Gianna Molinari – Draußen bei den Mülltonnen / Feature

Gianna Molinari

Was tun mit einem geschlossenen System? Eindringen. Gianna Molinari liefert mit Hier ist noch alles möglich ein kluges Debüt über die Jagd nach Zugehörigkeit – featuring Grenzen, Identität und der böse Wolf. Im Feature machten wir uns noch Gedanken darüber, ob genug Leute mitbekommen würden, wie großartig ihr Roman ist. Jetzt steht sie auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Wir sind beruhigt.

Der Koch will ihn gesehen haben, draußen bei den Mülltonnen, groß und bedrohlich. „Es gibt Gründe, warum der Wolf hier schon einmal ausgerottet wurde“, sagt er. Und es soll dann auch wieder Jagd auf ihn gemacht werden. Zwar steht die alte Fabrikhalle kurz vor der Stilllegung, aber einen Wolf will hier niemand.

Gianna Molinari, 1988 in Basel geboren, scheint schon immer einen gewissen Hang zum Erzählen von Geschichten zu haben. Als Kind bastelt sie kleine „Büchlein“, wie sie sagt, für ihre Eltern und Verwandten. Am Anfang noch voller selbst gezeichneter Bilder, sie habe viel gemalt. Später dann auch mit Text. „Aber das war jetzt keine Massenproduktion“, erinnerte sich Molinari lachend. Auch heute noch ziehen sich kleine Skizzen durch ihren Roman. Es helfe ihr, sich mit einem anderen Medium zu ordnen, sagt sie. „Das gehört sehr stark zum Schreiben. Und deswegen auch zum Text.“

In ihrem ersten Roman Hier ist noch alles möglich übersetzen sich diese Strategien auf ihre Protagonistin. Als die namenlose Nachtwächterin ihre neue Stelle in der Fabrik antritt, beginnt sie, ihr Umfeld zu erkunden. Zum einen geografisch, indem sie sich Stück für Stück die Halle, das Gelände, das Umland erschließt. Aber auch sozial, indem sie sich den anderen Figuren nähert, nach ihren Geschichten fragt und versucht, Teil davon zu werden. Ihre Erkenntnisse hält sie fest, in Skizzen, Fotografien und handschriftlichen Randnotizen in ihrem Universal-General-Lexikon. „Ein Wolf ist möglich“, ergänzt sie dort den entsprechenden Eintrag.

„Ein Wolf ist möglich.“

Molinari selbst steckt gerade noch im „Nach-Festival-Blues“. Vor kurzem sind die Solothurner Literaturtage zu Ende gegangen, an denen sie mitgearbeitet hat. Etwa zur gleichen Zeit hat sie auch zum ersten Mal ihr Buch in der Hand gehalten. „Da war ein bisschen sehr viel zu Ende“, sagt Molinari. „Aber eigentlich ist es ja ein Neuanfang.“ Im vergangenen Jahr hat sie bereits einen Auszug beim Bachmannpreis in Klagenfurt gelesen. Dabei hatte Molinari die Bewerbung zunächst gar nicht so ernst genommen. Falls es klappt, könne sie immer noch absagen, habe sie gedacht. „Das ist natürlich die größte Illusion!“, sagt Molinari heute. Denn wer einmal eingeladen ist, sagt nicht mehr ab. „Es war eine meiner schönsten Lesungen“, erinnert sie sich. „Weil das Publikum so dicht dabei ist und man spürt, dass das wirklich begeisterte Literaturmenschen sind.“ Andererseits ist Klagenfurt auch immer eine Ausnahmesituation, eine extrem unmittelbare Kritik der eigenen Arbeit. „Man präsentiert sich da, man wird zerpflückt“, sagt sie. „Und die Hälfte bekommt man eh nicht mit.“

Das macht nichts, solange andere mitkriegen, dass Hier ist noch alles möglich ein großartige Roman über Grenzen und Identität ist. „Wer darf wo leben? Wer darf rein, wer raus? Schließen wir uns ein oder aus?“, fasst Molinari die Fragen zusammen, die darin thematisiert werden. „Das treibt mich schon sehr um.“ Am Ende geht es auch um die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Der Wolf bleibt eine diffuse Bedrohung. Bis zum Schluss ist nicht klar, ob er überhaupt existiert.

Das Feature mit Gianna Molinari erschien, neben zahlreichen anderen, im Einklang der SPEX No. 381. Diese und andere Ausgaben können nach wie vor versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden.

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