Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Jugend? Hollywood-Stars mit politischer Agenda? Alles Heuchler_innen! Die Stand-Up-Comedy hat sich in jüngster Zeit zu einem polemischen Schreihals entwickelt. Dahinter steckt ein gesellschaftliches Problem.

Ricky Gervais steht in einem Hotel und macht Witze. Immer wieder betont der britische Komiker, wie egal ihm alles sei. Nach ihm die Sintflut, vor ihm die Korruption. „Ihr sagt, ihr seid woke“, ruft der Moderator der Golden Globes 2020 dem versammelten Hollywood zu, „aber die Firmen, für die ihr arbeitet, produzieren mit Ausbeuterbetrieben in China.“ Gervais kommt in Fahrt, vergleicht Amazon mit dem IS. „Wenn ihr heute Abend gewinnt, nutzt dies nicht als Plattform für eine politische Rede. Ihr seid nicht in einer Position zu belehren“, belehrt Gervais. „Ihr wisst nichts über die echte Welt.“

Heuchelei-Polizei: Komiker Ricky Gervais bei der Verleihung der Golden Globes (Collage: SPEX).

Gervais’ Moderation erntete viel Lob. Rechts wie links des politischen Spektrums. Und auch rechts wie links des Atlantiks. Der erzkonservative politische Kommentator Ben Shapiro fand ihn toll, Sophie Passmann auch. Besonders auf Twitter fand Gervais Zustimmung – was nicht verwundert, arbeitet seine Comedy doch mit den Mitteln der sozialen Medien. Im Fall Gervais herrscht eine selten gewordene Einigkeit über politische Lager hinweg. Was da so eint, ist der Nihilismus, den Gervais sich selbst verliehen hat. Er trägt keine Verantwortung, muss sich um nichts sorgen. Das mag auch der Grund sein, warum Gervais sich immer wieder dafür bezahlen lässt auf dieser als  Verleihung getarnten Werbesendung zu sprechen, die den Shows und Filmen auf Amazon und Apple-TV (in seiner Welt also: dem IS) neue Zuschauer generiert.

Wir sind alle Heuchler_innen

Aber nein, ihm, Ricky Gervais, ist ja alles egal. Er ist kein Heuchler. Wahrscheinlich besitzt er auch kein Handy und betreibt seinen Twitter-Account in einer Bibliothek, von wo aus er seit seinem Auftritt all seinen Kritiker_innen fleißig Humorlosigkeit attestiert. Aber ich bin mir aus statistischer Wahrscheinlichkeit heraus recht sicher, dass zumindest ein paar Tweets von einem iPhone versendet wurden. Und genau darum geht es ja: Wir sind alle Heuchler_innen. Der_die Vegetarier_in, der_die schon mal Fleisch gegessen hat. Greta Thunberg, die das Auto vom Hotel zum UN-Gebäude nimmt. Ich, der Autor, der diesen Artikel auf einem Apple-Produkt tippt.

Es ist so leicht, Heuchelei herauszustellen und sich über sie lustig zu machen. Jede_r trägt Widersprüche in sich, Inkonsistenzen. Die Gesellschaft aber hat verlernt, diese auszuhalten oder vielleicht sogar zu feiern. Wir sind alle wütend, verletzt, unsicher. Es ist zu viel Mist passiert in den vergangenen Jahren. Und weil unser Alltag so voller Schmerz ist, suchen wir nach der schnellen Lösung, dem kurzen Gefühl von vollkommener Klarheit, moralischer Absolution. Welche im Nihilismus eben schnell und einfach zu erreichen ist. Ein kurzes, kathartisches Glück.

Anstatt die eigene Heuchelei anzugehen, wird auf die fremde verwiesen. Gervais sagt: Ich bin ein Arschloch, ich bin faul, ich versuche erst gar nichts. Und gilt damit plötzlich als charakterstarker Mahner. Der Nicht-Versuch als Urkonstanz in einer Welt im Ungleichgewicht. Womit Gervais zum Teil einer Heuchelei-Polizei wird, die unsere Kultur dominiert.

Von South Park bis zu Joker, immer wieder ist in den vergangenen Jahren ein Narrativ erstarkt, das seinen unterschiedlichsten Akteur_innen ein „Endlich sagt’s mal einer“ abtrotzt. Geschichten, die alle und alles verurteilen außer die eigene Passivität. Gegen jede Form der Leidenschaft, die ohne das Sicherheitsnetz der Ironie arbeitet, dessen man sich selbst so oft bedient. Geeint in der Verachtung für den Versuch, den Kompromiss, Prozess und Pragmatismus.

Gerade das Genre der Stand-up-Comedy hat sich den vergangenen Jahren zu einem polemischen Schreihals entwickelt. Die beiden meistgeschauten Stand-up-Shows auf Netflix waren im Jahr 2019 Kevin Harts Irresponsible und Dave Chappelles Sticks & Stones. Chappelle präsentierte sich als wütender Onkel, der weder verstehen noch akzeptieren will, dass er bestimmte Dinge einfach nicht mehr sagen darf – zumindest nicht ohne Gegenrede. Seine Komik zog er aus Vorwürfen an die sogenannte cancel culture, Millennial-Schneeflocken und alles, was als „politisch korrekt“ gelabelt wird. Chappelles Heuchler_innen-Bashing lässt sich auf eine simple Herablassung reduzieren: Kriegt euch doch mal alle wieder ein. Eine Attitüde, die Chappelle mit vielen Kolleg_innen teilt. Louis C.K. war immer schon stinksauer. Nun aber ist er wütend, weil er plötzlich in einer Welt lebt, in der man nicht mehr ungefragt Kolleginnen seinen Penis zeigen darf. Luft macht er sich mit Tiraden über die verweichlichte Jugend. Eine Strategie, die er zum Beispiel mit dem deutschen Komiker Dieter Nuhr teilt.

Die Welt der Komik ist binär

Stand-up hat immer genau zwei Stufen: Aufbau und Pointe. Eine Banane liegt auf dem Bordstein. Otto wird von einem Auto erfasst. Erwartung, Überraschung. Die Welt der Komik ist binär. Und es scheint, viele Komiker_innen kommen nicht mehr klar in einer mehr und mehr nicht-binären Welt. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass viele Comedians wie Tina Fey oder auch Ricky Gervais ein Problem mit Bisexualität, Transgender und nicht-binären Menschen haben. Die Welt der Comedy hat einen Anfang und ein Ende, nichts dazwischen und nichts dahinter. Und genau hier wird das Scheitern von Komik wahrscheinlicher.

Dieter Nuhr war immer schon mit jener Arroganz und Sattheit gesegnet, die ihn zum idealen Gegenredner der Fridays-for-Future-Bewegung macht. „Streaming“, zitiert Nuhr die Neue Zürcher Zeitung, „produziert doppelt so viel Emission wie der Flugverkehr“. Wenn das die Demonstrant_innen wüssten, so Nuhr, sie würden sofort ihre Plakate gegen Handys tauschen. Nuhr inszeniert sich als Sachverständiger, der der Jugend Alter und Weisheit voraus haben will. Was grotesk ist, da sein Bild der Jugendlichen so voller Klischees und Beobachtungsleere ist, dass es letztlich in altersmüder Bitterkeit mündet. Nuhr kann der Jugend ihre Heuchelei nur vorwerfen, wenn er diese bewusst fehlerhaft entwickelt. Das ist das nächste Level der Widerspruchsschnüffelei. Es wird sich nicht nur beinahe neurotisch auf die Heuchelei konzentriert, sie wird bei Nuhr sogar selbst erst konzipiert. Das Argument: Die Mehrheit des weltweit ausgestoßenen Kohlenstoffdioxids wird durch Atmen produziert. Nuhr appelliert demnach dafür, nur jene Klimaschützer_innen ernst zu nehmen, die sich umbringen. Glückwunsch. Zuerst entreißt er willentlich den Demonstrant_innen um Thunberg ihre Forderung nach einer wissenschaftlich gestützten Politik und verkauft sie mit der ihm eigenen Überheblichkeit als die seinige. Und dann wirft er den Schüler_innen auch noch vor, nicht zu wissen, was Eigenständigkeit bedeutet, weil sie Taschengeld beziehen, und den mitdemonstrierenden Lehrer_innen gleich mit, weil die ja vom Staat bezahlt werden. Nuhr sagt dies alles gebührenfinanziert in der ARD – was für ein Heuchler!

Die Heuchelei-Polizei will immer vereinfachen. Will die Komplexität in die Binarität zurückführen. Wobei man an dieser Stelle präzise sein muss: Die Welt an sich ist nicht komplizierter geworden, die Komplexität der Welt ist vielmehr sichtbarer geworden. Minderheiten bekommen Plattformen, Standards verschieben sich. Was mal als akzeptabel galt, ist mittlerweile auch offiziell sexuelle Belästigung. Aber es war noch nie okay, anderen ungefragt seinen Penis hinzuhalten. Nur verließ dieser Sachverhalt bis vor einigen Jahren meist nicht das Hotelzimmer, in dem er passierte. Heute gibt es Widerspruch. Die herrschende Klasse musste sich noch nie so sehr rechtfertigen. Damit ringen Louis C.K., Nuhr und Co.. Der Widerspruch kommt, genauso wie das Lob, von allen Seiten, von links wie von rechts.

Stand-Up offenbarte zuletzt eine Neigung zum Gekränktsein und zur Dünnhäutigkeit. Eine Reaktion auf die eigene Überforderung, da Comedy oft Teil des Problems ist, wie Kommunikation im öffentlichen Raum stattfindet, gleichzeitig aber auch von vielen als Lösung eben jenes Problems angesehen wird.

Gervais, wie so viele seiner Kolleg_innen, argumentierte zuletzt immer wieder mit der Meinungsfreiheit. Subtext: Lasst mich endlich wieder alles sagen, ohne dass mir wer dazwischengrätscht. Der Stand-up will endlich wieder nicht mehr haften müssen für seine Kunst. Er will die Deutungsmacht, will jede_n zum_r Heuchler_in erklären, der_die es verdient. Selbst aber will er nicht auf derselben Skala bewertet werden. „Es sind nur Witze“, begann Gervais seinen Monolog bei den Golden Globes. Nicht, dass noch jemand etwas von ihm einfordert.

Was in der Komik die Dünnhäutigkeit ist, ist im Journalismus nicht selten die Unsicherheit. Auch die Umweltsau-Verfehlung des WDR begründete sich in dieser Dynamik. Erinnern wir uns: Ein freier Mitarbeiter lässt einen Kinderchor ein Lied singen, das den Boomern ihre CO2-Bilanz unter die Nase reibt. Die besungene Oma ist weder real noch an eine konkrete Person angelehnt – was sie verklärungsanfällig macht. In der imaginären Repräsentation der ach so tugendhaften Nachkriegsgeneration ist es ein Leichtes mit deren Fehlerfreiheit zu argumentieren. Weil Oma „immer hart gearbeitet hat”, kann sie „keine Umweltsau sein”, sagte WDR-Intendant Tom Buhrow. Und nahm damit die Argumentation von Rechtsaußen vorweg. Wer Deutschland wieder aufgebaut hat, verdient es, nicht auch noch den Müll trennen zu müssen. Was das Eine mit dem Anderen zu tun hat, verriet weder Buhrow noch der Mob vor dem WDR-Gebäude. Auf der Einbahnstraße, auf der sich diese Logik bewegt, läuft alles in die gleiche Richtung. Die Nostalgie-Junkies sind der emotionale Zwilling der Heuchelei-Polizei. Auch der Blick zurück ist vereinfachend, er bricht schnell auf ein simples, binäres Narrativ herunter: War ja nicht alles schlecht …

Das eigene Nichtstun als Haltung verkaufen

In der Nostalgie wird moralische Absolutheit genau wie in der Heuchelei-Kritik entweder erwartet oder imaginiert. Die Wut der Wutbürger_innen erwächst aus dem Gefühl dieses moralischen Anspruchs: Oma hat sich nie und nichts zu Schulden kommen lassen. Eine Wut auf ein diffuses Grau an „Zwangsgebühren“ und „links-grün-versiffter“ Kleinkunst wird zum Stellvertreter. Schließlich war niemand auf die Causa Umweltsau im Speziellen wütend. Sie wurde vielmehr zum Schauplatz einer allgemeinen Frustration. Mit Hilfe von Bots und Kleinst-Influencer_innen jazzte sich das Ganze zum Sturm auf. Die herrschende Klasse, in der Umweltsau-Frage repräsentiert von Intendant Buhrow und Ministerpräsident Armin Laschet, war mit alldem vollends überfordert und gestand dem Nazivolk vor dem WDR-Gebäude seine Nostalgie und die damit verbundene Möglichkeit zur Empörung auch noch zu. Unserer Kultur scheint es unmöglich, die Widersprüche der Satire und dessen, was sie beobachtet, auszuhalten. Was auch daran liegt, dass Comedy und Satire uns zur Binarität erzogen haben.

Irgendwann – vermutlich begann es, als Jon Stewart mit seiner Daily Show die traditionellen Abendnachrichten in Glaubwürdigkeit links überholte – hat es die Comedy geschafft, dass wir von ihr Wahrheiten erwarten. Harte, absolute Wahrheiten. Doch damit geht auch eine Verantwortung einher. Und Hybris. Wenn es Komiker_innen nicht schaffen, sich zurückzunehmen, wenn sie es nicht schaffen, zu erkennen, dass nicht alle Zusammenhänge binär aufzulösen sind, finden sie sich auf dem gleichen Holzweg wie jene, denen sie Heuchelei vorwerfen.

Gervais’ Kanzelempörung von den reichen Schauspieler_innen, die keine Ahnung von der Welt haben, liegt eine ähnlich anti-elitäre Wut zugrunde, wie sie am Neujahrstag vor dem WDR-Gebäude zu sehen war. Was Sinn ergibt, haben uns die Eliten nun mal in diese Situation gebracht. Die Welt ist so sehr aus den Fugen geraten, dass sich ein kollektiver Abwehrmechanismus zum Reflex aufgeschwungen hat. Ein kurzes Abkanzeln, ein Witz, ein Statement: „Ich weiß es besser“. Während das Verstecken zum politischen Mittel wird. Angela Merkel ist in diesem Durcheinander zur idealen Kanzlerin der Social-Media-Zeit geworden. Ihre Passivität bringt sie durch jedes Wahljahr. Sie kann nicht auseinander genommen werden, weil sie nichts anbietet. Es ist erfolgsversprechender nichts zu tun, als sich der potenziellen Kritik der Empörung zu öffnen. Merkels Ende begann, als sie mit sich selbst brach, als sie sagte: „Wir schaffen das“, als sie Stellung bezog. Wer das tut, macht sich angreifbar, wird zur Vaterlandsverräterin in den Augen der Rechten und zur Heuchlerin in denen der Linken. Wir wünschen uns von der politischen Klasse mehr Vorangehen, mehr Rückgrat, mehr Visionen. Aber wer den Ricky Gervais’ und Dieter Nuhrs dieser Welt zujubelt, darf von seinen Politiker_innen nicht erwarten, dass sie sich freiwillig zum Abschuss freigeben.

In der Mitte der Golden-Globes-Verleihung macht Gervais einen weiteren Witz: Um auf die Empörung darüber einzugehen, dass erneut keine Frauen für die beste Regie nominiert worden seien, werde man, so Gervais, in Zukunft Frauen auch wieder das Recht entziehen, überhaupt Regie führen zu dürfen. Dann könne es an dieser Stelle auch keine Empörung mehr geben. Abgesehen davon, dass die Pointe genauso faul gearbeitet ist wie so vieles von Gervais in den vergangenen Jahren, offenbart der misslungene Gag noch einmal seine Weltsicht: Wer etwas versucht, hat Schuld. Wer seine 30 Sekunden für Gleichberechtigung oder Umweltpolitik nutzen möchte, hat schon verloren.

Jener Nihilismus ermöglicht es, das eigene Nichtstun als Haltung zu verkaufen. Oder etwas wohlmeinender gedacht: den eigenen Schmerz mit einem kurzen Fingerzeig loszuwerden. Denn es ist ja anstrengend. Alles. Die Menschen sind müde. Und in der Müdigkeit macht man nur das Nötigste. Die Gefühlswelt auf Autopilot, was in diesem Zusammenhang self-care bedeutet. Die Rhetorik des Nihilismus ist meist der Versuch, sich aus dem Chaos zu befreien, sich aus der idiotischen Masse zu erheben. Der Verweis auf Heuchelei ist eine schnelle Chance auf Klarheit. Eine Chance auf scheinbare Ausgeglichenheit, in einer unsolidarischen Welt sich selbst als Verlassene_r unter Verlassenen zu beschreiben. Man selbst habe ja schließlich immer schon behauptet, dass einem alles egal und man eben ein Arschloch ist. Alles, nur kein_e Heuchler_in.