Britney Spears postet einen vermeintlichen Aufruf zum Generalstreik – und die Netzgemeinde flippt aus. Warum dürfen Pop-Stars nicht mehr einfach nur Pop-Stars sein, sondern müssen als politische Vorbilder taugen?

 

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Halten wir erst einmal fest: Britney Spears hat schon auf der Bühne Frauen geküsst, als das noch nicht als Aktivismus durchging, sondern als kalkulierter Skandal fürs MTV-Publikum. Vor zwei Jahren trat sie dann als Unterstützerin des „Dream Act” in Erscheinung, der es den Kindern vermeintlich illegaler Immigrant_innen erlauben soll, US-Staatsbürger_innen zu werden. Wikipedia dokumentiert hingegen, dass sie 2001 in Louisiana als Republikanerin registriert war und George W. Bush unterstützte. Sonst weiß man über die politische Person Spears: eigentlich nichts. Die 38-Jährige ist keine Künstlerin, die mit Appellen auffällt oder vor leuchtenden „Feminist”-Schriftzügen tanzt wie Beyoncé. Zur politischen Überhöhung taugt sie kaum. Brit ist eben Brit, ein Relikt aus einer ganz anderen Zeit, als Mainstream-Pop von hedonistischen Teens regiert wurde.

Umso größer war die Überraschung, als Spears vor Kurzem auf Instagram ein Sharepic der Künstlerin Mimi Zhu veröffentlichte, das als Aufruf zur materiellen Umverteilung und einem Generalstreik verstanden werden kann. Dazu postete sie den Kommentar: „Communion goes beyond walls”. Das Teenager-Idol und ehemalige Pepsi-Testimonial Britney Spears als sozialistische Heilsbringerin: ein echter Coup für die Online-Linke. Das US-Magazin Jacobin und andere Medien widmeten ihr witzige Thinkpieces, irgendwer machte sich sogar die Mühe, ein Mashup aus diversen Spears-Songs und der UdSSR-Hymne zusammenzubasteln.

Plötzlich politisch: Britney Spears in zweifelhafter Gesellschaft (Illustration: SPEX).

Man kann die Freude über „Comrade Spears” für einen überheblichen innerlinken Scherz halten. Gut möglich, dass die Sängerin schlicht einen motivierenden Spruch in schweren Zeiten posten wollte. Wer Spears nun aber zur strammen Genossin umdichtet, lacht unter Umständen einfach darüber, wie absurd die Vorstellung einer Fahne schwenkenden Pop-Blondine doch sei. Oder man deutet das Meme anders: als Selbstoffenbarung vieler Linker, die froh sind, einen als unbedarft geltenden Star – ein guilty pleasure in den Augen vieler Gleichgesinnter – endlich aus den „richtigen” Gründen gut finden zu dürfen. Schließlich kanzelte die akademische Linke jahrzehntelang Pop und alles andere, das irgendwie nach Unterhaltungskultur aussah, nur allzu freigiebig als „Trash” ab. Gleichzeitig sehnt sie sich bis heute danach, dass endlich ein glossy Pop-Star mit veritablen linken Ambitionen auftaucht.

Die Frage ist: Warum ist das eigentlich so wichtig? Und warum dürfen Pop-Stars nicht mehr einfach nur Pop-Stars sein? Um die Sehnsucht zu erklären, hilft ein Blick in die jüngere Vergangenheit.

Die Aufregung um „Comrade Spears” erinnert an einen fast zehn Jahre alten Vorgänger: „Feminist Ryan Gosling”, einen instant classic der damals noch jungen Meme-Kultur. Obwohl der Schauspieler nie als Gender-Theoretiker aufgefallen war, legte ihm die Autorin Danielle Henderson in dutzenden Memes feministische Zitate in den Mund. Auf diesem Wege drückte sich vermutlich zum ersten Mal spielerisch der Wunsch aus, die von uns verehrten Stars mögen doch bitte politisch vertretbar sein – oder überhaupt politisch. Klar, unpolitisch ist Pop-Kultur nie gewesen. Aber je mehr alte Held_innen sich als Wirrköpfe oder sogar vermeintliche Straftäter_innen outeten, von R. Kelly über Morrissey bis zu Kanye West oder Roseanne Barr, desto dringlicher schien der Wunsch nach Idolen mit politisch „weißer Weste”.

Schlicht unterhaltsam? Bitte nicht.

Diese Sehnsucht nach woken Stars bedingte auch einen kurzen Hype um Pamela Anderson, die sich, nachdem sie Ende 2018 in einem Tweet mit den Gelbwesten-Protesten in Frankreich sympathisiert hatte, ebenfalls in linken Memes wiederfand – dass Anderson seit den Neunzigern politisch aktiv ist, interessierte dabei die wenigsten. Auch einen Star wie Kim Kardashian West prüft die Netzgemeinde beständig auf ihre politische Tauglichkeit. Immer wieder werden Debatten darüber geführt, ob die Reality-TV-Protagonistin und Unternehmerin nun eine feministische Ikone sei, oder doch bloß eine Ausbeuterin, die sich „empowernde” Inhalte öffentlichkeitswirksam zueigen macht. Schlicht unterhaltsam sein, wie etwa Paris und Nicky Hilton in den Nullerjahren, darf sie jedenfalls nicht.

Und das hat einen Grund: Das Social-Media-Zeitalter hat politische Partizipation konsumfähig gemacht. Unter anderem durch Memes, ein Medium, das die Sprache spricht, mit der junge Wähler_innen aufgewachsen sind. Die Journalistin Amanda Hess schrieb in einer Essayreihe für die New York Times, wir würden gerade erleben, wie Demokratie neu interpretiert wird – als Celebrity-Fantum. Die popkulturelle Lesart werde zum dominanten Modus der Politik-Rezeption.

Einen frühen Höhepunkt erreichte die Memefizierung der Politik im US-Wahlkampf 2016, den die Washington Post als „most-memed election in history” bezeichnete: Noch nie lief ein Präsidentschaftswahlkampf so dezentral ab, nie zofften sich Kandidat_innen so offensiv auf Twitter, nie waren soziale Medien wie Facebook so mächtige Helfer. Den „Comrade Spears”-Effekt konnte man dabei auch umgekehrt beobachten: Nicht wird unpolitischen Pop-Stars ein linkes Programm untergejubelt – auch wenig Pop-affine Politiker_innen müssen sich von ihren Fans zu notorischen cool kids stilisieren lassen.

Obwohl der demokratische Ex-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders einst im Interview mit dem Rolling Stone erklärt hatte, statt moderner Musik lieber Beethoven und Motown zu hören, legten ihm seine Fans 2016 in dutzenden Memes überlegenes Nerd-Wissen über Generation-Y-Phänomene wie Harry Potter und Iggy Azalea in den Mund – mit dem Ziel, seine Konkurrentin Hillary Clinton als hüftsteifes Tantchen dastehen zu lassen. Make lefties cool again, um im ausgelutschten, aber sehr Meme-freundlichen Wahlspruch-Jargon des späteren Gewinners Donald Trump zu bleiben.

Sowohl Sanders’ Pop-Kenner-Werdung als auch Spears’ Zwangspolitisierung im Netz sind Ausdruck der neu erwachten linken Meme-Kultur – und damit eine längst überfällige Frische-Infusion des linken politischen Spektrums. Schließlich schienen rechte Strömungen wie die „Alt-Right” die Gegenkultur im Netz eine zeitlang für sich gekapert zu haben. Mit anarchischem Humor, allerlei Freiheitsversprechen und dem vermeintlich rebellischen Odeur rechter Internetkultur, die natürlich nie ohne Menschenverachtung und Säuberungsfantasien auskommt, konnte die Linke nicht dienen: Ihr fehlte seit Langem der Pop-Appeal, die Leichtigkeit und Coolness, die sie einst umweht hatte. Keir Milburn, Autor des Buchs Generation Left, sagte dem Magazin Wired, dass noch in den Neunzigerjahren alle Scherze auf Kosten der angeblich naiven Linken gingen. Das ändere sich gerade.

Mit der Klassenfrage schaffen sich Pop-Star selbst ab

Woran es mangelt, sind Slogans, die so langanhaltend strahlen wie „Make Love, Not War” oder Rosa Luxemburgs „Ich war, ich bin, ich werde sein” – laut Edmund Schluessel, Admin der Seite Socialist Meme Caucus, im Übrigen auch ein Meme. Ein Star, der solche Inhalte liefern könnte, ist allerdings nicht in Sicht. Dabei fand der Promi-Aktivismus im Zuge von Trumps Wahl und rechtem Backlash, der #BlackLivesMatter-Bewegung und #MeToo in den Zehnerjahren zu größter Konjunktur. Der Turn zur woken, protestbewegten Pop-Kultur trieb unzählige, mitunter auch bizarre Blüten. Zum Beispiel in Form einer Pepsi-Werbung, in der Kendall Jenner einen Konflikt zwischen Polizei und Demonstrant_innen mit einer Dose Zuckerbrause befriedet.

Obwohl Sanders, mittlerweile zum zweiten Mal aus dem Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur ausgeschieden, auch im aktuellen US-Wahlkampf der Liebling der Pop-Größen von Jack White bis Cardi B war; obwohl sich in England schon 2017 Künstler_innen in der Bewegung „Grime4Corbyn” für den Labour-Politiker Jeremy Corbyn einsetzten, muss die sozialistische Linke noch immer ohne echtes Hochglanz-Testimonial auskommen. Ein paar feministische und antirassistische Positionen darf (oder eher: sollte) heute jede_r progressive Promi mal anprobieren. Die Klassenfrage zu stellen, ist hingegen gefährlich – weil sich ein Pop-Star damit selbst abschafft.

Wie Aktivismus und Pop-Starsein zusammen funktionieren, hat Annelot Prins am Beispiel von Beyoncé untersucht. In ihrem Artikel „Who run the world? Feminism and Commodification in Beyoncé’s Star Text” stellt die Nordamerikawissenschaftlerin fest, dass der Feminismus – nach Jahren des vermeintlichen Post-Feminismus – heute sinnentleert genug ist, um in kommodifizierter Weise neu formuliert zu werden. Auf eine Art, die kraftvoll genug ist, den Status quo infrage zu stellen, aber die Profitabilität eines Stars nicht ernsthaft schädigt. So kann etwa Beyoncé als Galionsfigur eines stolzen, traditionsbewussten, feministischen black activism strahlen – und gleichzeitig ihre Position als Ausnahmekünstlerin verteidigen, die keinen Hehl daraus macht, den amerikanischen Traum doch ganz geil zu finden: „I just might be a black Bill Gates in the making”, singt sie in „Formation”. Ihre Form der Celebrity-Protestkultur ermögliche es ihr laut Prins, das Aktivist_innenlabel für sich zu beanspruchen, ohne den meritokratischen Rahmen zu verlassen, in dem es einen Pop-Star wie Beyoncé überhaupt erst geben kann. Anders gesagt: Ohne Königreich keine Queen Bey.

Promis, die sich in eine radikal linke, sozialistische Pose werfen, machen das Prinzip Pop-Star obsolet – und stehen zudem sofort unter Unglaubwürdigkeitsverdacht. So musste sich die singende, rappende Wannabe-Guerrillera M.I.A. immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, sie nutze das Erbe ihres Vaters, eines Mitglieds der im Bürgerkrieg von Sri Lanka aktiven paramilitärischen Organisation Tamil Tigers, zur radikal schicken Selbstinszenierung. Wenn es also per Definition keinen Superstar in linksradikaler Mission geben kann, muss man eben einen erfinden – und wenn man dafür dem poppigsten Pop-Star überhaupt, good old Britney, eine Agenda überstreifen muss, die nie Teil ihrer öffentlichen Person war.

Ruiniert Politik die Pop-Kultur? 

Sicher, Pop-Stars waren schon immer eine Projektionsfläche, Figuren, die larger than life sind – und deshalb notwendigerweise von Fans in deren Sinne zweckentfremdet werden. Klassische Pop-Stars haben bestimmte, als Identifikationsflächen urbare Leerstellen angeboten. Immer gab es das gewisse etwas, ein Restgeheimnis, das die Vorstellungskraft der Fans erst auffüllen musste. Im Social-Media-Zeitalter herrscht absolute Transparenz. Theoretisch ist alles über Britney Spears bekannt, ob man Fakten auf Wikipedia recherchiert oder ihr Leben live auf Instagram verfolgt. Es bleibt also nur die Überinterpretation, auf die nun auch die politische Linke gerne zurückgreift, um Spears als eine der ihren neu zu entdecken.

Die „Comrade Spears”-Memes erzählen also davon, wie sich der Anspruch an Pop-Stars geändert hat: Sie sollen nicht mehr bloße Identifikationsmöglichkeiten anbieten, sondern tatsächlich Identität versprechen. Und das bitteschön über die bloße Kunst hinaus und am besten auch in politischer Hinsicht. Natürlich so unmissverständlich wie möglich. Entertainment-Konsum wird zum Lackmustest für politische Überzeugungen, wie es in einem Podcast der US-Zeitung The Atlantic hieß, der die wichtige Frage stellte: Ruiniert Politik die Pop-Kultur?

Schließlich kann eine politische Anspruchshaltung der Pop-Kultur als Identitätsschmiede und möglichst hierarchiefreiem Ort der Freiheit, als Geheimgesellschaft, deren Geheimcodes nicht nur eine Bildungselite zu entschlüsseln weiß, ziemlich gefährlich werden. Wenn die Legitimität des unpolitischen Las-Vegas-Stars Britney durch „Comrade Spears” infrage gestellt wird, bekommen linker Internethumor und Memes eine hässlich elitistische Schlagseite. Britney Spears indes scheint der Trubel um ihr vermeintliches linkes Bekenntnis allerdings nicht zu jucken: Seit ihrem Streikaufruf postet sie auf Instagram lieber wieder Selfies und Blumenfotos. Mit politischen Statements hält sie sich vornehm zurück.