GAS

Hans Castorp, Manns Held vom »Zauberberg« (auch der Titel des zweiten Gas-Albums von 1997), ist in Sachen Wald ein guter Deutscher: Er zieht in den Krieg, wo die jungen Männer massenhaft von Maschinengewehren hingemäht werden, und singt selbstvergessen das Lied vom Lindenbaum. Der Wald, das ist der ewige Sehnsuchtsort der Deutschen, die durchs Geäst streifen und sich anrühren lassen von der Natur, weil sie nie eine Revolution zustande gebracht haben. Die Perversion der romantischen Liebe zum Wald findet dann in einem weiteren Krieg, in von Deutschen besetzten Wäldern statt. Hier verbirgt der Wald die Verbrechen der Massenmorde, irgendwo in Polen, der Ukraine und Russland. Als Wolfgang Voigt im Dezember 1999 in der Berliner Volksbühne auftrat, um dort sein Stück zur »20’ to 2000«-Serie von Raster-Noton, »20 Minuten Gas im November«, zum Besten zu geben, warf er Waldfotos auf die Projektionsfläche hinter der Bühne – schwer erfassbare Nahaufnahmen von Blättern und Zweigen, die, anscheinend digital bearbeitet, langsam ineinander überblendet wurden.

    In der nun bei Kompakt erschienenen CD-Box, in der die vier zwischen 1996 und 2000 veröffentlichten und bereits lange vergriffenen Alben »Gas«, »Zauberberg«, »Königsforst« und »Pop« klanglich sachte überarbeitet wiederveröffentlicht worden sind, liegen vier quadratische Prints von Voigts Blatt-und-Ast-Studien in CD-Größe bei. Gleichzeitig hat Raster-Noton ein Buch mit 60 dieser Aufnahmen herausgebracht, das durch eine CD mit bisher unveröffentlichten Gas-Aufnahmen aus den Jahren 1989 bis 1992 ergänzt ist. Das älteste jemals erschienene Stück von Gas ist nun also »November 89«, das sich als Kommentar zur deutschen Geschichte mit ihren diversen entscheidenden Novemberereignissen hören lässt. Es ist ein gut zehnminütiges, dräuend quälerisches und deprimierendes Stück, das an den Neoexpressionismus mancher deutscher Punk-Veröffentlichungen denken lässt.

    Die vier Gas-Alben haben nur von der Haltung her noch mit diesen frühen Aufnahmen zu tun, in denen offenbar noch Synthesizer eingesetzt wurden: Hier wie dort scheint alles still zu stehen und gleichzeitig präsent zu sein. Von Entwicklungen, Spannungsbögen, Gipfeln oder Pausen keine Spur. In den Alben aber scheint tatsächlich das Rauschen des Waldes und das Knistern im Geäst in seiner ganzen Erhabenheit in Musik gegossen. Das ist mitunter euphorisierend, manchmal aber auch deprimierend in seiner dunklen Gestimmtheit, wenn aus der Ferne atomisierte Wagnerianische Hörner blasen. Der Eindruck, hier tatsächlich Wald zu hören, kommt nicht einfach durch die mimetische Nachbildung eines Blätterrauschens zustande – obwohl das Übereinanderhäufen kurzer, sich wiederholender Sequenzen durchaus ein Rauschen ergibt. Es ist Voigts Bezugnahme auf die spezifisch deutsche Tradition der musikalischen Romantik mit ihren Instrumenten, Klangfarben und Tonlagen, die einen dazu bringt, sich Bilder einer gewaltigen, geheimnisvollen Natur vorzustellen.

    Aber abgesehen von diesen kulturell bedingten, romantisch-synästhetischen Effekten, ist die Loop-Musik Voigts als Meditation angelegt. Und funktioniert als solche auch heute noch. Die Neunziger sind vorbei, und keiner hat wirklich versucht, die ›metaphysischen‹ Qualitäten des Loops auch nur annähernd theoretisch zu erfassen. Vor allen anderen Eigenschaften von House und Techno ist es der Loop, der uns inwendig so radikal angreift. Der Loop ist der erste Beweger, aus dem das euphorisierende ›Etwas‹ entsteht, das in der Frage »Can you feel it?« gleichzeitig angesprochen wird und unausgesprochen bleibt. Spiralförmig bewegt sich der Loop in der Zeit vorwärts und lässt in der Black Box des Tänzer- oder Hörerhirns Gefühle absoluter Gegenwärtigkeit entstehen. Voigt treibt das auf seinen Gas-Alben insofern auf die Spitze, als die Loops immer nur kurz, dafür aber zu mehreren gleichzeitig zu hören sind. So entsteht ein Kurzschluss in der Wahrnehmung, die gar keine Wiederholung mehr zu registrieren im Stande ist. Das Gefühl einer mächtigen, überwältigenden Präsenz und Gleichzeitigkeit entsteht – die Gas-Alben sind Klassiker, die heute noch so imposant da stehen wie vor zehn Jahren.

LABEL: Kompakt

VERTRIEB: RTD

VÖ: 06.06.2008

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