Es ist 14 Jahre her, dass Jochen Distelmeyer dem Diskurs-Texter und Hamburger-Schule-Vordenker Kristof Schreuf (Brüllen, Kolossale Jugend) auf dem Blumfeld-Album Testament der Angst ein liebevolles Denkmal setzte. »Anders als glücklich / hat Kristof Schreuf gesagt / hier nochmal schriftlich / von einem der laut denkt und sich sagt / ich seh das ähnlich / und bring es zu Papier / das macht mich ehrlich / und vielleicht hilft es Dir«, hieß es da in »Anders als glücklich«. Nun zitiert Distelmeyer Britney Spears’ »Toxic« in seinem neuen Video – und Schreuf denkt laut darüber nach:

So einem Video und solch einem Song können sich nicht nur Fans schwer entziehen. Schon gar nicht den Details, die sich auf- und immer weiter erzählen lassen. Der angebliche Übungsraum mit den geschmackvollen Verstärkern und Bier-, Wein- und Sektflaschen. Die gestaffelten Western-Gitarren, die Snare Drum hier und das Klavier an der Seite. Von draußen knallt die schmerzschöne Sonne des Delta-Blues zwischen den Gardinen herein. Drinnen strahlt und glänzt Jochen Lee Hookermeyer.

Der Song, den Britney Spears im Original gesungen hat, klingt bei ihm wie ein Prince-Stück, das unplugged schwitzt. Zwischen putzigstem Authentizitätsgetue von Produzent und Sänger am Anfang (»Läuft es schon?« – »Band läuft, Jochen.« – »Okay.«) und am Ende (»Hast du’s?«  – »Ja, ich fand’s super.«) gibt es jede Menge Musik zu hören. In der Strophe, die läuft wie Johnny Cash unter der Regie von Rick Rubin. Im Mittelteil und Refrain, wo der Gesang so bezaubernd abhebt wie in einem Hit von Steely Dan. Für die letzten Zeilen hat sich Distelmeyer noch einen zarten Coup aufbewahrt. Spears verkündet da im Original folgende Bereitschaft: »Intoxicate me now / With your lovin’ now / I think I’m ready now«. Sie will sich das Herz oder die Körpermitte bedienen lassen. Distelmeyer singt stattdessen: »I better go now / Don’t want trouble.« So verwandelt er das Lied mit wenigen hingetupften Textänderungen in den diskreten Bericht von einer begonnenen und dann gescheiterten Liebe.

Die hört sich hier aber auch nach einem Arbeitssieg an. Jemand malochte so lang mit Griff- und Anschlagshand an der Gitarre, bis er das Stück souverän im Gefühl hatte. Witthüser, Westrupp und der Bröselmaschinist Peter Bursch bringen Überstunden zum Klingen. Das Ergebnis wirkt wie eine musikalische Kriegsstrategie: Distelmeyer bringt Leute dazu, ihn zu lieben, indem er sie, ästhetisch höchst ansprechend, besiegt. Durch musikalische Wehrlosmacherei. Nicht, dass ich dafür nicht sehr empfänglich wäre.

Jochen Distelmeyer live
22.01. Stuttgart – Merlin
04.03. Chemnitz – Atomino
05.03. Dessau – Kurt Weill Fest
06.04. Dresden – Groove Station
07.04. Bremen – Lagerhaus
08.04. Magdeburg – Moritzhof
09.04. Hamburg – Knust
12.04. Essen – Zeche Karl
13.04. Bielefeld – Forum
14.04. Frankfurt – Brotfabrik
15.04. München – Volkstheater
16.04. Augsburg – Kantine
18.04. Düsseldorf – Zakk
19.04. Heidelberg – Karlstorbahnhof
20.04. Köln – Gebäude 9
21.04. Hannover – Lux
22.04. Stade – Hanse Song Festival