Geoff Barrow / Ben Salisbury Drokk & BEAK> >>

geoff-barrow-ben-salisbury-drokk
Invada / Cargo — 11.05.12

beak
Invada / Cargo — 06.07.12

Man darf sich Mega-City One als Paradies der Genussfeinde vorstellen. Im 400-Millionen-Einwohner-Moloch aus der englischen Judge Dredd-Comicsaga ist Latte-Macchiato-Schlürfen verboten, die Verjüngungsdroge Stookie, gewissermaßen ein besseres Botox außerirdischer Provenienz, höchst illegal, und wer außerhalb eines Smokatoriums mit einer Kippe erwischt wird, riskiert einen längeren Aufenthalt im Iso-Cube. Trost verspricht in einer solchen Zelle höchstens die Iso Hymn von Geoff Barrow und Ben Salisbury: feinstes Obertongedröhne sich aneinander reibender Oszillatoren, das für wohlig-gruselige Gänsehautschauder sorgt.

   Zur Beruhigung vorneweg die Fußnote: Das Album Drokk – Music Inspired By Mega-City One war ursprünglich tatsächlich als OST für eine neue Verfilmung des Comics gedacht. Das No-Go-Diktum vom »Soundtrack für einen Film, der nie gedreht wurde« stimmt also nicht, Dredd von Pete Travis kommt im Herbst 2012 in die Kinos – allerdings nicht mit der Musik, die Portishead-Kopf Barrow und der ausgewiesene Film- und Fernsehkomponist Salisbury dafür aufgenommen hatten. Schade für Dredd, aber umso besser für Drokk. Vom Ballast der Bilder befreit, entwickeln diese Klänge erst recht visuelle, ja visionäre Qualitäten.

   Barrow und Salisbury bieten eine knappe Stunde urbaner Landschaftsgestaltung mit Sinuswelle und Sägezahn. In den Häuserschluchtenechos ist weit und breit kein Orchesterklimbim zu vernehmen, kein einziger Streicher imitierender Dramaklang, sondern das einsame, vom Beton reflektierte Heulen des Oberheim-Two-Voice-Synthesizers, Baujahr 1975. Oft reicht ein kleiner Anschub des Arpeggiators für einen Track, dazu rattert vielleicht noch ein Snare-Sound aus dem Off, Blade Runner klingt im Vergleich wie eine pompös aufgeplusterte Vangelis-Oper. Ungemütlichkeiten wie die anfangs gelisteten werden so in schmeichelnd düstere Atmosphären getaucht, dystopisch und absolut genussfähig. Die Judges in Mega-City One würden den Konsum dieser Musik vermutlich streng sanktionieren. Ein verbotenes Vergnügen.

   Ein Stück, das auf Drokk überaus passend aus der Reihe tanzt, ist Inhale, ein Krautrock-Jam von Barrows Nebenband Beak>. Diese veröffentlicht nun ihr zweites Album unter einem Titel, der sich so symbolisch-minimalistisch ausnimmt wie der Drokk-Sound: >>. Er sieht nach Fast Forward aus, die musikalischen Signale weisen allerdings in eine zeitlose Vergangenheit. Die Pink-Floyd-Orgel aus der Syd-Barrett-Phase reimt sich auf Kraftwerk-Elektronik, das Versmaß klopft der ewige Klaus-Dinger’sche Mensch-Maschinen-Beat, dazu nölt Barrow ab und an tendenziell Unverständliches ins Mikrofon. Der Beipackzettel erzählt davon, wie Barrow, Billy Fuller und Matt Williams im Proberaum in Bristol die Klippen des Muckertums umschiffen mussten (zu gut eingespielt, Prog-Rock-Gefahr!), doch dem Album sind diese Mühen nicht anzuhören. Souverän schlapp werden alte Psychedelia und krautige Grooves abgerufen. So klingt es also, wenn Retrofuturisten auf Post-Punk-Rock machen: ziemlich drokkig.

Beak> spielen am heutigen Dienstag ein einziges Deutschlandkonzert in der Kantine des Berghains, Berlin.

*

 

 

1 KOMMENTAR

Comments are closed.