Gebärde Zeichen Kunst

Vier Wortgebärden für Angst, 1996, gebärdet von Gunter Trube, fotografiert von Barbara Stauss
 Gunter Trube
Vier Wortgebärden für Angst, 1996
Foto — Barbara Stauss

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Stille könne sie nicht ertragen, erzählt die Christine Sun Kim in einem Videointerview. Immer müsse sie dorthin gehen, wo es laut ist, wo alles schwingt, sie den Sound spürt. Einmal habe sie solange in ihrem Studio mit Feedback gespielt, das ihr Körper noch nach Tagen hybersensibel war. Wahrlich dem gesamten Klangspektrum kann sie sich dabei ohne Barrieren, ohne Warnsignale und Schmerzen nähern – anders als »hörende« Menschen.

   Die gehörlose New Yorkerin gehört zu den zahlreichen Künstler*innen, die die Kuratoren An Paenhuysen und Wolfgang Müller für ihre bemerkenswerte Ausstellung Gebärde Zeichen Kunst. Gehörlose Kultur / Hörende Kultur zusammengebracht haben. Unter dem Zeichen des sich stets windenden Möbiusschleife-Bandes spannt sich ein weites Spannungsfeld. Kim hat Bilder gemalt, in einer Performance singende und surrende Drähte als Netz über ein kauerndes Publikum gespannt und mit Wolfgang Müller schließlich die Platte Panning aufgenommen – ein Lautspiel, das genauer hinhorchen lässt, empfindlicher und empfänglicher macht. Eine andere (hier als Video) ausgestellte Arbeit unter Beteiligung Müllers dürfte einigen vielleicht bereits bekannt sein: die Performance »Gehörlose Musik in gebärdensprachlicher Gestaltung«, bei der die Dolmetscherinnen Dina Tabbert und Andrea Schulz abwechselnd und ineinandergreifend die Musik und die Texte von Müllers Band Die Tödliche Doris übersetzten und in einen faszinierenden Tanz überführten.

   Außerdem zu sehen sind u.a. Arbeiten und Auftritte von John Cage, Valeska Gert (über deren hier gezeigtes Werk »Tod« Müller in SPEX N°325 schrieb) und dem legendären Die-Tödliche-Doris-Mitglied und 2008 überraschend verstorbenem Gebärdendichter Gunter Trube. Überhaupt wird der (gehörlosen) Poesie viel Raum geboten: Peter Cook etwa gebärdet eine Begegnung zwischen Allen Ginsberg und Robert Panara beim Deaf Beat Summit anno 1984 nach, bei dem Panara dem verdutzten hörenden Dichter das perfekte »explizite« bzw. »direkte« Bild zu seinem als unübersetzbar geltenden »hydrogen jukebox« liefert. Peter Cooks eigene Erzählungen wiederum zeigen: In der Gebärde potentieren sich Poesie und Zeichen in vielfältigen Möglichkeiten, anstatt eingeschränkt zu werden.

   Sinnbildlich für das Anliegen aller Künstler setzt sich der Isländer Magnús Pálsson für Piljur mit der ganz realen Möglichkeit auseinander, neue Begriffe und Sprachen bzw. Sprachbereiche zu erschaffen (in diesem Fall das isländische Anatomie-Vokabular nach Guðmundur Hannesson). Dem finnischen Gebärdenrapper und ehemaligen Eurovision-Songcontest-Finalisten Signmark, hier mit einigen Musikvideos vertreten, möchte mensch zwar ein etwas kreativeres musikalisches Produktionsteam zu Seite wünsche, doch da fragt schon erneut Christine Sun Kim im Nachbarraum: Wozu gibt es eigentlich die Musikrezension, wenn das aus den Formulierungen Rekonstruierte doch nie dem Original gleichen könnte?

   Gebärde Zeichen Kunst ist – präsentiert von SPEX – noch bis zum 13. Januar im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin, zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.

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