Get Physical

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So einfach ist es nicht, im von vornherein schon abstrakten Techno-Wesen einen wieder erkennbaren Sound zu erfinden. Get Physical ist das gelungen. Das Berliner Label feiert zurzeit seinen 5. Geburtstag mit einer ausgedehnten Tour durch Europa, und Mitbegründer DJ T. kommentiert die Abende im Londoner Fabric, bei »We Love…« in Paris oder der Elektroküche in Köln mit den Worten: »Wir fühlen uns wie kleine Jungs auf Klassenfahrt«. Die Bauernregel, wonach Kunst schön ist, aber viel Arbeit macht, hat das Berliner Autoren-Label um DJ T. alias Thomas Koch, den aus Patrick Bodmer und Philipp Jung bestehenden M.A.N.D.Y. sowie Booka Shade (Walter Merziger und Arno Kammermeier) seit einem längst zum Mythos stilisierten Gründungsabendessen in Prenzlauer Berg von Anfang an beherzigt. Nach der Gleichsetzung von Schufterei und Party darf nun einen Sommer lang das Feiern im Zentrum stehen. Und der Blick in die Vergangenheit bedeutet Get Physical dabei weniger als die Freude auf das, was da kommen mag. Denn wenn DJ T. freudestrahlend von »drei Label-Artists pro Nacht erzählt«, getoppt von Paris, wo »wir mit der vollen Manschaft da waren, sieben Artists auf zwei Floors«, dann klingt das wie das Verweilenwollen in einem Bruchteil von Moment, bevor das Label Get Physical Music zu einer so bewussten wie eben doch nicht vollständig kontrollierbaren Mutation ansetzt.

    Was bisher geschah: Die ersten Maxis auf Get Physical erscheinen von M.A.N.D.Y., Chelonis R. Jones, DJ T. und eben Booka Shade. Ihnen ist nicht bloß das ungewöhnlich transparente, voluminöse Sound-Design der ausführenen Produzenten Walter Merziger und Arno Kammermeier sowie das brilliante Mastering gemein, die noch heute dazu führt, dass sich DJs beschweren, »die Platten klingen so gut, danach kann ich eigentlich nichts mehr auflegen«. Von Anfang an bringen Get Physical-Tracks den Glam der Disco  und elektroiden Funk unter den Hut einer smarten Minimal-Ästhetik. Das wirkt und füllt die Tanzflächen. Dazu kommt, dass die Label-Macher alle schon bei Gründung im Jahr 2001 bereits seit vielen Jahren im Geschäft sind. Thomas Koch war Gründer und Verleger des Groove-Magazins bis zu dessen Verkauf an Piranha Media im Jahr 2004, Kammermeier und Merziger von Booka Shade waren mit unzähligen, zumeist kommerzielleren Club-Projekten aktiv und produzierten Musik für Werbung, während Philipp Jung von M.A.N.D.Y. bereits als A&R für Jive Records und V2 arbeitete. Entsprechend geschäftsgewandt betreiben sie ihr Label. »Nach den ersten zwei Jahren hat es uns schnell nach vorne katapultiert, weil wir mit unserem Sound eine Nische besetzten« blickt DJ T. zurück. »Wir haben z.B. immer schon einen relativ hohen Promotion- und Marketing-Aufwand betrieben und generell immer alle Gewinne wieder ins Label investiert. Als Betreiber des Labels haben wir uns bis heute keinen Euro ausgezahlt. Eine starke Struktur ist uns wichtiger.«

    Die angesprochene Struktur ist mittlerweile, im fünften Jahr des Labelbestehens, so ausgebaut, dass große Veränderungen anstehen. Innerhalb der nächsten zwölf Monate wird das bisherige Volumen an Album- und Compilation-Veröffentlichungen laut DJ T. verdreifacht. Alben werden u.a. kommen vom alten Stamm Jones, DJ T. und Booka Shade, und dazu stehen Longplayer von Lopazz, Samim und Jona an. Die Pariser Chateau Flight werden eine Compilation für die erfolgreiche »Body Language«-DJ-Mix-Serie zusammenstellen, auch DJ Koze und Herbert sind angefragt. Das Schöne an all diesen Entwicklungen ist, dass bisher noch jede 12“ aus dem Haus Get Physical so liebevoll produziert, gemixt, verpackt und beworben wird, dass gar nichts anderes möglich ist, als Get Physical volles Vertrauen für die Neu-Ausrichtung zu schenken. Zudem bemühen sich Get Physical gerade um einen Album-Deal mit einen exzeptionellen Singer/Songwriter, der in Club-Kreisen durch diverse Kollaborationen bekannt ist, dessen Name aber noch nicht genannt werden soll. Ob sie den kriegen oder nicht: Die Frage, was Pop ist und wie man als Label heute damit umgeht, die werden sich Get Physical bald stellen müssen. So gefragt sind sie heute.

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