Fred Thomas „Changer“ / Review

Die Songs auf Changer sind verkappte Hits und deren kleinere Anhängsel.

Wenn ein Musiker 40 wird, seinen Job kündigt, von Michigan nach Montreal zieht und heiratet, könnte er darüber bestimmt ein gutes Album aufnehmen. Fred Thomas hat es andersrum gemacht: In Anbetracht seines nahenden 40. Geburtstags nahm er vor zwei Jahren ein Album auf, mit dem er die erwähnten einschneidenden Ereignisse für sein Leben regelrecht herbeizwang. All Are Saved war die neunte Platte des lebenslänglichen Indiepoppers unter eigenem Namen (außerdem ist er bis heute Teil jedes zweiten Local-Hero-Projekts, das jemals eine Kellershow im Mittleren Westen gespielt hat), einen Neustart markierte die Platte trotzdem. Thomas’ Lieder standen plötzlich unter ganz neuem Strom, sie verzichteten auf Twee-Pop- und andere Genre-Manierismen und steigerten sich in eine Reihe spektakulärer rants über Mittelmäßigkeit, mittleres Alter und die großen Versäumnisse im Leben des Songwriters hinein. Alles musste anschließend anders sein.

Sun Kil Moon ohne die Mögbarkeitsproblematik.

Changer ist nun die Platte, mit der Thomas wieder zu seinem eigenen Leben aufschließt. Man könnte auch sagen: Sie verwaltet den Wandel. Noch einmal durchleben der Musiker und seine imaginäre Bedroom-Band eine Sammlung spezifisch geschriebener Reue- und Nichts-bereuen-Trips mit Schrammelgitarre und Sprechgesang. Die scheinbare Wahllosigkeit der Beobachtungen beißt sich dabei mit der Detailfülle und Genauigkeit der Texte. Es geht um überholte New-York-Reiseführer, einsam platt gemachte Sixpacks und die Kunst, einen Nervenzusammenbruch so zu erleiden, dass es die Arbeitskollegen nicht bemerken. Klassische Thomas-Themen. Sun Kil Moon ohne die Mögbarkeitsproblematik.

Die Songs dazu sind verkappte Hits und deren kleinere Anhängsel. Nicht ganz so einleuchtend aneinandergereiht wie auf All Are Saved, aber dafür erweitert um einige Analog-Synthie-Instrumentals, die auch auf den B-Seiten von David Bowies Westberlin-Platten ihren Platz gefunden hätten. Diesmal streckt sich Thomas nur ein bisschen: nicht nach neuen Ausdrucksformen, sondern so, wie man sich morgens nach dem Aufwachen streckt. Er hat sich das verdient.

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