Gentle Friendly Kaua’i O’o A’a

Eine Eisenkugel wird an einem Faden zwischen drei gleich starken Magneten aufgehängt. Stößt man die Kugel stark genug an, so pendelt sie in einer chaotischen Kurvenbewegung zwischen den Magneten hin und her, bis die anfängliche Energie nicht mehr ausreicht, um sie von den Magnetfeldern zu lösen. Wo sie stehen bleibt, entscheidet nicht der Zufall, sondern das ist empfindlich von den Ausgangsbedingungen abhängig, sprich: der Richtung, in die man die Kugel am Anfang bewegt – ein deterministisches Chaos. Das sogenannte magnetische Pendel ist das Paradebeispiel der mathematischen Physik, wenn es darum geht, die Chaostheorie anschaulich zu machen.

Was das mit Gentle Friendly zu tun hat? Nun, auch die Musik der beiden Londoner ist so ein deterministisches Chaos. Ersetzt man die drei Magneten durch die frühen Animal Collective, die Flaming Lips und eine Auswahl experimentierfreudiger Krautrocker, bewegt sich der Sound der Briten so chaotisch wie besagte Kugel zwischen den Polen, inklusive allem, was an Referenzen dazwischen liegt. Seefeel, Kate Bush, Black Dice, Wire, R’n’B; Pitchfork meinte gar, Lil Wayne auszumachen – es wird einem ganz schwindelig ob der Masse an bekanntem Klang. Und dann dieser Albumtitel. Kaua’i … bitte was?

Wie eine kurze Recherche ergibt, handelt es sich um eine ausgestorbene hawaiianische Vogelart, die nach ihrem gespenstischen Gesang benannt ist. Mit der Kolonisierung der Inseln durch die Europäer ging ihr Bestand drastisch zurück, bis 1981 nur noch ein einziges Paar übrig blieb. Das Weibchen fiel ein Jahr später Hurrikan Iwa zum Opfer, die letzten schauerlich-flötenden Rufe des Männchens waren 1987 zu hören – nun erklingen sie wieder im Song »18 Wave Crash«.

Gentle Friendly machen es einem nicht leicht, Zugang zu ihrer Musik zu finden. David Maurice und Richard Manber haben mit Kaua’i O’o A’a ein Album aufgenommen, das von unzähligen Drums, manisch um sich selbst kreisenden Melodien und an- und abschwellendem weißen Rauschen angetrieben wird. Doch der anfängliche Aufwand lohnt sich. Wie das magnetische Pendel verliert sich die Band nie im komplett Richtungslosen, sondern hält an den entscheidenden Stellen inne. Dann durchbricht wie zur Belohnung für die Mühen eine Klarheit in David Maurices Stimme den Fuzz, schafft Raum für Harmonien, die auch den späten Cocteau Twins gut zu Gesicht gestanden hätten, um danach wieder im Sound-Smog zu verschwinden. Es ist dieses Bekenntnis zur Melodie im kontrollierten Chaos, das dem eklektischen Future-Pop einen eigenen Stempel aufdrückt und Kaua’i O’o A’a zum bisher spannendsten Werk dieser Soundtüftler macht. Zu einem geradezu magnetischen.

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