Gaika – Stadt zu Kleinholz

Gaika, Foto: Ronald Dick
Foto: Ronald Dick

Best of 2017: Ein Besuch im Londoner Bezirk Brixton, anhand dessen Zustand der dort aufgewachsene Rapper Gaika die kapitalen Fehler der britischen Politik anprangert – und seinen Sound erläutert. Einer der SPEX-Artikel des Jahres.

Ziviler Ungehorsam ist so was von over, behauptet Gaika. Seine ohnehin kaputte Heimatstadt gehöre eher heute als morgen noch mal so richtig in Schutt und Asche gelegt. Der Rapper und Produzent aus Südlondon zeichnet mit seiner Gespensterstimme Sci-Fi-Szenarien wie nach der Apokalypse. Dabei versteht er sich schlicht als Chronist der Gegenwart. Bock auf real talk? Hier ist sie: die hohe Schule der Diplomatie nach Gaika.

„Schau dir diese verdammten Idioten an“, sagt der Taxifahrer und muss lachen. Vor dem Dorchester Hotel im noblen Londoner Bezirk Mayfair steht ein vergoldeter Lamborghini in einer Reihe mit vier anderen sündhaft teuren und geschmacklich fragwürdigen Sportwagen. „Das ist London“, erklärt er sichtlich amüsiert. „Wir befinden uns hier in der teuersten und lächerlichsten Gegend der Welt.“

London hat ein Problem. Die Stadt wandelt sich, tagtäglich. Das tun andere Metropolen natürlich auch. Aber in London läuft der Veränderungsmotor schneller, als es die Stadt an der Themse verkraften kann, und verpestet sie längst mit purem Gift. „London ist zur gigantischen Geldanlage geworden. Superreiche fucker kaufen alles auf und wohnen selbst vielleicht sechs Wochen im Jahr hier“, doziert der cabbie weiter, während er Belgravia durchquert und auf die Chelsea Bridge Richtung Süden zusteuert. Was heißt das für Londoner wie ihn? „Die Stadt stirbt uns unter den Füßen weg.“

der ganz normale Wahnsinn in London: „Mehr Repression, weniger Chancen.“

Ein paar Meilen weiter südlich haben die Leute mit dieser Glitzerwelt nichts zu tun. Sie trennt eine unsichtbare Grenze, die man immer deutlicher spürt, je weiter man sich von den Lamborghinis entfernt. Es ist nicht nur eine Grenze der Kaufkraft, sondern auch eine ethnische. Straßen wie die Coldharbour Lane zwischen Clapham und Brixton sind alles andere als gepflegt, schon am frühen Nachmittag hängen hier Gruppen von meist schwarzen männlichen Jugendlichen an Hauseingängen und auf Parkbänken herum und beäugen Ortsfremde mit einer Mischung aus Abschätzigkeit und unverhohlener Aggression. Die etwas mehr als eine Meile lange Straße schaffte es erst kürzlich in die britischen Medien wegen der zweithöchsten Konzentration an Messerattacken im ganzen Land. Um die 40 allein im Jahr 2014.

„London ist im Arsch“, sagt einer, der auch einmal aus diesen Hauseingängen Passanten beäugte. Der Rapper Gaika Tavares, Künstlername schlicht Gaika, kennt in Brixton jede Gasse, er hat die meiste Zeit seines Lebens hier verbracht, war als junger Bursche in kriminelle Aktivitäten verwickelt. „Wie die meisten hier“, sagt er. Ein gutes Jahrzehnt später sitzt er mit Hut, Ledermantel und einem vergoldeten Hanfblatt am linken Ringfinger im Café eines Kinos an der Haupteinkaufsstraße seines Viertels. Er beäugt abwechselnd die Szenerie vor dem bodentiefen Fenster und seinen mit einem Herzchen geschmückten Cappuccino – fast ungläubig, als würde er beide nicht wiedererkennen. Als Kind habe er in diesem Kino mit seiner Mutter Filme über Malcolm X gesehen, erzählt er. Das habe ihn geprägt. Heute ist er der einzige Schwarze in dem weitläufigen Raum.

„Gentrifizierung gibt es überall. Das ist traurig, aber logisch“, sagt Gaika. Er selbst lebt seit kurzem gar nicht mehr im Viertel. Stattdessen verwenden seine Brüder und er einen Großteil ihres Einkommens darauf, ihre Mutter in deren Brixtoner Wohnung zu halten. Ohne Unterstützung durch ihre Söhne, einer Stipendiat am Bostoner MIT, der andere semi-bekannter Filmemacher, der sein Debüt Jonah 2013 beim Sundance Film Festival zeigte, und der dritte eben Musiker und längst mehr als ein Geheimtipp, könnte sich Mutter Tavares ihre zwei Zimmer nicht mehr leisten.

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