„Ghostland“ / Filmfeature

Zwei Schwestern, ein Geisterhaus im Nirgendwo, gruselige Puppen – Zutaten für einen x-beliebigen Direct-to-Ramsch-Horror? Nicht so schnell! Die Handlung von Ghostland schlägt diverse überraschende Haken und bietet ein Gewaltstakkato mit genialem Schnitt (no pun intended).

Vor dem Vorspann eine Widmung an H.P. Lovecraft. Die ist, wird dann klar, Teil des Films, in dem der Weird-Horror-Autor auch selbst kurz auftritt. Widmung wird Welt beziehungsweise Teil davon. Umgekehrt ist es mit Teilen einer vertrauten Genrewelt, die Ghostland bevölkern, als wäre der kanadische Film mit dem Dutzendtitel ein Stück Direct-to-Ramsch-Horror: Autofahrt ins Öde, ominöse Tankstelle, Einzug ins einsame Haus, darin alte Puppen, tiefe Keller, unsichere Türen. Diese Welt ist gewidmet – gerahmt, adressiert; ebenso der springfreudige Plot, von Spuk und home invasion zu Survival-Horror mit Psycho-Familie – oder sind es zwei? Definitiv sind der Schwestern zwei, aber ihr Verhältnis ist instabil: Neid, Streit, gegenseitige Hilfe – und Wahnsinnszuschreibung.

Regie führt Pascal Laugier, bewährt im Ausmalen von Situationen „konzentrierter Unterbringung“. Dieses Wort des FPÖ-Innenministers in Sachen Refugee-Quartiere geht derzeit in die alpenrepublikanische Politfolklore ein. Ösistan ist gar nicht weit von Ghostland. Denn aus all den Filmen, die seit 2006 Natascha-Kampusch- oder Fritzl-Family-Szenarien variieren – Dauereinsperrung, Versorgung, die Misshandlung ist –, ragen die von Laugier heraus: Martyrs (2008) als niederschmetterndes French-Extreme-Drama über Ökonomien der Traumatisierung, The Tall Man (2012) als Thriller über Klassenaufstiegsfantasien.

 

Lebenserhaltung im Schmerz: Das hallt in Ghostland nach. Auch ein Hang zu erbarmungswürdigen Leidensikonen, halb spekulativ, halb genuin traurig. Und starker Schnitt, der noch im Gewaltstakkato etwas Verborgenes anklingen lässt. Und ein Hakenschlagen, das vieles revidiert und doch bekräftigt: Du steckst da noch drin. So wie Ghostland ein Feststecken in den Nullerjahren ausagiert. Als warte der Film im Kinodunkel darauf, dass die Zyklen der Retrokultur bei ihm ankommen.

Ghostland
Kanada, Frankreich 2018
Regie: Pascal Laugier
Mit Crystal Reed, Anastasia Phillips, Emilia Jones u. a.

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