Man hatte gehofft, wenigstens diese Serie hätte den Willen gehabt, alte Muster aufzubrechen. In der finalen Staffel Game Of Thrones aber offenbart sich ein grundlegendes Problem der Serienwelt: Männer, die Frauenrollen schreiben – und daran scheitern.

Eine Sache, die Game of Thrones seinen Zuschauer_innen wieder und wieder glaubhaft vermitteln konnte: Alles ist immer möglich. Jede_r kann jederzeit sterben. Oder an die Macht gelangen. Im Laufe der vergangenen acht Jahre schien vieles möglich, sogar eine bessere Welt. Ein gewisser Optimismus wollte die Serie in all ihrem dunklen Dunst aus Macht, Mord und Vergewaltigung nie vollständig verlassen. Winter could be leaving.

Dann kamen die letzten Folgen. Und machten so ziemlich alles falsch – vor allem im Hinblick auf ihre Jahre lang aufgebauten Frauenfiguren. Mit Cersei Lannister (Lena Headey), einst matriarchale Herrscherin, wissen die beiden Showrunner der Serie, David Benioff und D.B. Weiss, auf der Zielgeraden überhaupt nichts mehr anzufangen und schicken sie mit Weinglas ans Fenster des narrativen Exils, ehe sie ihr brutal unkreatives Ende findet. Die frühe Cersei war eine kluge Intrigantin, eine Macherin, eine die sich die Hände schmutzig macht, die shit done bekommt. Am Ende sieht sie ihrer Stadt beim Brennen zu, geht nach Ewigkeiten der Untätigkeit in den Keller und wimmert, sie wolle nicht sterben.

Ein weiteres Ausstellungsstück im Museum des Ungleichgewichts der Geschlechter: Daenerys Targaryen (Collage: SPEX).

Das große Finale hat gezeigt: Auch Game Of Thrones ist in den Dynamiken und Perspektiven gefangen, die das Fernsehen schon so lange dominieren und von denen man hoffte, wenigstens diese Serie hätte die Qualitäten und den Willen gehabt, sie aufzubrechen. Am Schluss aber fügt sich Game Of Thrones in alte patriarchale Strukturen – genauso wie so viele von Männerhand geschaffene Serien zuvor.

Die letztlich nicht mehr heimlichen Heldinnen der Serie Arya (Maisie Williams) und Sansa Stark (Sophie Turner) überleben im Gegensatz zu Cersei. Mit milder Geste werden sie an den Rand der sieben bzw. nun sechs Königreiche geleitet. Arya und Sansa gehen an den Rand der Show-Landkarte oder darüber hinaus. Sie gehen mit Würde, ja, aber ohne großen Triumph, ohne ein Gefühl von Fortschritt. Sansa darf den Norden regieren, doch ihr hängt weiterhin der Monolog nach, den ihr die Autoren in der vierten Episode der finalen Staffel unterjubelten: Ihre Vergewaltigung (die sie wie fast jede weibliche Figur dieser Serie erlebte) habe sie, so Sansa, zu der starken Frau gemacht, die sie heute ist.

In diesem Satz offenbart sich die männliche Perspektive, in der die von männlichen Autoren geschriebenen Frauenfiguren in Game Of Thrones verhaftet bleiben. Ihre Entscheidungen und Charaktereigenschaften sind selten mehr als Ergebnis einer männlichen Handlung. Sansas Persönlichkeit ist nichts als eine Reaktion auf eine männliche Aggression. Und somit das Gegenteil von Autonomie. Die Stärke der Frau wird im maskulinen writers‘ room von Game Of Thrones nur im Angesicht des überwältigenden Mannes gedacht. Ein Sexismus, der vielleicht nicht auf aktiver Ablehnung fußt, mindestens aber auf einfallsloser Engstirnigkeit. Warum sollte eine Frau auch Entscheidungen treffen, die nichts mit Männern zu tun haben? Warum über etwas anderes nachdenken als Männer? Wie überhaupt existieren ohne Männer?

Die Parallelen zu alten, weißen Politikern, die Abtreibungsdebatten unter sich führen, sind ärgerlich nah

Daenerys (Emilia Clarke) Entscheidung zum Kriegsverbrechen und dazu, eine ganze Stadt nach der Kapitulation dem Lehmboden gleich zu machen, ist genauso plump, wie sie klingt. Wegen eines gebrochenen Herzens machen die Autoren Daenerys zur Tyrannin. Wer diesen Schritt verteidigen will, verweist auf den in ihrer Figur angelegten Diskurs über die Frage, ob es möglich ist, mit Liebe zu herrschen statt mit Angst. Stimmt. Nur, letztlich verweigert die Serie Daenerys, diese Entscheidung als intellektuelles Wesen mit Abstraktionsvermögen zu treffen. Als jemand, der in der Lage ist, den persönlichen Schmerz und den an der Welt zu trennen. Ihre abschließende Rede ans primitive Volk landet irgendwo zwischen George W. Bushs Werben für den Irakkrieg und Triumph des Willens. Das hätte dramaturgisch sogar gut gehen können, da die letzten Folgen Daenerys‘ Wandlung zur Rachegöttin dem Publikum aber einfach vor die Füße werfen, werden diese handwerklichen Schwächen zu einem moralischen Problem. Das fehlende Interesse an einer ausgereifteren Betrachtung dieses Charakters wird zu einem sexistischen Fehlverhalten. All die sexualisierten Übergriffe, all das Leid, all die Wut und Trauer, all die weiblichen Siege und Niederlagen könnten Mehrwert besitzen. Doch dafür braucht es Integrität der Autorenschaft ihren Figuren gegenüber.

Männer sind in den Geschichten der vergangenen tausend Jahre wahrlich nicht immer erfolgreich gewesen. Sie durften Drogen nehmen und verkaufen, Kriege führen und verlieren, haben Familien gegründet und zerstört. Was sie den Frauen dabei aber meist voraus hatten: Sie wurden ernst genommen. Die Figur der Daenerys wird zu einem weiteren Ausstellungsstück im Museum des Ungleichgewichts der Geschlechter. Ihr Platz zwischen Walther White und Tony Soprano wird ihr verweigert, ohne ersichtlichen Grund. Als sich Drache Drogon nach dem ästhetisch immerhin schön gearbeiteten Liebestod seiner Königin mit ihr in das Grau des Nachklangs aufschwingt, hat die Serie ihre mother of dragons zu einer Katzenlady degradiert. Verbittert und abgewiesen ist ihre Existenz scheinbar nur in Wut und zwischen ihren Haustieren möglich. Und ihre dünnen Motive darf sie dabei nicht einmal selbst erörtern. Dies überlässt die Serie Jon Snow und Tyrion Lannister. Die Parallelen zu alten, weißen Politikern, die Abtreibungsdebatten unter sich führen, sind ärgerlich nah. In seinen letzten Akten hilft Game Of Thrones dabei, die Landlüge so bekräftigen, Frauen seien in der politischen Arena zu gefühlsbetont und Männer ihnen in ihrer Rationalität überlegen.

Die großen Serien unserer Tage leiden unter den Händen von Männern. Manche von ihnen zeichneten sich durch gewaltsames Desinteresse aus. So wie True Detective. Die Frauen der ersten Staffel ließen sich ausnahmslos in ein Zwei-Schubladen-Schränkchen mit den Labels „Schlampe“ oder „Hure“ einordnen. Während die echten Detektive uns Zuschauer_innen die Dunkelheit der Welt erörterten. Die erste Staffel von True Detective war selbstgefälliges Mansplaining.

Breaking Bad war eigentlich eine wunderbare Charakterstudie, die sich all die Zeit nahm, die man in den letzten Erzählsträngen von Game Of Thrones so vermisste. Aber Walther Whites Ehefrau Skyler, eine der rationalsten Figuren der Serie, fiel beim Publikum komplett in Ungnade. Man warf ihr Undankbarkeit vor. Ihre ach so nervigen Hinweise, dass Drogen und Mord vielleicht nicht die zielführendsten Entscheidungen für das Familienglück seien, waren nur Hindernisse auf dem Weg zur maskulinen Coolness. Sei still, Frau, und mach die Geldwäsche. Anna Gunn, die Skyler White verkörperte, hat in der New York Times ein sehr eindrückliches Essay über den Umgang mit ihrer Figur geschrieben. Der Serie selbst macht sie darin keinen Vorwurf. Und doch bewegte sich Breaking Bad in einem Koordinaten-System, das weibliche Autonomie entweder aktiv ablehnt oder als irrelevant und nervig abtut, und arbeitete letztlich zu wenig daran, die eigenen Anhänger_innen eines besseren zu belehren.

In den meisten Fällen der Prestige-TV-Ära sind Frauen nur beiläufig oder funktional interessant. Weibliche Themen oder Problemstellungen finden kaum Platz. War es wichtig, was mit den Frauen in The Sopranos passierte? Die gleiche Frage kann man The Wire stellen. Und hat die Ehefrau in den ersten Staffeln von Narcos irgendwann einmal das Hotel verlassen? Warum sprachen in The West Wing alle Figuren wie Männer, unabhängig vom Geschlecht? Und was ist mit House Of Cards? Eine Serie, die auf die selbsterfüllende Prophezeiung baut, dass Politik von Männern und vor allem wie von Männern gemacht werden muss. Selbst wenn Frauen Politik machen.

Die Drachen flogen nicht hoch genug, um ein paar mehr Glasdecken zu durchbrechen

Auch scheinbare Eckpfeiler des feministischen Fernsehens wie Sex And The City haben ihre Probleme. Die Serie, vom homosexuellen Darren Star konzipiert, konnte die eigene Zerrissenheit nie ablegen, ob sie sich nun über Hetero-Frauen und -Paare lustig machen oder mit ihnen mitfühlen wollte. Das war produktiv und spaßig, aber schlussendlich konnte auch diese Serie nicht widerstehen und peinigte Samantha, also jene Figur, die nie davon abwich, ihre Sexualität für sich zu beanspruchen, mit Brustkrebs. Keine Autorin der Welt hätte sich diese grausame, metaphorisch banale Strafe ausdenken können.

Selbst der größte feministische Erfolgsfall der vergangenen TV-Jahrzehnte, Mad Men, musste bereits im Titel und mit jeder Menge Handarbeit verschleiern, dass er eigentlich die Geschichten verschiedenster, wunderbar komplexer Frauen erzählte. Dreidimensionalität gab es in diesem Werk überall. Selbst das Set-Design war voll entzückender Ecken und Kanten. Die Männer in Mad Men waren dabei primär Hindernisse, welche die schüchternen, aufreizenden, konservativen, fortschrittlichen, mutigen, melancholischen oder pragmatischen Frauen zu überwinden hatten, um aufrecht aus den Sechzigerjahren herauszukommen.

Die Wut und Enttäuschung darüber, mit welch altbackenen Gedanken Game Of Thrones sein Publikum aus der Monokultur entließ, ist nun auch Ausdruck eines erhöhten Standards, den wir uns gesellschaftlich erarbeitet haben. Der anzeigt, wie weit wir schon gekommen sind. Und zu dem auch die Serie selbst beigetragen hat.

Gilmore Girls, Veep, Fleabag, 30 Rock, Parks And Recreation, Girls – keine dieser von Frauen (mit-)geschaffenen Serien setzte ihre weiblichen Charaktere abschließend auf Throne, in die Chefetage oder an die Himmelspforte. Aber wo immer diese Geschichten abschlossen werden, es war jedes Mal ein verdienter, ertragreicher, unterhaltsamer Weg in die hart erkämpfte Dreidimensionalität.

Am Ende von Game Of Thrones aber soll unsere Aufmerksamkeit jetzt dem kleinen Jungen Bran gelten, der wortwörtlich acht Staffeln mit schiefem Blick und schiefer Frisur in der Gegend herumsaß? Diesen zu einem langweiligen Mann herangewachsenen Burschen will man uns in einem müden letzten Akt als Lösung verkaufen? Nein. Dafür flogen die Drachen seit Jahren zu hoch. Wenn auch nicht hoch genug, um ein paar mehr Glasdecken zu durchbrechen. Aber das Gefühl erneut betrogen worden zu sein, ist auch Ausdruck einer Sehnsucht, die in sich selbst ein Erfolg ist. Wir erwarten heute mehr von unserem Fernsehen, unseren Geschichten. Männer dürfen weiter über Frauen schreiben (wenn nicht, wäre auch die Existenz dieses Artikels zu hinterfragen), aber mehr Frauen in den Autor_innenzimmern (und in der Film- und Fernsehkritik) sind bitter nötig. Damit sich die Perspektiven weiten und neue Fragen gestellt werden können.