„Für mich ist das kultureller Terror“ – Anne Haffmans (Domino Records) über BDS

Foto: Katja Ruge

Anfang Mai hat die israelfeindliche BDS-Bewegung („Boycott, Divestment And Sanctions“) erneut zum Boykott des Berliner Pop-Kultur-Festivals aufgerufen. Künstler wie John Maus, Richard Dawson und Nadine Shah kamen diesem nach. Anne Haffmans vertritt unter anderem die Labels von Maus und Dawson in Deutschland. SPEX traf sie zum Gespräch in Berlin.

Anne Haffmans, wie haben Sie als deutsche Labelmanagerin die Absagen „Ihrer“ Künstler John Maus und Richard Dawson gegenüber dem Pop-Kultur-Festival und die dadurch ausgedrückte Unterstützung des BDS aufgenommen?
Wir waren ganz unglücklich darüber. Zuerst haben wir versucht, regelnd einzugreifen, weil ich gerade bei dieser BDS-Agitation das Gefühl habe, dass Vieles mit schlechter Kommunikation zusammenhängt. Das habe ich schon letztes Jahr mitbekommen, als Young Fathers, die in unserem Nebenbüro bei Ninja Tune betreut werden, ihre Teilnahme am Festival abgesagt haben. Da wurde nicht direkt mit den Künstlern kommuniziert, sondern über drei Ecken. So etwas passiert häufig: Wenn eine komplexe Promoanfrage für einen Künstler kommt, geht die erst an das international department der Plattenfirma, dieses redet mit dem Management, und der Manager redet mit dem Künstler. Wie bei der stillen Post kommt dort oft nicht das an, was am Anfang gesagt wurde.

Also haben Sie das Gespräch mit den Künstlern gesucht?
Ja. Zuerst hat Richard Dawson abgesagt und wenigstens noch ein Statement veröffentlicht. Es repräsentiert nicht meine Ansichten, aber ich bin auch nicht dafür verantwortlich, was er als politische Meinung äußert. Ich fand zumindest legitim, dass er schrieb: Ich habe etwas dagegen, wie die Palästinenser behandelt werden. Trotzdem habe ich die Absage sehr bedauert. Ich kenne die Macher des Pop-Kultur-Festivals gut, deshalb habe ich mich dort gemeldet und gesagt, wie leid es mir tue, dass ein Künstler, mit dem ich arbeite, dort nicht spielen möchte. Danach war zwei Wochen Ruhe, bis es hieß, dass John Maus auch vom BDS agitiert worden sei. Da dachte ich: Oh nein, nicht der nächste! Ich habe dann den Kontakt zu meinen Ansprechpartnern im internationalen Department gesucht, ihnen meine Sicht der Dinge erklärt und auch alles in einen Zusammenhang gestellt.

Wie schwierig ist es, britischen Künstlern begreiflich zu machen, dass der Nahostkonflikt in Deutschland anders diskutiert wird als bei ihnen?
Sehr schwierig. Weil ich nicht in England lebe, verstehe aber vielleicht auch ich nicht hundertprozentig, wie sie dort ticken. In England geht der BDS ja noch viel offensiver auf Künstler zu, übt Druck aus und hat damit Erfolg, etwa bei Young Fathers und Kate Tempest. Deshalb gilt der Boykott Israels dort vielleicht als „cool“. In meiner Arbeit mit englischen Labels sehe ich es als meine Aufgabe, ihr Ohr und Auge in Deutschland zu sein. Ich muss für sie zusammenfassen, was hier gesellschaftlich passiert und es ins Verhältnis setzen.

Die Kritik an Israel wird immer lauter, aber wenn man sie mal durchdekliniert, ist sie ganz oft antisemitisch.

Eine Aufgabe, die momentan so wichtig erscheint wie schon lange nicht mehr.
Die Absage von Richard Dawson kam zwei Wochen nach dem Echo-Debakel, das ja eine starke antisemitische Note hatte und mich wahnsinnig belastet hat. Am Vorabend der Echoverleihung hatte ich eine Rede des Geschäftsführers des Bundesverbands der Musikindustrie gehört, der sagte, dass der große rosa Elefant im Raum Antisemitismus heiße. Und dann gab es in der gleichen Zeit den Vorfall mit den kippatragenden Männern in Prenzlauer Berg, die am helllichten Tag verprügelt wurden. Dieses Problem der erstarkenden antisemitischen Grundhaltung hier in Deutschland habe ich meinen englischen Kollegen zu erklären versucht. Die Kritik an Israel wird immer lauter, aber wenn man sie mal durchdekliniert, ist sie ganz oft antisemitisch. Meine englischen Kollegen haben darauf zurecht gesagt, dass sie nicht mehr auf die Künstler einwirken können, weil die ihre Absagen bereits öffentlich gemacht hatten. Und daran müssen wir uns halten. Wir sind eine Plattenfirma und nicht das gute oder schlechte Gewissen oder die Psychologen oder Erzieher unserer Künstler. Ich mache den Job seit 24 Jahren und weiß gut, dass man oft trotzdem die Erzieherrolle einnimmt – aber nur bei Leuten, die das wollen oder brauchen. In diesem Fall war es so, dass Richard Dawson eine Entscheidung getroffen hat. Wobei: Ich habe auch den Brief gelesen, den er vom BDS bekommen hat. Der war wirklich unterste Kajüte.

Meinen Sie, er wurde vom BDS so lange belagert, bis er absagte?
Definitiv. Das konnte man schon allein dem Mailverkehr entnehmen, der an mich weitergeleitet wurde. Dann kam ein paar Wochen später John Maus’ Absage, die mich etwas gewundert hat. Er ist ja Amerikaner, aber das zeigt nur, dass der BDS sehr gut darin ist, sich einzelne Events zu suchen und dann die gesamte Teilnehmerliste danach abzugrasen, wem man noch einen bösen Brief schreiben könnte.

Was stand in den Briefen an Dawson und Maus?
Ich kenne nur den Brief an Richard Dawson, und der bestand aus plattester Argumentation, nach dem Motto: Du kannst doch auch nicht wollen, dass Palästinenser von Israel strategisch unterdrückt und ermordet werden. Du kannst doch nicht ernsthaft auf einem Festival auftreten, das von Israel unterstützt wird. Als würde das israelische Kultusministerium das Pop-Kultur-Festival unterstützen. Das war völlig aufgebauscht.

1 KOMMENTAR

  1. Auf Grund einer Häufung von antisemitischen und islamfeindlichen Äußerungen haben wir die Kommentarfunktion für diesen Beitrag deaktiviert.

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