Furry & the kid: Still aus Finsterworld   QUELLE: Alamode Film

Finsterworld, der neue Film von Frauke Finsterwalder und Christian Kracht, startet am Donnerstag. SPEX hat mit Regisseurin Finsterwalder gesprochen. Ein Interview über die Wahrnehmung Deutschlands, Furries und die Möglichkeiten von Annäherung.

Frauke Finsterwalder, als ich vor einiger Zeit die ersten Filmbilder ihres Films gesehen habe – dieses Licht und diese Farben –, da dachte ich sofort daran, dass es sich bei Finsterworld um ein utopisches Deutschland handeln müsste. Nach dem Anschauen bin ich nun aber anderer Meinung. Gab es eine bestimmte Idee davon, wie sie Deutschland abbilden wollten?
Ich wollte Deutschland jedenfalls nicht so abbilden »wie es ist«. Zum Beispiel scheint in Finsterworld ständig die Sonne und auf den Straßen fahren keine Autos – was, nebenbei bemerkt, einen unglaublichen Umstand darstellte, da die Automobilindustrie in Deutschland große Macht besitzt. Außerdem gibt es keine Komparsen, also Menschen, die im Hintergrund herumlaufen. Es sind gewissermaßen immer leere Orte, an denen man sich befindet. Das ist nun an sich noch keine Utopie, aber sicherlich auch nicht die Realität. Ich denke, dass diese menschenleere Atmosphäre einem Unbehagen zuträgt, das der, sagen wir, Schönheit der Bilder entgegensteht. Mir wurde oft gesagt, dass man im Film von vornherein spürt, dass etwas nicht stimmt, und ich glaube, das liegt daran, dass man zwar nicht direkt, aber hintergründig spürt, dass irgendetwas in dieser Welt fehlt.

Sie haben den Film kürzlich auch im Ausland gezeigt, wie waren dort die Reaktionen über die von Ihnen gezeigte Welt?
Erstmal wurde im Ausland weniger gelacht als in Deutschland. Die Deutschen haben sehr viel gelacht, was mich auch ein bisschen gewundert hat.

Am Lautesten wurde es, als eine der Figuren die Theorie äußert, in Deutschland sei alles absichtlich hässlich.
Darüber lachen die Deutschen sehr, ja richtig. Im Ausland wird das aber einfach bloß als interessante Theorie gesehen. Als wir den Film in Argentinien gezeigt haben, kam es übrigens zu folgender Szene. Nach dem Film stand eine Argentinierin auf und rief: »Genau so ist es in Deutschland! Ich war da, und es ist alles genau so wie es in dem Film gezeigt wird.« (lacht) Worauf sich dann ein Deutscher aus dem Publikum erhob und entgegnete: »Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Meine Freunde, Verwandten und Bekannten sind nicht so!« Also es gab da wirklich heiße Diskussionen und man muss auch sagen, dass vor allem die im Ausland lebenden Deutschen sich scheinbar auf den Schlipps getreten fühlen. In Montréal wiederum haben die Zuschauer am Sensibelsten auf die Aussenseiterthemen des Films reagiert, da ihnen Deutschland als Land einfach unbekannt ist.

A propós Aussenseiter: Wie wurden denn die, nun ja, mitunter ungewöhnlichen Vorlieben der Figuren aufgenommen? Es gibt unter anderem Fußfetischisten und Furries, also Menschen, deren Fetisch es ist, sich ein Tierkostüm anzuziehen.
In Argentinien konnten die Leute natürlich nicht verstehen, dass man sich erst ein Tierkostüm überwerfen muss, um eine Umarmung zu erfahren. Dieses Problem haben die Menschen dort eigentlich nicht, dass man sich zu wenig umarmt.

Viele Figuren müssen in Ihrem Film ihre gesellschaftlich verurteilten Vorlieben wie unter einer zweiten Haut verstecken. Wieso tun sich die Figuren so schwer, aus ihren Verstecken herauszukommen?
Eine Idee war es, Menschen zu zeigen, die in ihren eigenen, von ihnen selbst geschaffenen Welten eigentlich  glücklich sind. Der Fusspfleger Claude zum Beispiel ist mit dem, was er ist, ziemlich glücklich. Er hat seinen Fetisch und hat nicht den Plan ihn zu offenbaren, kurz: er hat sich seine Nische geschaffen, in der er sich ganz wohl fühlt, und das gilt mehr oder weniger für alle Figuren. Der Einsiedler im Wald lebt zurückgezogen in der Natur. Das Paar Georg und Inga ist natürlich zum Teil unerträglich und zynisch, aber als Paar befinden sie sich in einer harmonierenden Beziehung.

Viele Menschen sind jedoch auch einsam in Ihrem Film.
Na ja, aber es geht ja auch um Annäherung. Der Einsiedler findet einen Vogel. Claude und Frau Sandberg nähern sich an, zum Beispiel sehr stark in der Szene, die man bereits im Trailer sieht, in der sie sich über ihr Unwohlsein gegenüber deutschen Volksliedern austauschen. Aber einsam, nun ja, natürlich sind das alles Menschen, die nicht wirklich Teil der Gesellschaft sind, oder sich vielleicht am Rande dessen befinden, was von einem erwartet wird, was man zu sein hat. Ich würde sagen, Finsterworld ist ein Film über Einsamkeit, aber auch über die Möglichkeiten von Annäherung.

Uhmhm…
Die Figuren leben eigentlich alle in so einer Art Kokon und wenn etwas Unerwartetes von Außen eintritt, dann beginnt dieser langsam zu zerfallen.

Geht es auch um Erlösung, oder anders gesagt, zumindest um Selbstüberwindung?
Nun, zunächst können die meisten Figuren nicht aus ihrer Haut heraus, aber sie können in andere Häute schlüpfen, wie der Furry Tom, der in ein Bärenkostüm schlüpft. Diese Fetische sind eine Übersprungshandlung, die ja passiert, wenn man in einer Gesellschaft lebt, in der man zu wenig Zuneigung und Nähe erfährt.

Der Furry-Fetisch als Symptom einer Gesellschaft, in der man das Gefühl hat, sich erst in ein Tier verwandeln zu müssen, um sich wieder annähern zu können?
Die Frage ist ja auch – und das ist vielleicht der Grund, weswegen gerade diese Figuren am Ende erlöst werden: Was ist überhaupt normales Verhalten? Es hat mich auch neulich jemand gefragt, ob diese Furrys normal oder anormal sind. Für mich persönlich sind ja zum Beispiel Dinge normal, die wiederum für andere anormal sind, und normale Dinge finde ich vielleicht pervers. Für mich wäre jemand, der Bärenkostüme trägt, um auf Parties mit anderen zu kuscheln, eher normal. Wer bestimmt eigentlich darüber, was normal ist?

Man könnte sich einer Figur im Bärenkostüm natürlich auch anders nähern – sich über diese Figur zu amüsieren, fiele leicht.
Genau das war eben auch ein großes Thema, weil wir uns diese Sache mit den Furries ja nicht ausgedacht haben, sondern es gibt das wirklich. Auch die Furries, die im Film mitspielen, sind echte Furries. Es hat lange gedauert, sich ihnen zu nähern und ihr Vertrauen zu gewinnen, auch da sich in der Presse in jüngster Zeit oft darüber lustig gemacht wurde. Oder es wurde als eklig dargestellt. Weil es angeblich auf den Parties auch zum Sex kommt. Ich meine, das ist doch irre, sich darüber zu mokieren!

Im Internet kursieren Theorien, dass Furrytum auch das Symptom einer immer komplizierter werdenden Gesellschaft ist. Also man reduziert den komplizierten Apparat Mensch auf die naiv runtergebrochene Eigenschaft eines Tieres, in dessen Fell man sich dann steckt.
Es ist ja bei diesem Fetisch wie bei einem Rollenspiel. Man nimmt bestimmte Kräfte an und kann dadurch vielleicht toller sein, als man im wahren Leben ist. Oder hemmungslos jeden umarmen, den man sieht (lacht). An diesem Drehtag wurden wir sehr oft gedrückt. Es gibt auch sogenannte Suitwalks, also die Furries gehen dann als Gruppe in einen Park, zum Beispiel in den englischen Garten in München, und lassen sich von Kindern umarmen oder von Tieren beschnüffeln.

Ihr Film hat mich übrigens auch in vielen Punkten an Wes Anderson erinnert. Eingangs hört man Cat Stevens, dann aber auch diese bestimmten Perspektiven oder die Farben. Waren diese Filme für Sie Vorbild?
Ich bin großer Freund von dieser Wes-Anderson-Ästhetik, wobei ich sagen würde, dass die Thematiken sich schon ein wenig unterscheiden. Die Themen in Finsterworld sind vielleicht etwas schwerer als die in den Filmen von Anderson. Obwohl die Familienkonstellationen dort natürlich auch nicht gerade leicht sind.

Und Comics?
Ich bin großer Comic-Fan. Das haben Menschen auch schon kritisiert, Finsterworld sei zu Comic-mäßig, dabei ist das für mich das größte Lob überhaupt, denn ich liebe ja Comics. Die Figuren sind natürlich absichtlich überzeichnet. Auch vom Look war es eigentlich immer klar, sich am Comic zu orientieren, da es eben kein Realismus sein sollte. Der Film ist für deutsche Verhältnisse ziemlich bunt. Wir wollten eine märchenhafte Welt kreieren, in der aber auch ganz realistische Dinge passieren. Und natürlich sieht man im Film viele Stereotypen, die man vor allem auch aus amerikanischen Filmen kennt. Ich bin zum Beispiel großer Fan des Highschool-Films. Ich habe eine zeitlang alle Filme dieser Art, die es überhaupt nur gibt angeschaut, und daraus hat sich dann auch ein Strang des Films entwickelt, also die klassische Situation des guten Nerds vs. böse Jocks. Revenge of the nerds.

Das Comic Ghost World wird im Film von einer Schülerin gelesen.
Oh ja, das ist mein Lieblingscomic. Haben Sie denn auch das andere erkannt?

Ähm…
Das wird dann die Preisfrage.

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