Frank Ocean »Channel Orange« / Review

Von Leerstellenmusik zum instant classic: Frank Ocean veröffentlicht mit Channel Orange nichts weniger als das neue Referenzwerk des R’n’B.

Dem Internet sei Dank ist die Geniewerdung von Christopher Breaux, der sich als Musiker Frank Ocean nennt und mit Channel Orange eine der wichtigsten Platten des Jahres vorlegt, auf das Genaueste nachvollziehbar. Da wäre zunächst The Lonnie Breaux Collection, eine 63 Songs starke Werkschau mit den ersten musikalischen Gehversuchen von Frank Ocean, auf der sich wunderbar ein konsequente Weiterentwicklung erkennen lässt: von plastisch-elastischer und verwässerter Leerstellenmusik, die Ocean kaum bis gar nicht von den Trey Songz, Jason Derulos und Chris Browns dieser Welt unterschied, hin zum Posterboy des Post-Contemporary-R’n’B.

Es war beeindruckend, wie der heute 24-Jährige den vorangegangenen Beliebigkeits-Blues auf Nostalgia, Ultra hinter sich ließ, und zwar mit einem Konzept, das MGMT, Coldplay, die Eagles sowie Videospielklassiker und andere Retroismen eines Anfangzwanzigers zusammenmischte. Auf diesem collagenhaften Minialbum offenbarte sich ein Sprachgefühl, eine Sensibilität für Bilder, auch ein Gespür für Sinnlichkeit, wie es nur wenige haben.

Channel Orange ist die konsequente Weiterentwicklung dieses Konzepts – abzüglich Blog-bedingter Hipness und all des Troubles, mit dem man ihn im letzten Jahr durch die Verortung im Odd-Future-Kollektiv verband. Channel Orange ist ein Album, das Adoleszenz in Reinform zelebriert und doch erhaben und reif über dem Konsens-Sound eines jeden Usher-Albums der letzten fünf Jahre thront. Ein Album, das gefährlich nah an Voodoo von D’Angelo heranreicht, vor popkulturellen Querverweisen auf Elton John, Jimi Hendrix, Fear And Loathing In Las Vegas und die Playstation strotzt und in puncto Songwriting absolut auf Höhe der Zeit spielt (siehe etwa »Bad Religion«). Flankiert von zwei großartigen Gastbeiträgen von André 3000 (»Pink«) und Earl Sweatshirt (»Super Rich Kids«), der einmal mehr unter Beweis stellt, was für ein begnadeter MC er ist, definiert Frank Ocean hiermit den R’n’B der nächsten Jahre neu.

Wenn dieser Text erscheint, ist das große Raunen vermutlich schon wieder verstummt. Über Christopher Breaux’ offenen Brief, in dem er mit behutsamen und ergreifenden Worten von seiner ersten großen Liebe zu einem Mann sprach. Eigentlich, würde man denken, hätte daraus keine derart große Sache gemacht werden müssen. Aber mit diesem Statement ist eine neue Zeitrechnung im HipHop und Soul angebrochen. Frank Ocean hat einer von Machismo und Hypermaskulinität durchzogenen Musikszene die Augen geöffnet. Dafür, und für dieses großartige Album, ist ihm zu danken.

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