Genetikk „Fukk Genetikk“ / Review

Das Duo aus Saarbrücken verwandelt seine Heimatstadt mal in ein Barrio, einen Pariser Vorort, eine brasilianische Favela oder Staten Island.

Vielleicht liegt es ja am eingeschränkten Blickfeld durch die Löcher der Sturmhauben. Jedenfalls blenden Genetikk die Realität auch auf ihrem fünften Album Fukk Genetikk meist aus oder überzeichnen sie zu einer bildgewaltigen und anspielungsreichen Fantasiewelt. Für den Vorgänger Achter Tag reisten sie in das Japan der Samurais und klauten sich aus christlicher Symbolik, griechischer Mythologie und Zen-Buddhismus den Kodex ihres Rap-Clans zusammen. Fukk Genetikk bedient sich nun vor allem der Bilderwelt des US-amerikanischen Kinos, jagt mit Cowboys und Indianern durch die Prärien des wilden Westens oder im Lamborghini mit Leonardo DiCaprio als The Wolf Of Wall Street über den Highway.

Flüchtlingsboote und Grenzzäune sind hier nur Kulisse einer unterhaltsamen Traumwelt.

Wenn Karuzo später die toten Präsidenten auf seinen Geldscheinen zählt, könnte man ketzerisch behaupten, dass der Rapper und sein Produzent Sikk gar nicht ihre eigenen, sondern die Fantasien ihrer amerikanischen Vorbilder vertonen. Allerdings liegt hier gerade die Stärke des Duos, das seine Heimatstadt Saarbrücken mal in ein Barrio, einen Pariser Vorort, eine brasilianische Favela oder Staten Island verwandelt, aber aus all diesen geborgten Versatzstücken dennoch ein überraschend eigenständiges und einheitliches Gesamtwerk (inklusive eigener Modekollektion) erschafft.

In seinen Texten kreist Karuzo meist um sich selbst, prahlt mit der Erfolgsgeschichte Genetikks und dem eigenen Aufstieg vom Dealer zum Rapper. Auch wenn er gleich im ersten Song „Peng Peng“ von Flüchtlingsbooten und Grenzzäunen rappt, sollte man deshalb nicht den Fehler machen, die 16 Songs auf Fukk Genetikk als politischen Kommentar zu lesen. Denn dann müsste man auch Karuzos problematische Inszenierung als kriegerischer Indianer genauer beleuchten, wenn der MC ernsthaft von „Feuerwasser“ rappt, sich als „Redskin“ bezeichnet und damit einen Begriff verwendet, den die indigene Bevölkerung Amerikas als rassistisch ablehnt. Außerdem müsste man sich fragen, wie der Hedonismus und Materialismus von „Jordan Belfort“ und „Trill“ mit eher konsumkritischen Tönen in „Diamant“ vereinbar sind. Allerdings wird die blutige Reise eines Konfliktdiamanten hier lediglich als narrativer Kniff verwendet, um verschiedene Erzählstränge zusammenzuführen. Und auch die Flüchtlingsboote und Grenzzäune sind eben nur Kulisse einer unterhaltsamen Traumwelt.

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