Freddy the Dyke Freddy the Dyke

Fresh! Fresher! Freddy The Dyke! Oh mein Gott, tut das gut, diese Musik zu hören. Die späten Achtziger und frühen Neunziger – wer sie wach erlebt hat, dem muss ich nichts erzählen – waren eine bewegte Zeit. Verkürzt gesagt wurde sehr viel bis dato Subkulturelles plötzlich chic, im Prozess der Eingemeindung flirrten die Zeichen und Bezeichnungen in babylonischer Intensität, was in der Rückbetrachtung dazu führte, fast alle vermeintlich revolutionären »Modelle« für sinnlos und gescheitert zu erklären – wie beim vorausgegangen popkulturellen Meta-Sündenfall Punk. Als Zaungast jener Jahre geht es mir nicht anders. Was hat man nicht alles hochgejazzt und für bedeutend erklärt? Und was ist geblieben? Da kom- men diese beiden Typen aus Stavanger, Norwegen – Moment, auf die Karte gucken, wow, ganz schön nördlich, da ist Ölbohrung das Ding, glaube ich –, und ich habe das Gefühl, direkt und ohne Umwege wieder in genau jenem Aufbruchsspirit zu sein. Beziehungsweise direkt in ein vollkörperlich-krachgeiles Konzertgewitter der Klasse No Means No/Unsane/God Bullies/Rasende Leichenbeschauer gebeamt zu werden. (Einen der Namen haben Sie schon mal gehört, oder?)

Da es sich bei Freddy erstaunlicherweise um ein Duo handelt, können wir den Weg auch zeitnäher und massenverständlicher über OM oder die White Stripes nehmen. Die auf diesem unbetitelten Werk dargereichten 30 Minuten verhalten sich zu OM wie Ecstasy zu Marihuana, zu den White Stripes wie Lagos, Nigeria, zu Nashville, Tennessee. Freddy ist ein räudiger kosmopolitischer Hund, der Sound eine bis in alle Ecken mit Energie gefüllte, explodierende Garage, vielleicht sogar ein Lagerhaus oder eine verlassene Industriebaracke, denn es hallt nicht zu knapp, wenn die Perkussion rattert, und getrommelt wird fast die ganze Zeit, ob Drums, Fässer oder Midi. Und diese Gitarre! Oder ist es ein Bass? Ja, wir kennen tiefer gestimmte Klänge und Blitze, aber diese Töne und Riffs kommen wie die ultimative Synthese aus Josh Homme und Jon Spencer, fett und kantig, voll und knackig, umflirrt von elektronischem Mayhem. Null Kuschelfaktor!

»Tribal« und »Industrial« – zwei ebenso staubige wie schwammige Begriffe, um die man trotzdem nicht herumkommt und die noch ein weiteres Duo der Geschichte heraufbeschwören: Zu Ministry verhält sich Freddy wie Metallica zu Motörhead – viel mehr Dreck und Rock als sequenced Metal. Ja, dies ist Super-extra-deluxe-Dreck, kein einziger Sound ist unverzerrt. Trotzdem würde ich sie lieber im Berghain hören als in egal welchem abgefuckten Rockschuppen, denn der Roll ist elektronisch und durchdrungen von Stahlbeton. »Hard core futuristic sound« nennt ihr Label Skussmaal aus Stavanger das, und so wenig das sagt, sagt es ganz eindeutig die Wahrheit und erklärt ein wenig die Faszination, die bei aller Nostalgie weit über eine Ansammlung von guten Bezügen hinausgeht. Denn das Wiederhören aller genannten Bands, ganz zu schweigen von Reunions und anderen Play-It-Again-Sam-Musikantenstadls löst bei mir nichts als gefällige Schläfrigkeit aus. Hier jedoch brennt die Luft! Find out for yourself and hurry – die 250er(!)- LP-Auflage kommt mit einem ebenso retro- futuristisch herrlichen »Drid Machine-silkscreened sleeve with design by Yasutoshi Yoshida«. Yeah!

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