Friedrich Christian Delius „Die Zukunft der Schönheit“ / Review

Sie werden es mitbekommen haben: 2018 feiert 1968 seinen Fünfzigsten – und das punktgenaue Jubiläum verdeckt mal wieder die Dynamiken hinter solchen Ereignissen: Dass sich spätestens seit John F. Kennedys Tod 1963 etwas erhitzte und es auch in Deutschland  bereits im Februar 1966 schwelte, als vor dem Amerika-Haus am Berliner Zoo 2500 Studenten gewaltsam gegen den von den USA seit einem Jahrzehnt geführten Vietnamkrieg demonstrieren. Mit dabei: Der Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius, der nun mit „Die Zukunft der Schönheit“ eine autobiografische Rückschau vorlegt.

Irgendwie scheint am Ende alles mit dem Jazzmusiker Albert Ayler zusammenzuhängen. Als 23-jähriger besucht Friedrich Christian Delius nämlich kurz nach den Studenten-Unruhen vom Februar 1966 New York City einen Jazz-Club, in dem dessen Band spielt. Die „schräge“ Musik irritiert ihn. Einige Überwindung und zwei Bier später stimuliert ihn dieser Free Jazz jedoch sichtlich, erkennt er in ihm doch dieselbe Empörung, die seine Altersgenossen kurz zuvor gegen das Berliner Amerika-Haus gerichtet hatten: „Langsam, mit einer für Europäer, für einen dummen Deutschen vielleicht verzeihlichen Verspätung, wurde mir klar, dass die Musiker bei ihrem Spiel wohl kaum an die Schlachthöfe von Chicago dachten, sondern eher an die in Vietnam.“

Was Delius in den windschiefen Tönen von Aylers Band und zunehmend in sich selbst zu spüren beginnt, ist der Aufbruch als Angstreaktion. Einer Angst vor dem Krieg, der weit entfernt, vor und hinter einem liegt und einer Angst vor einer Elterngeneration, die diese Kriege zulässt. Der Jazzabend wird zu einer Retrospektive der Künstlerwerdung des einsamen und stotternden Jungen aus der hessischen Provinz, der sich mit dem Schreiben gegen das Schweigen der Väter wehrt – und nun in der entfernten Weltstadt in Ayler einen Verwandten erkennt.

Delius verschreibt sich dieser Verwandtschaft, indem er seine Prosa jazzig assoziativ rhythmisiert. Jede Tradition wird „angerissen, angebellt, weggeblasen, weggeschlagen, weggezupft, weggestrichen und gleichzeitig als Retterin begrüßt, als Gegenpol, als Kontrapunkt.“ Er fordert seine Gedanken heraus wie die Musiker die Töne, wenn ein „lächerlicher“ Kissenwurf des Vaters den Pfarrerssohn, der als 17-Jähriger zu spät nach Hause kommt, in die „Erwachsenheit schiebt“. Die Auseinandersetzung mit den nachkriegsbiederen Eltern wird hier konkret.

Es sind einzelne Momente im Leben einzelner Menschen, in denen plötzlich alles in ein dissonantes Tänzeln gerät.

Doch mancher „Erinnerungsblitz“ während des Jazzkonzerts wirkt unvermittelt. Wie aus dem Nichts zieht Delius einen in die Vergangenheit hinab, sie wird arg plötzlich aufgebrochen oder erschüttert. Die Musik bleibt als Initiation blass, während Delius’ Gedanken an Deutschland und den Vater immer lauter werden. Dass er 2018, mehr als 50 Jahre später, diesen Moment in New York als einen entscheidenden seiner Künstlerwerdung beschreibt – der er vermutlich auch war –, verleiht diesem eine Ordnung, die er eigentlich nicht hatte. In Delius’ Rede anlässlich des Büchner-Preisverleihung hieß hingegen es noch: „[I]n der Spannung zwischen Ja und Nein, in den Nuancen zwischen Gut und Böse liegt der Reichtum des Subjektiven, des Menschlichen, liegen die Chancen der Kunst, der Literatur.“ Es gehe seiner Literatur um das Festhalten von Augenblicken, um die Erweiterung von Zeit und Raum zwischen zwei Punkten.

Der Zwischenraum und die Kraft des Augenblicks ist zu spüren, wenn Delius entlang des Verbs „staunen“ die Abscheu gegenüber den Verbrechen der Väter mit dem Takt des Jazz verbindet und in den Hallraum des Nachkriegsdeutschlands vor 1968 überführt. Den Klängen, die hören lassen, wie die Wirklichkeit das Individuum berührt; ihnen hätte man gern länger zugehört. Delius weiß, dass 1968 nicht ohne 1966 zu verstehen ist. Und auch, dass niemand in einem Jazzclub zum Schriftsteller wird. Doch sind es einzelne Momente im Leben einzelner Menschen, in denen plötzlich alles in ein dissonantes Tänzeln gerät und Aufbruch beginnt. Dieser Gedanke trägt Die Zukunft der Schönheit – und stimmt letztlich versöhnend.

Die Zukunft der Schönheit erschien am 20. Februar bei Rowohlt.

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