Girl Band – Das Hirn wird weich / Feature

Girl Band zeigen Melodieseligkeit und verschnarchter Retroheimeligkeit den ausgestreckten Mittelfinger – Ende Oktober auch live in Deutschland. SPEX präsentiert, verlost Tickets und stellt die Band aus Dublin im Feature aus SPEX N° 363 vor.

In großem Krach steckt immer auch ein großes Statement. Als Lou Reed 1975 mit der Feedback-Orgie Metal Machine Music den Noise in die Popmusik brachte, sah Rockkritiker Lester Bangs darin die Essenz des Rock’n’Roll – ein gigantisches »Fuck you«. Metal Machine Music sei die beste Platte in der Geschichte des menschlichen Trommelfells, schrieb er. Natürlich war das ironisch gemeint, aber liegt darin nicht auch ein bisschen Wahrheit? Dara Kiely zögert, dann lacht er: »Das kann nicht wirklich das beste Album aller Zeiten sein, oder?«

Der junge Ire ist Frontmann und Sänger von Girl Band, einem Quartett aus Dublin, das ausschließlich aus Männern besteht. Kiely, Gitarrist Alan Duggan, Bassist Daniel Fox und Schlagzeuger Adam Faulkner spielen kein Update von Metal Machine Music. Ihr Debüt Holding Hands With Jamie zeigt Melodieseligkeit und verschnarchter Retroheimeligkeit aber mit ähnlicher Vehemenz den ausgestreckten Mittelfinger.

Kritiker und Fans schwärmen von Tinnitus transzendierenden Auftritten, die ersten Singles sind vergriffen, sie wurden unlängst als The Early Years gebündelt und neu aufgelegt. Das Label Rough Trade hat Girl Band unter Vertrag genommen – ein Traum für Kiely und seine Jungs, verehrten und kopierten sie als Teenager doch die Strokes, deren frühe Singles ebenfalls bei Rough Trade erschienen. Seit der Gründung im Sommer 2011 sind Girl Band stetig gewachsen. In Bekanntheit wie im Sound. Um ihre Musik zu beschreiben, basteln sich Journalisten seltsame Genres zusammen, von Neo-Grunge bis Post-Goth. Kiely gefällt diese Hilflosigkeit. Schließlich wolle man ja Neues schaffen und nicht die ewig gleiche Suppe aufkochen.

Die Songs von Girl Band können und wollen sich nicht festlegen. Sie fransen aus, sie bäumen sich auf, sie kollabieren. Holding Hands With Jamie beginnt mit der Unmöglichkeit von »Umbongo«, einem Felsbrocken gleich liegt der Opener da. Die Gitarre heult wie eine Sirene, das Schlagzeug massiert einem das Hirn weich. Der Hörer ist verwirrt und verloren. In welches Stahlwerk ist man da geraten? »Das Stück handelt von einem Spaziergang durch Dublin«, sagt Kiely, »vorbei an Heroinabhängigen und Obdachlosen.« Ein Bewusstseinsstrom des Verlorenseins. Wie viele Texte von Kiely entfaltet auch der von »Umbongo« seine Wirkung unterbewusst, durch die Musik dringen Worte und Bilder, die bedrohlich über dem Krach schweben. »Ich hatte einen Nervenzusammenbruch, kämpfte mit einer starken Depression. Die Platte dokumentiert diese Erfahrung.«

Am Ende bleibt die Frage: Kann man als Rockband im Jahr 2015 noch innovative Musik machen? Ist die Herrschaftszeit der Gitarre nicht vorbei? Im Sound von Girl Band spürt man die Einflüsse von Techno: Bass und Schlagzeug spielen eine tragende Rolle, die Iren bauen und lösen Spannung auf wie elektronische Musiker. Kiely sieht in der Entwicklung der zeitgenössischen Musik dennoch mehr Segen als Fluch: »Zum ersten Mal in der Geschichte hat jeder Mensch Zugriff auf alle Musik, die je gemacht wurde«, sagt er. Das werde Mauern einreißen und Genres verschmelzen. Haltung und Vision. Mehr hatte Lou Reed auch nicht.

SPEX präsentiert Girl Band live – leider abgesagt!
29.10. Berlin – Urban Spree
30.10. Leipzig – Ilses Erika

Wir verlosen jeweils 2×2 Tickets für die Konzerte von Girl Band in Berlin und Leipzig. Wer sein Glück versuchen möchte, schickt einfach bis zum 28. Oktober eine Mail mit dem Betreff »Girl Band« und dem vollständigen eigenen Namen an geweinnen@spex.de. Es entscheidet das Los.

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