Frauentag am Sonntag – und was nun? Etwa die Freizeit bestreiken? Selbst das ist ein Luxus, den sich viele Freelancerinnen nicht leisten können.

Schöner Mist: Da hat der Berliner Senat im vergangenen Jahr den Internationalen Frauentag zum Feiertag für alle erklärt, schon fällt der 8. März auf einen Sonntag. Wie so oft geht nun die Freizeit für politische Arbeit drauf. Das ist schade für viele – für manche Frauen, mit denen ich gern auf die Straße gehen würde, aber auch komplett egal.

Wie jedes Jahr sind es vor allem die Freiberuflerinnen in meinem Umfeld, ausgerechnet meist Frauen mit feministischem Arbeitsschwerpunkt, die am Frauenkampftag keine Zeit zum Demonstrieren finden werden. Auch, wenn er an einem Sonn- oder Feiertag stattfindet. Und das ist mindestens bitter. Denn neben dem Protest gegen rape culture und die gesetzliche Benachteiligung von trans Frauen und Sexarbeiterinnen, Geflüchteten und Frauen of Color bietet der 8. März schließlich auch Raum für einen frauengeführten Arbeitskampf. Den zu schwänzen, weil die nächste Deadline wartet, entbehrt nicht einer fiesen Ironie – weil es ein Phänomen offenbart, das über den Frauentag hinausweist: In der vermeintlich zwanglosen Welt der Freelancer_innen wird Protest, werden erst recht Arbeitsstreiks zum Luxus. Und das Problem wird sich verschärfen, denn die Anzahl der selbstständigen Freiberufler_innen in Deutschland steigt konstant. 1,43 Millionen waren es 2019.

Auch unter Freien existieren Machtgefälle (Illustration: SPEX).

Freelancer_innen sind eine tragende Säule der modernen Arbeitswelt. Zugleich aber furchtbar austauschbar – und dadurch oft von Prekarisierung bedroht. Es ist keine neue Erkenntnis, dass sich Freie auf der Jagd nach Aufträgen und einem gesicherten standing selbst gnadenloser ausbeuten, als es viele Festangestellte tun. Der Traum von der schönen, freien, von Hierarchien bereinigten Freelance-Welt endet für viele im Burnout.

Wer nicht, wie etwa Ärzt_innen, in einer berufsständischen Kammer organisiert ist, lebt dauernd in Sorge, von anderen Freelancer_innen beim Lohndumping ausgestochen zu werden. Schließlich findet sich immer jemand, der es sich leisten kann (oder muss?), für ein niedrigeres Honorar zu arbeiten. Zum anderen werden Freiberufler_innen bei Gehaltsverhandlungen mit Festangestellten gern als Druckmittel genutzt: Wer beim Verhandeln von Konditionen zu hoch hinaus will, kann jederzeit zu hören bekommen, dass ein_e Freelancer_in den Job für weniger Geld erledigen würde. Egal, ob freie_r Journalist_in, Gebärdendolmetscher_in oder Hebamme. Kaum ein_e Freiberufler_in, der oder die nicht mal zähneknirschend Aufträge zu schlechten Konditionen annimmt – aus Angst vor einer Absage in letzter Sekunde, die tagelange Vorarbeit zunichte machen kann.

Dabei lässt uns die Sichtbarkeit und der „Digitale Nomaden”-Nimbus von Freien in der Kreativ- und Medienbranche gern vergessen, wer im Freelancer_innen-Game noch miesere Karten hat – nämlich die Freien der gig economy, denen der britische Regisseur Ken Loach seinen jüngsten Spielfilm Sorry We Missed You widmete: Uber-Fahrer_innen oder Lieferando-Bot_innen, die ohne feste Verträge, dafür unter strenger Kontrolle ihrer Unternehmen Dienstleistungen on demand erbringen, während ihnen perfiderweise nahegelegt wird, sie seien selbstständige Unternehmer_innen. Die bequeme Pizzalieferung am Sonntagabend bedeutet für die Menschen hinter der sharing economy das schlechteste aus allen Welten: Dreiste Honorare und Daumenschrauben-Mentalität treffen im Entreprecariat, wie der italienische Künstler und Theoretiker Silvio Lorusso die Pseudo-Freien in seinem gleichnamigen Buch bezeichnet, auf die Unsicherheit des Freiberufler_innenlebens.

Am ärmsten dran sind in diesem Kontext, wie so oft, Frauen. Ganz abgesehen davon, dass Frauen in Deutschland laut einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung allgemein noch immer 20,9 Prozent weniger verdienen als Männer und außerdem häufiger im Niedriglohnsektor arbeiten, geht man bei Selbstständigen laut OECD-Angaben von einem Gender Pay Gap von ganzen 44 Prozent aus. Eine Mutterschutz-Regelung gibt es für Freie nicht. Außerdem trägt an den Unsicherheiten einer Freelancerinnen-Existenz besonders schwer, wer das Gros der Haus- und Care-Arbeit in einer Familie oder Partnerschaft übernimmt, wie Frauen das noch immer oft tun.

Solidarität muss man sich leisten können

Gründe genug, auf die Straße zu gehen, am 8. März und überhaupt – würden klassische Arbeitskämpfe Freiberufler_innen nur nicht so besonders schmerzhaft mit der eigenen Selbstausbeutungspraxis konfrontieren. Denn Freelancer_innen streiken zunächst mal auf eigene Kosten. Schalten sie in den Verweigerungsmodus, ist das kein breitenwirksames „Fuck you” an einen Betrieb oder Arbeitgeber, sondern zunächst einmal: ein Tritt vors eigene Schienbein. Obwohl auch Freie theoretisch ein Recht auf Streik haben, kommt ohne Arbeit kein Geld aufs Konto. Die Arbeit sausen zu lassen, bedeutet Verzicht und muss finanziell drin sein – was zur paradoxen Situation führt, dass den Freiberuflerinnen, die am meisten Grund zur Klage hätten, oft die Kapazitäten für lautstarken Protest fehlen.

Überhaupt fehlt Freien (noch) die Übung und mächtige Lobby im Kampf um gerechte Bezahlung. Während es in den USA schon seit den Neunzigerjahren die Freelancers Union gibt, haben die klassischen Gewerkschaften, etwa der DGB, noch immer ihre Probleme mit Freelancer_innen. Klar, schließlich sieht der Trend zum Freelancertum aus Gewerkschaftsperspektive aus wie ein modernes reenactment des Manchester-Kapitalismus, einer von Skrupellosigkeit geprägten Phase während der Industriellen Revolution, in der rechtlose Tagelöhner_innen der Willkür von Unternehmer_innen ausgesetzt waren.

Hinzu kommt, dass ein berufsübergreifender Streik der Freischaffenden, erst recht der freischaffenden Frauen, der traditionellen Gewerkschaftslogik entgegenläuft. Nach der legt etwa die Gemeinschaft der Metallarbeiter_innen gemeinschaftlich ein bestimmtes Werk lahm, um der Welt im wahrsten Wortsinn zu zeigen, wer an den Schalthebeln sitzt. Ein Protest der Freelancer_innen kennt nicht den einen, namentlichen Adressaten, sondern viele. Er meint also, wie man so herrlich dramatisch und unkonkret sagen kann: „die Verhältnisse”.

Um die ernsthaft zu ändern, bräuchte es Solidarität unter Freiberufler_innen. Und zwar eine radikale, umfassende Solidarität. Denn selbst, wenn etwa ein Großteil der freiberuflichen Journalistinnen auf die Straße ginge, stünden die Konkurrent_innen schon in den Startlöchern, damit eben keine weißen Zeitungsseiten erscheinen. Manche aus Not, andere aus Überzeugung. Um Schlagkraft zu entwickeln, dürfte sich niemand unter Wert verkaufen. Aber sollte ich mir ernsthaft anmaßen, einer Mutter von drei Kindern beispielsweise, die selbstständig für einen Zustelldienst arbeitet, zur Arbeitsniederlegung zu raten? Und damit zum Verdienstausfall? Ist von einer prekär lebenden Berufsteinsteigerin im Journalismus zu erwarten, dass sie keinen Auftrag annimmt, solange das Honorar unter den Sätzen liegt, die etwa der Berufsverband Freischreiber empfiehlt – und die so gut wie kein Medium an Anfänger_innen (oder überhaupt) zahlt?

Auch unter Freien aus verschiedenen Bereichen, etwa zwischen dem Uber-Prekariat und den zur „digitalen Bohème” verklärten Macbook-Freelancer_innen, existieren Machtgefälle. Die Forderung nach unbedingter Solidarität ist theoretisch der richtige Weg – am Ende aber auch nur eine Neuauflage der ewigen Anmaßung, von den verletzlichsten Mitgliedern im sozialen Gefüge die größte Radikalität zu erwarten. Auch und gerade alle, deren Existenz sicherer ist – Angestellte mit Tarifverträgen, aber auch alle Menschen in Entscheidungspositionen – sind in der Pflicht, gegen die Prekarisierung der Freien vorzugehen. Ob mit fairen Konditionen oder Streikunterstützung. Das mag eine banale Erkenntnis sein, ist aber auch und gerade in Zeiten von gig economy und entreprecariat nicht weniger wahr.