichkeitspops einigen können, wird auch die Feuerzeugindustrie ihre Freude an ihm haben.

LABEL: PIAS

VERTRIEB: RTD

VÖ: 25.04.2008

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