»Durchgerauscht durch die Mediengeschichte«

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   Mit FRIEDRICH A. KITTLER ist gestern in Berlin einer der bekanntesten und prägendsten Medientheoretiker des Landes verstorben. Kittler, ein studierter Germanist, Romanist und Philosoph, der 1943 in Rochlitz geboren wurde, lehrte u.a. in Stanford, Berkeley und in Bochum, ab 1993 dann an der Humboldt-Universität in Berlin, wo er den Lehrstuhl für Ästhetik und Geschichte der Medien am (ehemaligen) Seminar für Ästhetik innehatte.

   Ausgehend von den Schriften Innis', Turings und Focaults lieferten das von ihm verfasste Grammophon Film Typewriter (1986) und andere Werke ab den 1980er Jahren wesentliche Teile des theoretischen Fundaments der Analyse technischer Medien. Kittler wurde auch zum Stichwortgeber zahlreicher Analysten der Popkultur, so zitierte nicht zuletzt Ulf Poschardt 1995 in seinem Buch DJ Culture ausführlich Kittler, der zugleich sein Doktorvater war. Kittler galt auch als Vordenker der digitalen Evolution. Für die gleichnamige Interviewreihe der Spex war er in der 2008 (Ausgabe #314) Gesprächspartner von Max Dax und Martin Hossbach:

[…] Wenn Sie von einer Welt der Möglichkeiten sprechen, sage ich, dass die Elektronik schon immer eine Welt der Möglichkeiten war. Andererseits war letztendlich immer klar, welcher Schritt als Nächstes angegangen werden musste. Linus Torvalds' (Erfinder des Linux-OS) Schritt war folgerichtig und naheliegend. Ich habe den Abschied vom Analogen in jeder Hinsicht erlebt und bewusst wahrgenommen. Ich bin durchgerauscht durch die Mediengeschichte, habe alles mitgenommen. Ich habe auf Super-8 gefilmt, habe mir Radios und Grammophone gekauft, die Schreibmaschine meiner Mutter zweckentfremdet und Bücher gelesen. Heute sind die Softwares so weit entwickelt, dass eine Auseinandersetzung mit der Materie gar nicht mehr naheliegt: Man greift heute auf fertige digitale Bausteine zurück, aber man kommt gar nicht mehr auf Ideen wie Torvalds sie damals gehabt hat. Ich hatte, bevor ich nach Bochum ging, noch das Bedürfnis, mir die ganze Mathematik im Nachhinein, nachdem ich den Harmonizer und einen Monosynthesizer selbst gebaut hatte, draufzuschaffen. Ich wollte mathematisch nachvollziehen können, was ich bis dato eigentlich gelötet hatte.

   Die große, als Vierteiler angelegte Abhandlung Musik und Mathematik, deren ersten Bands beide Teile, Aphrodite und Eros, noch 2005 bzw. 2009 erschienen, wird nun unvollendet bleiben. Ruhe in Frieden, Friedrich A. Kittler.

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FOTO: Tim Adler

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