Gas „Rausch“ / Review

Genau eine hypnotisierende Stunde lang läuft Rausch mit einer Dynamik, die dem Projekt Gas neue Ebenen schenkt.

Es rauscht und knackt wieder im Unterholz des Narkoforsts, der großen, weiten und dunklen Assoziations- und Echokammer des Elektronik-Pioniers und Kompakt-Gründers Wolfgang Voigt. Nach dem großen Erfolg des vorangegangenen Gas-Albums Narkopop aus dem vergangenen Jahr brauchte er dieses Mal keine weiteren 17 Jahre, um den narkotisch-hypnotischen Klangschichtungen von Gas ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Neu ist allerdings die Bitte Voigts, sich Rausch in einem Gang, ohne Unterbrechungen, quasi als Waldsinfonie mit einem Anfang und einem Ende anzuhören. Naheliegend war das zwar auch schon bei Gas, Königsfort, Zauberberg und Pop. Aber nun wird es als Bedingung formuliert.

Die auf Rausch auftauchenden Elemente – Holzbläser, dissonante Streichersätze, Instrumentenstimmungen aus dem Orchestergraben – wirken wie alte sonische Bekannte. Vielleicht kann man ihre Präsenz vergleichen mit der Vertrautheit, mit der man sich auch nach Jahrzehnten noch in einem Wald aus der eigenen Kindheit orientieren kann, dessen Bäume in der Zwischenzeit still zu Giganten herangewachsen sind. In dieses Dickicht von Stimmungen, Klanglayern und stärker denn je verzerrten Bassfrequenzen schiebt sich wiederkehrend die gerade für Voigt so signifikante Bassdrum, die wie eine ferne Erinnerung an die Zivilisation nach etlichen Minuten stehender, malmender Ouvertürenmusik hineintritt in die Klangschichtungen von Rausch, um ebenso unvermittelt später wieder zu verschwinden, wieder aufzutauchen und schließlich ephemer zu verstummen.

Eine Waldwelt voller Wunder.

Soghaft ist diese Musik, denn sie folgt strengen ästhetischen Parametern, sodass Rausch zu keinem Zeitpunkt beliebig, wie unter Drogeneinfluss komponiert oder wie im Walde verirrt klingt. Im Gegenteil: Wolfgang Voigt gelingt eine Verschmelzung von instrumentalen Momenten aus der Klassik – als Hörer assoziieren wir Wagner, Bruckner, Mahler und Schönberg – und elektronischer, kosmischer Musik, die dank der wiederholt auf- und abtauchenden Bassdrum auch auf Techno verweist.

Genau eine hypnotisierende Stunde lang läuft Rausch mit einer Dynamik, die dem Projekt Gas neue Ebenen schenkt. Zur Veröffentlichung schrieb Wolfgang Voigt ein Gedicht, um die Mystik seiner Musik nicht durch konkrete Erklärungen zu verjagen. Der Schluss des Gedichtes lautet: „The murmur in the forest / The murmur in the head / Light as mist / Heavy as lead / Music happens / To flow like gas / A clearing / Heavy baggage / Debut in the afterlife / Death has seven cats / World heritage Rausch / Finally infinite“. Eine Waldwelt voller Wunder.

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