Gaiser

Wie wenigen Labels im Bereich der Clubmusik ist es Minus aus Berlin gelungen, die Szene zu polarisieren. Besonders in Berlin wird der Sound des Labels von DJ-Star Richie Hawtin mit Nerdigkeit, Rigidität und einer gewissen Zwanghaftigkeit verbunden. Der besonders in Form von schwarzen Anzügen und Rollkragenpullovern zur Schau getragene Existenzialismus wirkt auf das Berliner Publikum wie eine blasse Neuauflage jenes US-amerikanischen Künstlertypus, der Europa zieht, um Abgründe zwischen Leben und Kunst zu erkunden.

    Trotzdem ist Minus die stärkste und besonders in ihrer Wirkung nach Außen einflussreichste Technoposse der Stadt. Wie niemand anders ist es dem Label gelungen, einem ästhetischen Programm eine Marktmacht zu verschaffen. Zusammen mit Get Physical ist es das einzige Berliner Label, das einem talentierten DJ und/oder Producer eine Karriere-Perspektive anbieten kann, die über einzelne Releases und Auftritte hinausgeht. Mit Sven Väth ist Hawtin der einzige Star-DJ der ersten Technogeneration, der bis heute seine künstlerische Integrität bewahrt hat, und für einen zeitgemäßen, kompromisslosen Clubsound steht. So einzigartig diese Verbindung von Fame und künstlerischem Eros ist, steht Minus heute nach etwa siebzig Releases an dem Punkt, wo die Musik in ihrem Markencharakter aufzugehen droht.

    Bei Gaisers Debütalbum »Black Fade« wird diese Gefahr besonders deutlich spürbar. Während alle Künstler des Labels auch eine individuelle Note mitbringen, könnte bei Gaiser von einer gewissen Überidentifikation mit dem Minus-Sound gesprochen werden. Auf »Blank Fade« tauchen alle Trademark-Elemente auf: Rhythmisch bestimmen die Snaredrums auf die zweite und vierte Taktzeit den Charakter der Musik. Stilbildend sind die nach vorne preschenden Basslines, die abstrakte, formalistische Klangästhetik und der besondere Dreh, das Rave-Moment gerade aus der Nüchternheit zu entwickeln. Tatsächlich hatte Gaiser sein Erweckungserlebnis im Bezug auf elektronische Musik als Teenager bei einem Set von Richie Hawtin in Detroit, wenig später wurde er Teil der Clique um das Vorgänger-Label Plus 8.

    Gaiser ist sicherlich mehr Erfüller als Forscher oder Entdecker. Er ist ein Minus-Soldat, der die Lehre von der modernistischen Clubmusik in die entlegenen Ecken der Erde trägt, wo sich bisher noch die britischen Booker mit einem meist stillosen, uninspirierten House-Pop breit machen. Aber Minus wären nicht Minus, wenn die Musik in der Erfüllung des Standards aufginge, wenn nicht gerade die jahrelange, meditative Konzentration auf eine bestimmte Klangkonstellation eben doch einen Überschuss und eine Präzision erzeugte, die man nirgendwo anders findet. Aber das schwarze Sakko hat damit kaum etwas zu tun.

LABEL: Minus

VERTRIEB: Alive

VÖ: 21.11.2008

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