Frankie Cosmos „Vessel“ / Review

Vessel ist kein schlechtes Album. Es ist nur kein Frankie-Cosmos-Album, und das ist nicht die beste Idee, wenn man Frankie Cosmos drauf schreibt.

Das größte Missverständnis am Erwachsenwerden sind die Schleifen. Man lernt, sich die Schuhe zuzubinden und meint, nun gäbe es nichts mehr zu stolpern. Dabei weiß jeder: Die Welt ist in Ordnung, solange man drinnen bleibt. Die New Yorkerin Greta Kline wusste das immer noch ein bisschen besser als alle anderen und hat darüber 40 kluge Minialben gemacht, nicht etwa, um sie rauszubringen, sondern um sie reinzustellen – ins Internet, vom Bett aus. Die Lieder darauf sind großartig, weil sie lyrisch und musikalisch pointiert sind, vor allem aber, weil sie klingen, als ob sie mit offenen Schnürsenkeln geschrieben wurden. Jetzt ist Kline 22. Für sie kein Grund, Bier zu trinken, aber vielleicht wäre das die bessere Entscheidung gewesen. „I go to the cafeteria“, singt sie stattdessen, und in ihrem Fall ist das als Drohung zu verstehen. Man ruft noch: „Tu’s nicht!“, aber da ist die Tür schon zu und das Album da. Es heißt Vessel, und es ist ein Fehler. Das hat folgende Gründe.

Erstens: Kline nennt sich Frankie Cosmos, weil sie Frank O’Hara liebt, einen toten Mann, der lebendige Gedichte schrieb, und das hier: „When I think of all the things I’ve been thinking of / I feel insane.“ Das würde jedem so gehen, deswegen lässt man es bleiben und macht erst recht keine Platte daraus – Kline aber schon. Bereits der Opener „Caramelize“, mit 3:29 Minuten das erste Post-Rock-Stück ihrer Karriere, klingt, als hätte sie alle Gedanken der letzten 22 Jahre plus alle Akkordwechsel der letzten 40 Alben in einen Song gepfropft.

Wohin schießt du nur, Frankie?

Zweitens: Mit dem Draußen kommen die Anderen, und mit den Anderen verlernt man, bei sich zu bleiben. „I’m kind of pretty / That’s what you wanted so bad“, geht es weiter im Text und fortan nicht mehr nur um das, was Kline denkt, sondern um das, was ein Typ denkt, nennen wir ihn Aaron Maine. „You could take me and my apathy / Turn us / Into clarity“, „I know I like you / But I don’t know what for“, „Oh / You know I’m fried“. Das ganze Potpourri an Fremdbestimmungsoden, gipfelnd in einem Quällied über die Selbstaufgabe, das nur aus diesen Zeilen besteht: „I love you so / I let you know / As often as I can / Uuh“. Falsche Schleife, ganz falsche Schleife, wohin schießt du nur, Frankie?

Drittens: übers Ziel hinaus. „I will love you ’til I die“, singt Kline tatsächlich, als wäre für’s erste Mal an der frischen Luft das Leben nicht schon genug. Das passiert in Song sechs von 18, und der einzige Grund, nicht jetzt schon eine Bikini-Kill-Platte aufzulegen, ist die Frage: Was kann denn da noch kommen?

Viertens: Lied Nummer 18 eben, wieder zu Hause vom Spaziergang um den Block, Erkenntnis: „I gave you meaning / But I don’t know why“. Aber da war er schon unterschrieben, der Sub-Pop-Deal für die erste große Beziehungsplatte.

Um das abzukürzen: Vessel ist kein schlechtes Album. Es ist nur kein Frankie-Cosmos-Album, und das ist nicht die beste Idee, wenn man Frankie Cosmos drauf schreibt. Außerdem ist es doch so: Greta Kline müsste es besser wissen. Was Frank O’Hara passierte, als er beschloss, rauszugehen? Er wurde von einem Strandbuggy überfahren.

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