Gas „Box“ / Review

Man mag die Stücke dieser Box in einem Durchlauf hören, mehr als vier Stunden am Stück an einem Herbstsonntag zu Hause – oder gar allein im Wald.

„Gas ist Glamrock als Wagner, ist Hänsel und Gretel auf Acid“, so beschrieb Wolfgang Voigt vor einigen Jahren sein nachhaltig im weltweiten Gedächtnis gebliebenes Werk unter dem Pseudonym GAS. Auf dem Frankfurter Label Mille Plateaux veröffentlichte der Kölner zwischen 1996 und 2000 vier Alben und eine Maxi, zuvor erschien noch eine EP auf Voigts Hauslabel Profan – alles längst vergriffen. Nun präsentiert er auf seinem Label Kompakt eine Box mit großformatigem Fotoband, vier CDs und zehn Vinylplatten. Enthalten sind die Alben Zauberberg, Königsforst und Pop sowie die Maxi Oktember. Die erste LP Gas fehlt, vermutlich weil das 1996 erschienene Debüt zwar das Konzept der, wie Voigt es beschrieb, gasförmigen Musik ohne klaren Anfang und ohne Ende bereits verfolgte, aber noch nicht den von der deutschen Romantik geprägten Topos des Waldes als Sehnsuchtsort in den Mittelpunkt stellte – weder musikalisch noch auf graphisch-gestalterischer Ebene.

Für Wolfgang Voigt ist die Musik von Gas trotz allen Überbaus Pop. Der Kölner suchte nach einer genuinen, nicht britische oder amerikanische Vorbilder kopierenden Form deutscher Popmusik, mit Referenzpunkten aus der eigenen Kultur, herausgerissen aus dem ursprünglichen Kontext. Von mancher Seite musste er sich den Vorwurf der Deutschtümelei gefallen lassen, was ihn, der von sich selbst sagt, er sei zeit seines Lebens stets ein Linker gewesen, durchaus ärgerte.

Unter den Tracks pocht die stoischste Bassdrum aller Zeiten, als höre man den verlangsamten Widerhall einer Technoparty aus weiter Ferne.

Sampelte Voigt auf dem selbstbetitelten Debüt neben Orchesteraufnahmen von Kompositionen Richard Wagners oder Arnold Schönbergs noch hier und da extrem verlangsamt Fetzen von Disco-Platten, so beschränkte er sich später auf klassische Musik, in erster Linie auf Streicher oder Blasinstrumente. Dass es sich um Samples handelt, wird in keinem Moment verhehlt – knistert das Vinyl doch allenthalben. Wolfgang Voigt verwendete auf den elegischen und episch langen Stücken nur wenige, nicht auf den Ursprung zurückführbare Elemente, mäandernd auf- und abebbend. Ein beständiges Summen und Dröhnen füllt den Raum – per Loop zur Transzendenz.

Unter den Tracks pocht die stoischste Bassdrum aller Zeiten, als höre man den verlangsamten Widerhall einer Technoparty aus weiter Ferne. Wolfgang Voigt wollte, so ein gern verwendetes Zitat, den Wald in die Disco bringen – der Nebel im Club als Erinnerung an den Nebel über einer Lichtung. Tatsächlich mag man die Stücke dieser Box in einem Durchlauf hören, mehr als vier Stunden am Stück an einem Herbstsonntag zu Hause – oder gar allein im Wald. Seit ich das Album Königsforst kenne, denke ich, wann immer ich im gleichnamigen, vor den Toren von Köln gelegenen Wald bin, an diese Musik, noch nie habe ich sie dort gehört.

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