Gang Of Four Content

Gang Of Four Content Tonträger Rezensiuon Klaus Walter Spex #330MTV? CD? www? SMS? Spex? Nie gehört, als 1979 Gang Of Four ihr erstes Album »Entertainment« veröffentlichten. In der Zwischenzeit ist die Berliner Mauer gefallen, die Twin Towers stehen nicht mehr, und die freie Marktwirtschaft hat die chinesische Mauer übersprungen. Darf man von einem neuen Gang-Of-Four-Album erwarten – dem ersten seit 15 Jahren – diese Zeitenbrüche wiederzuspiegeln, so wie man ihren frühen Alben anhörte, woher der politische Wind wehte? Wer, wenn nicht die an Adorno und Marx geschulte Gang könnte Musik und Worte für den Sprung von der alten Ost-West-Front-Welt in den global-digitalen Kapitalismus finden? Vermutlich ist das zu viel verlangt. Dennoch, an diese Band stellt man Ansprüche. Das Letzte, was man von ihr will, ist eine Medley-Platte der eigenen in Stein gemeißelten Vergangenheit.

    Keine Band des britischen Postpunk hat so viele Soundalikes im 21. Jahrhundert nach sich gezogen. Das New Yorker Punk-Funk-Revival der frühen Nuller war ein einziges Gang-Of-Four-Memorial-Konzert. The Rapture, Radio 4, !!!, LCD Soundsystem, alle haben »Entertainment« mit Löffeln gefressen; in Großbritannien gilt das ebenso für Bloc Party, Franz Ferdinand und Maxïmo Park. Gemeinsam ist ihnen allen das Epigonenhafte: Sie haben zwar den Sound der Gang Of Four in die Indie-Disco geschleppt, die Politik aber außen vor gelassen; eine Politik, die sich nicht auf Songtexte beschränkte. Artwork, Eintrittspreise, Vorprogrammgestaltung, Auftrittsorte, all das wurde damals neben der eigenen Soundpolitik diskutiert. In dieser spielte ein vermeintlich so unscheinbares Ding wie eine Melodica – das Kinderinstrument ist in Jamaika so zentral wie andernorts die Gitarre – eine bedeutende Rolle. Gang Of Four verinnerlichten bereits früh die Ästhetik des Dub, ohne darüber zu einer Milchschaum-Reggae-Band wie UB40 zu verkommen. Dub-Ästhetik bedeutete bei ihnen ein Bewusstsein für Leerstellen und Hohlräume, für das, was der Kritiker Paul Morley »awkward holes and sharp corners« genannt hat und mit dem Wissen um die Kolonialgeschichte der jamaikanischen Einwanderer einhergeht.

    Auf »Content« nun lohnt sich das Warten auf eine Melodica weniger, nur noch selten stößt eine solche in die wenigen Hohlräume der bis ins Breitbeinige durch Gitarrenwände komprimierten Songs. Das Dialogische, eine weitere Eigenheit der Gang-Of-Four-Politik, ist jedoch geblieben. Ständig fallen sich Jon King und Andy Gill, die verbliebenen Urmitglieder, ins Wort, eine weitere Aneignung afrikanisch-amerikanischer Musiktraditionen. Die klügsten hiesigen Gang-Of-Four-Adepten, Die Goldenen Zitronen, haben diese dialektische Kunst – mehr denn je auf ihren letzten beiden Alben – zweckentfremdet. Und wie steht es um die Politik? 2011 arbeiten sich Gang Of Four am digitalen Alltag ab, am unternehmerischen Subjekt, an den Imperativen der Ökonomie und ihren Zumutungen für das im Zweifel erschöpfte Selbst. »Who can steal when everything is free?«, fragt der Hit »Who Am I?«, in dessen Refrain es weiterhin heißt: »… when everything is me?« Allein für diese Zeilen würden Franz Ferdinand von Glasgow nach Leeds laufen, barfuß. »A Fruitfly In The Beehive« dagegen könnten die Red Hot Chili Peppers bestens zum Alternative-Kuschelrock-Bestseller verunglimpfen. Der treibende, Schneisen schlagende Bass der frühen Achtziger ist über weite Strecken durch einen raumgreifenden Gitarrenrockismus verdrängt worden.

    Keine Frage: »Content« ist ein kräftiger, muskulöser Brocken. Sie hätten sich mehr Momente nach Art von »It Was Never Gonna Turn Out Good« gönnen können: Eine Spaghetti Western-Gitarre spielt das Lied vom Tod, plötzlich durchbricht eine Autotune-Stimme den soliden Gang-Groove und eröffnet einen Dialog mit einer unverfremdeten Gegenstimme – ein schockierender, zum Lachen animierender Einbruch der Soundgegenwart, der erneut die Frage nach dem Epigonalen aufwirft. Denn wäre es für jene, von denen so viele Jüngere gelernt haben, nicht doch besser gewesen, von Jüngeren zu lernen? Sicherlich, niemand will Dubstep von Gang Of Four hören. Doch wenn man den superamüsanten Autotune-Neofunk von Squarepushers Daddelprojekt »Shobaleader One« nimmt… dann sollte man aufhören zu träumen. Gang Of Four waren, sind und bleiben ein monolithischer Block, der sich kaum neu erfinden lässt, zumal die Fähigkeit zur permanenten Neuerfindung ja den ökonomischen Diktaten geschuldet ist, die sie ausdrücklich kritisieren. Begnügen wir uns also mit zaghaften Modernisierungen. Dazu gehört auch antirockistische Medienguerilla, wenn Gang Of Four online mit Band-Gimmicks ›value for money‹ bieten: eine »authentisch demolierte Gitarre, handsigniert von Andy Gill, eingewickelt in die verbliebenen Saiten«, für 450 Pfund. Ein Helikopterflug mit der Band zum Glastonbury-Festival nebst Backstage-Pass. Kostenpunkt: 950 Pfund. Das ist ›Entertainment‹ mit ›Content‹. Wer’s glaubt, der kauft.

 

LABEL: Grönland Records | VERTRIEB: RTD | : 28.01.2011

Gang Of Four Live:
25.03. Köln – Luxor
26.03. Berlin – C-Club
27.03. Hamburg – Docks


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