Die Musik von Galcher Lustwerk gleitet so geschmeidig dahin wie ein Sportwagen. Nina Posner traf den House-Produzenten in New York. Ein Gespräch über sein neues Album Information, Spionagefilme und warum Lana Del Rey SPEX lesen sollte.

For an english version of this interview – click here.

Entgegen aller Erwartungen ist Galcher Lustwerk kein Mysterium. Nachdem sein 2013 erschienenes Mixtape 100% Galcher große Wellen schlug, verbarg sich Galcher zwar vor der Öffentlichkeit, gab nur wenige Interviews und übte sich in Zurückhaltung. Das allerdings war nicht Teil eines größeren, von langer Hand geplanten PR-Vorhabens. Vielmehr zog es der mittlerweile in New York lebende Produzent aus Cleveland vor, seine Privatsphäre zu schützen. „Wenn du nicht in sozialen Netzwerken aktiv bist, nehmen alle an, dass es Teil deiner brand wäre, nicht aber, dass du vielleicht einfach keinen Bock drauf hast“, erzählt Galcher, dessen bürgerlicher Name nicht bekannt ist, in einem nepalesischen Restaurant in Ridgewood, Queens. „Im echten Leben bin ich ziemlich offenherzig. Im Internet weißt du aber nicht, mit wem du es zu tun hast.“

Um Menschen, die nicht das sind, was sie zu sein scheinen, geht es auch lose auf seinem im November auf Ghostly International veröffentlichten Album Information. Wie seine vorigen LPs – Dark Bliss, das 2017 auf White Material erschien, und 200% Galcher, das er im Folgejahr auf seinem eigenen Label Lustwerk Music veröffentlichte – bringt Information warme House Music für die späteren Stunden mit gefreestylten Stream-Of-Consciousness-Vocals zusammen und balanciert diese Mischung sorgsam aus. Die Musik von Galcher Lustwerk ist von einer mühelosen Triebkraft durchzogen und gleitet so langsam und sanft dahin wie ein Sportwagen – ein Motiv, das er selbst bereits explizit aufgenommen hat.

Die neue Platte, erklärt er freimütig zwischen ein paar Bissen, erzähle eine Art Spionagegeschichte, weil dieser Beruf mit dem eines tourenden DJs für ihn ähnlich sei. Der Vergleich ergibt Sinn: Gestalten huschen durchs Halbdunkel, der Protagonist muss die Stimmung eines Ortes und die Absichten der Anwesenden erfassen und manchmal, ja manchmal geht es bei alledem nur bedingt legal zu. „Es fühlt sich an, als wäre jeder Gig eine Mission – du hast eine vorgeplante Route, fliegst irgendwohin, weißt aber nicht, wer dich dort abholen wird oder was genau dich erwartet“, sagt er. „Auf Information geht es darum, zu lernen, wie es sich durch eine Welt navigieren lässt, die feiert – eine hedonistische Welt.“ Das Album wird durch den Einsatz von Jazz-Saxofon und mehr Drums sowie Arrangements „im Geiste des Mittleren Westens“ verstärkt und klingt dementsprechend dicht. Wie in jedem guten Whodunit lässt es sich wunderbar darin verlieren, wiederholt darauf zurückkommen und ihm wieder und wieder neue Beachtung schenken. 

Galcher Lustwerk
Sonst meistens im Bett anzufinden: Galcher Lustwerk (Foto: Galcher Lustwerk/Ghostly International).

SPEX: Du hast gesagt, du habest für dieses Album die Tracks zusammenbringen wollen, die deiner Ansicht nach am meisten „im Geiste des Mittleren Westens“ stehen. Wie klingt der Mittlere Westen für dich?

Galcher Lustwerk: Ich verbinde das am ehesten mit dem College-Radio, das ich gehört habe, wann immer ich durch Ohio gekurvt bin. Das Spektrum ist sehr breit: Viel Indie und Punk, experimenteller, krachiger Jazz und natürlich ist der Mittlere Westen auch das Zuhause von Motown und Funk. Ohio hat die O’Jays und Zapp, und dann gibt es natürlich noch Detroit-Techno und Chicago-House wie den von Larry Heard. Aus Cleveland kommt Dan Curtin, der immer noch aktiv ist, aber genauso Emeralds, Kid Cudi und so weiter. In der Musik des Mittleren Westens steckt eine gewisse Leichtigkeit, ein bittersüßes Gefühl. Ich habe mir sperrigen Kram von Thrill Jockey und Chicagoer Bands wie Tortoise, Trans Am und The Sea And Cake gehört. The Sea And Cake waren immer schon ein großer Einfluss für mich. Ihre Lyrics sind ziemlich entspannt, leise und ruhig, ergeben zwar nicht sonderlich viel Sinn, passen aber immer zur Stimmung des jeweiligen Songs. Ich schätze, dass der Midwest-Sound das ist, was du draus machst. Sicher bin ich mir da nicht, aber wenn du an der Ostküste lebst, dann wirst du viel Kultur mit einem sehr spezifischen Charakter ausgesetzt, sodass geradezu von dir erwartet wird, eine bestimmte Art von Musik zu machen. Ähnlich an der Westküste, die einen ganz bestimmten Sound und die dazugehörige Industrie hat. An diesen Orten kannst du schnell und einfach deine eigene Nische finden, im Mittleren Westen allerdings musst du sie dir schon selbst einrichten.

War das die Denkweise, mit der du in der High School mit dem Produzieren begonnen hast?

Ich wollte Musik machen, wie ich sie damals selbst hörte. Am meisten Inspiration kam wohl von Aphex Twin, weil ich mich bei dem immer wieder fragte, wie er es wohl hinbekam, dass seine Musik diesen besonderen Klang hatte. Ich habe nicht unbedingt versucht, Musik zu machen, die wie seine klang. Aber ich habe mich viel mit Melodien, Songstrukturen und dem Einsatz von Lyrics und all dem, was ich an Hip Hop mag, auseinandergesetzt. Ich habe immer versucht, meinen eigenen Stil zu verfolgen und dabei mehr oder weniger Emo-Phasen durchlaufen, bevor es ernsthafter wurde. Dann aber wieder wird es manchmal sehr emo und albern und dazu nehme ich immer wieder diese verqueren Umgestaltungen vor. Ich denke, dass dieses Album eher ernsthaft, an einigen Stellen aber auch noch spielerisch ist. 

Auf dem Album werden Jazz-Einflüsse hörbar, von den Saxofoneinsätzen ganz zu schweigen. Was ist deine Verbindung zu diesem Instrument?

Ich habe von der Mittel- bis in die Oberstufe neun Jahre lang Saxofon gespielt, meinen Zenit habe ich in der achten Klasse erreicht. Das ist schon cool, so habe ich schätzungsweise meinen Sound entwickelt. Ich mag die bluesigeren Tonarten und Akkorde und wollte einen authentischen Saxofon-Sound. Mir wurde klar, dass ich zu spielen aufgehört hatte, weil das Instrument zu laut ist. Ich mochte es immer schon lieber, sehr sanft zu spielen. Ich hatte immer im Hinterkopf, dass meine Nachbar_innen mithörten, weshalb ich als Jugendlicher zuhause immer sehr leise geübt habe. Jetzt aber möchte ich wieder mehr üben und mein Spiel vielschichtiger gestalten. Ich kann nicht einmal mehr Noten lesen. 

Hast du damals denn Jazz gespielt?

Es gab so ein Jazz-Sommerprogramm, an dem ich teilgenommen habe, und in meiner High-School-Zeit war ich sogar in einer Band, aber der Lehrer war ein Arschloch. Er fuhr einen violetten Chrysler PT Cruiser, total bescheuert. Er trug Krawatten mit Klaviermotiven drauf. Seine Musikauswahl war auch beschissen, wir mussten bei ihm so Kram wie „Smoke On The Water“ spielen. Das hat mir das Spielen vermiest. Vor meinem Abschluss dachte ich: „Ich hasse es, ich will das Scheißteil verkaufen.“

Du hast an der Rhode Island School of Design gemeinsam mit den White-Material-Gründern Young Male und DJ Richard studiert. Wie kamst du in Providence mit der Szene für experimentelle Musik in Kontakt? 

Ich will nicht sagen, dass es diese Szene nicht mehr geben würde, aber ich glaube, dass ich in ihrer letzten Blütezeit dazustieß, vor allem in meinem ersten Studienjahr, in dem ich Partys in Olneyville besucht habe, wo überall Lagerhallen sind. Das erinnerte mich an die Punk-Shows in besetzten Häusern in Cleveland oder anderswo, war zugleich aber viel extremer, ob nun in Hinsicht auf den Sound, die Performances, die Mode oder die eigentlichen Venues, die total abgeranzt waren. Da war vor allem eins, Mars Gas, das diesen Namen trug, weil auf der anderen Straßenseite eine Schmuckfabrik stand, die ihre Abgase ins Dachgeschoss des Gebäudes blies. In der Gegend herrschten sehr bizarre Zustände. Das gab mir das Gefühl, dass dort in der Musik alles möglich sein könnte, genauso wie in den Szenen darum. Damals ging es nicht wirklich um Qualität, sondern um Intensität. Ich fing an, in Bars aufzulegen und versuchte, Providence an elektronischen Kram heranzuführen, der damals in dieser Gegend nicht sonderlich beliebt war. Nicht den überzogenen intensiven Kram, mein Ziel war es eher, mich dem anzunähern, was alle anderen machten. Hin und wieder habe ich Noise ausprobiert, aber genauso Techno und House.

Spielt das Artwork des Albums auf etwas Bestimmtes an, und hast du es selbst gestaltet?

Ich habe als Art Director fungiert. Ein paar Verweise, die bei mir immer wieder auftauchen, beziehen sich auf die Romane von Anne Rice, obwohl ich selbst nie einen gelesen habe. Meine Mutter hat sie mir als Kind vorgelesen und ich hatte ständig ihre Bücher mit dieser irren Typografie im Regal vor Augen. Und die BBC-Show Poirot, eine Art-Déco-Krimiserie, ein bisschen wie Agatha Christies Mord im Orient-Express. Inspiriert haben mich Film Noir, Art Déco – Ästhetik, die sehr goth und elaboriert ist. 

Magst du Spionagefilme? Was sind deine Lieblinge?

Das ist ein ziemlich weites Feld. Für dieses Album habe ich mir häufig Der Tod kennt keine Wiederkehr angeschaut, bei dem Robert Altman Regie geführt hat. Im albernen Bereich bin ich ein großer Fan der Ocean’s-Filmserie. Ich mag Heat. Es gibt da diesen französischen Regisseur, Jean-Pierre Melville, der auch super ist. Er hat eine Reihe von Filmen gedreht, einer heißt Vier im roten Kreis und der andere Der eiskalte Engel. Ich liebe Staatsfeind Nr. 1, was eher ein Verschwörungs-Thriller ist. Der hatte eine nachhaltige Wirkung auf mich, als er 1998 erschien und ist nach wie vor einer meiner Lieblingsfilme. Brennpunkt Brooklyn gehört auch zu meinen absoluten Favoriten. 

Die Ocean’s-Filme haben etwas sehr Befriedigendes an sich.

Es geht, glaube ich, um das Gefühl, ungeschoren mit etwas davonzukommen, oder aber dass sich alles perfekt zusammenfügt, weißt du? Ein sehr ausgefeilter Plan, der sich makellos vor dir ausbreitet und an dem alle deine Lieblingspromis mitwirken. Gut angezogen sind sie obendrein. Es macht Spaß, sich die Klamotten anzugucken. Am liebsten mag ich Ocean’s Twelve. Das ist ein hirnrissiger Film, dessen Plot wirklich gar keinen Sinn ergibt, und doch willst du dir jede Einstellung reinziehen, weil er so schön ist. Sie haben an wunderbaren Orten gedreht, alle tragen hinreißende Anzüge und Catherine Zeta-Jones ist badass. Der perfekte Film, um ihn im Hintergrund laufen zu lassen.

Hast du auch etwas im Hintergrund laufen, wenn du Musik machst?

Seit einer Weile schaue ich mir über Twitch an, wie andere Leute Videospiele zocken. Das ist eine top Ablenkung, du kannst dich kurz stimulieren lassen und dann wieder woanders hingucken. Den Ton schalte ich aus und lasse nur die Musik laufen. Ich versuche, herauszufinden, wie ich besser all diese Medien angucken kann, die ich sehen will. Ich brauche für gewöhnlich mehrere Stimuli auf einmal. Und ich fahre total auf Musik aus Videospielen ab, die ich über Twitch entdecke oder wenn ich auf alte Soundtracks stoße. Diese Idee von Hintergrundmusik und Songs, die du wieder und wieder in Endlosschleife hören kannst, fasziniert mich. Ein Album mit langen Meditationsstücken oder so aufzunehmen, wäre echt cool. 

Wie sieht dein Set-Up aus?

Meistens bin ich im Bett, um ehrlich zu sein, weil ich viel reise und deshalb müde bin. (lacht) Ein kleines Studio-Set-Up habe ich auch, allerdings ist es gerade nicht in Betrieb. Es dauert einfach zu lange, alles aufzubauen und zu verkabeln. Meistens bin ich am Laptop, mit dem ich alles machen kann, worauf ich Lust habe. Das Saxofon ist zwar echt, die Drums aber sind alle digital. Dass es so retro klingt, liegt an einem Programm von Native Instruments, Kontakt. Mir ging es nie um die Hardware oder den Sound. Nur um die Melodien und Rhythmen. 

Stellenweise ist Information ein wenig langsamer und zurückhaltender als die Musik, die du sonst veröffentlichst. 

Ich habe eine ganze Menge schneller Tracks, für das Albumformat aber schien es mir Sinn zu ergeben, ein paar langsamere Stücke als Interludes mit aufzunehmen. Allerdings habe ich sowieso mehr Downtempo-Zeug geschrieben. Vielleicht weil ich weniger ausgehe, oder weil ich älter werde oder weil ich mich gerade in einer Findungsphase befinde. Weißt du, was ich meine? Ich versuche diesen Vibe auf andere Genres zu übertragen, ihn beizubehalten und in Trip Hop oder Jazz zu überführen. 

Hat sich die Art und Weise, in der du deine Vocals aufnimmst, verändert?

Es ist einfacher geworden. Aber ich denke, dass es mir in erster Linie darum geht, auf ein Gefühl der Erschöpfung zuzusteuern. Wenn ich meine Vocals aufnehme, versuche ich, mich zu entspannen. Meistens klappt das beim ersten Versuch. Da bin nur ich und der Versuch, mich wirklich lockerzumachen, sodass es am Ende natürlich klingt und nicht etwa zu forciert oder fake. Viele der Songs nehmen ihren Anfang als Freestyle und ich baue sie dann weiter aus.

Würdest du je über die Tracks von anderen rappen oder für andere Vocalists produzieren? 

Für andere zu produzieren, wäre schon cool, aber ich möchte nicht über die Musik von Fremden rappen. Du weißt nie genau, was sie damit letztlich anstellen werden. Mehr in die Pop-Richtung zu gehen, wäre spitze, Lana Del Rey vielleicht oder Dua Lipa, die klingt wirklich so, als würde sie alles locker angehen. Die ist total lässig. Ich bin mit Sade und Whitney Houston und Toni Braxton aufgewachsen, deshalb wäre es fantastisch, mit einer Frau zusammenzuarbeiten. 

Wow, dann lass’ doch eine Kollaboration zwischen Galcher und Lana festzurren!

Na, vielleicht liest sie ja SPEX! (lacht)

Galcher Lustwerk
Information
(Ghostly International)
Erschienen am 22. November