Ghayath Almadhoun wurde in einem palästinensischen Flüchtlingslager geboren, wuchs in Syrien ohne Papiere auf und floh vor dem Assad-Regime nach Schweden. SPEX hat den Dichter im Exil getroffen.

 

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Ghayath Almadhoun lebt nicht mehr in Syrien, als der Bürgerkrieg beginnt. Schon 2008 ist der Dichter vor dem Assad-Regime nach Schweden geflohen. Aus dem Exil beobachtet er die Entwicklungen in dem Land, das so viele seiner Erinnerungen geschaffen hat. Das Land, in dem er als Sohn eines Geflüchteten aus Gaza aufgewachsen ist – ohne Papiere. Heute hat Almadhoun als palästinensisch-syrisch-schwedischer Dichter vier Gedichtbände veröffentlicht, Ein Raubtier namens Mittelmeer (Arche), sein erstes Buch in deutscher Übersetzung, erschien 2018. Aktuell ist Almadhoun Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Mit SPEX sprach er über seine Identität, seine widersprüchliche Beziehung zu Damaskus und seine Rolle in der syrischen Revolution.

SPEX: Herr Almadhoun, Sie haben in einem TV-Interview an Schriftsteller_innen und Dichter_innen gewandt gesagt: „Wenn ihr in einer Diktatur lebt, dann flieht!“. Braucht es dort keine Schriftsteller_innen?

Ghayath Almadhoun: Es gibt eine sehr starke Verbindung zwischen Kreativität und Freiheit. Ja, einige der wichtigsten Schriftsteller_innen und Künstler_innen der Welt lebten unter repressiven Regimen. Aber ich persönlich, als Mensch Ghayath, glaube an die Meinungsfreiheit, Demokratie und Gleichheit. Als Schriftsteller Ghayath muss ich sie deshalb praktizieren. Und das ist nicht möglich in Diktaturen. Deshalb rufe ich jeden Menschen dazu auf, zu gehen, der unter diesen Regimen lebt und die Chance hat, zu entkommen. Warum sollte irgendjemand unter einem Regime wie dem von Saddam Hussein leben müssen? Es ist ganz natürlich, dass Schriftsteller_innen vor ihren Unterdrücker_innen wegrennen. So war es auch in der Nazi-Diktatur. Wer nicht flieht, wird mit Hindernissen konfrontiert, die das Schreiben verhindern oder verbieten. Das – oder die Schriftsteller_innen selbst werden zu Kompliz_innen. So wie Ezra Pound, Martin Heidegger, Salvador Dalí und Adonis (Alias des syrisch-libanesischen Lyrikers Ali Ahmad Said, Anm. d. Red.). Es ist entweder das eine oder das andere.

„Ich bin ein Dichter, der von seinen Gedichten lebt“ – Ghayath Almadhoun (Foto: Jesper Hyuk, Bearbeitung: SPEX).

Wer ist Ghayath Almadhoun?

Ich bin ein Dichter, der im palästinensischen Jarmuk-Flüchtlingscamp in Syrien als Sohn eines palästinensischen Vaters aus Gaza und einer syrischen Mutter aus Darʿā geboren wurde. Ich hatte die gesamten 29 Jahre, die ich in Syrien verbrachte, keine Papiere. Ich entschied mich daher dafür, das Land zu verlassen – bei der ersten Gelegenheit, die sich mir bot. Diese kam in Form einer Einladung zu einer Lesung in Schweden. Desweiteren brauchte es noch ein Reisedokument der palästinensischen Autonomiebehörde und einen bestechlichen Beamten an einem syrischen Flughafen. Als ich in Schweden eintraf, beantragte ich politisches Asyl. Nach drei Jahren erhielt ich die schwedische Staatsbürgerschaft. Schweden wurde also das erste Land der Welt, das mich als menschliche Existenz anerkannte. Als ich den schwedischen Pass erhielt, wurde ich Palästinenser. Ich konnte Palästina zum ersten Mal in meinem Leben besuchen. Erst der schwedische Pass gab mir das Recht zur Rückkehr.

In Ihren Gedichten sprechen Sie vor allem von Damaskus und Syrien.

Als eine Person im Exil habe ich Sehnsucht nach dem Ort, an dem ich gelebt habe. Wo meine Erinnerung sich herauskristallisierte und verstärkte. Deswegen habe ich natürlich Sehnsucht nach Syrien und nicht nach Palästina. Denn ich hatte Palästina vorher ja nie gesehen. Gleichzeitig ist meine Beziehung zu Damaskus kompliziert. Damaskus bedeutet Freiheit für mich. Und das Verwirrende daran ist, dass es beherrscht wird von einer der härtesten Diktaturen. Was al-Assad – der Vater und der Sohn – alles gewagt haben. Was sie den syrischen Menschen angetan haben und immer noch antun. Das ist der Widerspruch. Der Ort, der für mich Freiheit repräsentiert, ist gleichzeitig das Königreich des Verstummens.

Wurde Krieg zum Teil Ihres Schreibens?

Ich schreibe über mein Leben, meine Alpträume und darüber, was ich zurückgelassen habe. Mein Leben spiegelt sich in meinen Gedichten. Alles, was ich durchlebte und erlebte, alles, an das ich mich erinnern, das ich mir vorstellen kann, wird wild zusammengewürfelt. So kommen meine Bilder zustande: erwartbar und unerwartbar. Fiktion und Realität. Wenn mein Leben friedlich wird, werden meine Gedichte friedlich. Wenn ich im Regenwald leben würde, würdest du Regen in meinen Gedichten finden. Weil ich Palästinenser bin und ich als Geflüchteter geboren wurde, werden meine Gedichte mit Sicherheit nicht wie Gedichte von einem jungen französischen Mann sein, der aus der Pariser Vorstadt kommt. Ich wurde in Syrien geboren, bin dort aufgewachsen, wurde Zeuge von diesem Massaker dort. Natürlich spiegelt sich all das auch in meinen Gedichten wider. Wäre dem nicht so, dann wäre ich getrennt von der Realität oder gefühllos.

Sehen Sie sich als Teil der syrischen Revolution?

Ich war nicht in Syrien, als die Revolution 2011 begann. Ich nahm daran also nicht teil. Ich empfinde deshalb ein Gefühl der Bitterkeit, eine Enttäuschung, dass ich nicht Teil der Revolution bin. Ich suchte damals nach einem Weg, um nach Syrien zu kommen. Aber ich prallte mit der Realität zusammen. Es gab die Möglichkeit, durch die Türkei nach Syrien einzureisen. Aber dann entschied ich mich dagegen. Ich stellte fest, dass ich ein Feigling bin und Angst davor hatte, zu sterben. Und das hat meine Gefühle in fürchterliche Widersprüchlichkeit gestürzt. Verdiene ich es zu feiern, wenn die Revolution triumphiert? Werde ich mich schuldig fühlen, wenn die Revolution scheitert? Hätte ich eine Waffe tragen und kämpfen müssen? So wie all die Menschen auf der Welt, dich sich mit Waffen von Diktaturen, vom Kolonialismus befreien? Ich verdiene es nicht, als Teil der syrischen Revolution gesehen zu werden. Aber ich bin Teil der Konsequenzen des syrischen Desasters. Die Zerstörung Syriens ist die Zerstörung meiner Orte, meiner Erinnerungen und meines Gedächtnisses. Das Töten der syrischen Menschen ist das Töten meiner Familie und Freund_innen. Selbst wenn ich nicht Teil der Revolution bin, ist sie Teil von mir. Auch wenn ich nicht nach Syrien gegangen bin, kam Syrien zu mir.

Welche Bedeutung hat Poesie für Sie?

Ich bin ein Dichter, der von seinen Gedichten lebt. Das ist eine Herausforderung. Die Poesie ist kein Hobby für mich. In den letzten elf Jahren habe ich nichts anderes getan, als Gedichte zu schreiben. Und ich bin auch nicht willens, irgendetwas anderes zu tun. Selbst, wenn ich dabei verhungere. Warum können so viele von ihren Berufen leben, aber nicht die Dichter_innen? Sie müssen Gedichte als Hobby schreiben und immer nach anderen Wegen suchen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Da ist etwas falsch an der Art und Weise, wie die Gesellschaft mit dir umgeht. Ich denke, dass eines Tages der Mensch zu dem Schluss kommen wird, dass die Dichter_innen – wie alle anderen auch –, wenn sie gut und kreativ sind in ihrem Beruf, von ihren Gedichten leben können sollten.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich beende bald mein fünftes Buch, das ich letztes Jahr in Amsterdam begann. Und wenn ich mein fünftes Buch beendet habe, dann werde ich mein sechstes Buch schreiben. Im Moment denke ich darüber nach, in welches Land ich nach meiner Literatur-Residenz in Berlin ziehen werde. Meine Wahl liegt zwischen Paris und New York. Obwohl Berlin eigentlich meine Wahl bleibt. Berlin ist eine meiner Lieblingsstädte, weil es hier so viele Künstler_innen aus der ganzen Welt gibt.