Gazelle Twin: Der Ursprung allen Horros

Als Gazelle Twin enthüllt Elizabeth Bernholz mit ihrem neuen Werk, Unflesh, den Horror der Pubertität. Während das Album bereits online im Stream zu hören ist, veröffentlichen wir unser Porträt aus SPEX N°355.

Elizabeth Bernholz steht darauf, Leute zu erschrecken. Vor allem die Schwätzer in der ersten Reihe. An die pirscht sie bei ihren Konzerten heran, von der Seite, von hinten, streckt ihnen plötzlich den Kopf über die Schulter. Unter ihrer blauen Kapuze: keine Augen, keine Nase, nur amorphe Hautmasse und ein zähnefletschender Mund. Mit dem Rumgequatsche sei dann meist Schluss, erzählt sie und lacht.

Bernholz ist seit jeher fasziniert vom Unheimlichen. Sie wurde 1981 im Süden Englands geboren, ist heute in Brighton zu Hause. Sie beschreibt sich als introvertiertes Kind, schaut heimlich Filme von David Lynch oder John Carpenter. Das Gefühl permanenter Gänsehaut überträgt sie später auf die Musik. Sie beschließt, Komponistin zu werden, studiert zeitgenössische Klassik, interessiert sich nach dem Abschluss aber viel mehr für den performativen Aspekt und will selbst auf die Bühne. 2011 erscheint sie dort in ihrer ersten GazelleTwin-Inkarnation: als eine Art Hohepriesterin in düsterer Synthesizerlandschaft, stolz und unnahbar.

Der Blick auf ihrem ersten Album The Entire City schweift noch in die Weite: sonische Panoramaaufnahmen, ätherisch, ausufernd. Ihr zweites Album Unflesh wirkt im Vergleich beengend und beängstigend, Bernholz gibt jetzt eben den Kapuzenkobold mit vermummtem Gesicht. Eine Figur, die ihr persönlich sehr nahe ist. »Ich sehe sie als eine Traumversion meiner selbst«, erklärt sie. »Ich nutze die Figur, um Dinge aus meinem Alltagsleben in Frage zu stellen, Dinge zu tun, die ich normalerweise nicht tun kann. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr merke ich, dass das ein Weg ist, mein Teenager-Ich nachträglich zu verändern.«

David Cronenberg sagt: »Der Tod ist der Ursprung allen Horrors.« Elizabeth Bernholz würde vermutlich sagen: Die Pubertät ist der Ursprung allen Horrors. Oder genauer: die Umkleide in der Schule. »Für junge Menschen ist das der schlimmste Ort. Sich öffentlich ausziehen, wenn man sich schmerzlich des eigenen Körpers bewusst ist.« Gazelle Twins neue Songs, mit Titeln wie »Anti Body«, »Belly Of The Beast« oder »I Feel Blood«, sind Ausdruck für dieses Unwohlsein, das gesamte Album wird zum re-enactment eines seltsamen Transformationsprozesses, zur Teufelsaustreibung der Ängste von damals. Man hört Schreie, die Panzerglas zerbröseln könnten, gegengeschnitten mit gespenstischem Flüstern, im Hintergrund das Rattern und Zischen von Analogsynthesizern. Unflesh ist Klang gewordener Body Horror. Das von Bernholz selbst entworfene Artwork zeigt den Teen-Kobold im blauen Hoodie, unter der Kapuze ein Klumpen Fleisch und ein zähnefletschender Mund.

»Mir geht es um künstlerischen Ausdruck ohne Angst«, sagt Bernholz. »Ich stelle mich meinen eigenen Ängsten, will aber auch etwas schaffen, das sich außerhalb der Alltagsnormen bewegt, ob visuell oder musikalisch. Ich will eine Reaktion provozieren, das ist die Crux der Sache. Es gibt da draußen so vieles, das nach den Regeln spielt. Ich denke, es ist wichtig, das nicht zu tun.«

Dieser Artikel entstammt unserer September-Ausgabe, die es noch immer versandkostenfrei im SPEX-Onlineshop gibt. Unflesh erscheint international bereits am Monatsende. Hierzulande wird Anti-Ghost Moon Ray das Album allerdings erst am 31. Oktober via Cargo Records in die Läden bringen. Einen Stream des Albums bietet Dazed & Confused derzeit dennoch für alle.

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