Frank – kopflos brotlos / Feature & Verlosung zum Heimkinostart

Frank nimmt die Gegenposition zur affirmativen Mythen- und Legendenbildung von Cameron Crowe und anderen Rock-Regisseuren ein. Rockmusik? Kein Traum, der sich auszuleben lohnt. Ab heute läuft der Film in den deutschen Kinos – dazu das komplette Feature aus SPEX N° 363.

Der Dokumentarfilm Dig! von Ondi Timoner zeigt ein Panorama des Verkackens. Die kalifornische Retro-Psychrock-Gruppe The Brian Jonestown Massacre lässt darin Plattenverträge und Konzerte platzen, sie vermasselt ihre Studioaufenthalte, verprasst ihre Vorschüsse und prügelt sich auf offener Bühne. Meistens wegen Drogen und Egos, manchmal auch aus weniger einleuchtenden Gründen. Auf dem Höhepunkt des Films sitzt Songwriter Anton Newcombe am Straßenrand und sagt, was wahrscheinlich jeder Bandleader schon mal zu seinem Tamburinspieler gesagt hat: »You broke my fucking sitar, motherfucker.«

Der Spielfilm Frank von Lenny Abrahamson gibt The Brian Jonestown Massacre eine symbolische zweite Chance, und natürlich verkacken sie es wieder. Zusammensetzung, Auftreten, Haarschnitte und Psychrock-Philosophie: Alles an der Frank-Band Soronprfbs, ihr ganzes Hippie-mäßiges, seltsam freudloses Freiheitsgehabe, scheint eins zu eins aus Dig! übernommen. Newcombe allerdings wird ersetzt durch den Titelhelden Frank (Michael Fassbender), der wiederum angelehnt ist an den Musiker und Comedian Frank Sidebottom, eine lokale Achtzigerjahreberühmtheit aus dem englischen Nordwesten. Im Film ist er ein ebenso enigmatischer wie inspirierender Bandantreiber, der über seinem richtigen Kopf einen Kopf aus Pappmaché trägt, den er nie ablegt. »You’re just gonna have to go with this«, sagt ein Mitglied der Gruppe zum neu rekrutierten Keyboarder.

Der Keyboarder, Jon (Domhnall Gleeson), ist der Stock im Arsch von Band und Film. Durch einen blöden Zufall gerät er an seinen neuen Job, er begleitet Soronprfbs in ein Landhaus, wo ihr neues Album entstehen soll. Ständig stellt er dort die falschen Fragen, komponiert furchtbare Jammer-Popsongs, filmt die anderen heimlich bei der Arbeit, führt ein Onlinetagebuch, das niemand liest, und besorgt der Band einen Gig, den niemand spielen will. Jon ist ein Rock’n’Roll-Romantiker, sein Lieblingssong könnte »The Cover Of Rolling Stone« sein. Mit seinem auf Traditionsbewusstsein und Erfolgsaussichten gepolten Popverständnis befindet er sich jedoch im falschen Film. Es hilft auch nicht, dass er aussieht wie Ed Sheeran.

Frank ist kein Film für Rock’n’Roll-Romantiker, nicht mal, wenn sich Soronprfbs doch auf die Reise machen, um das Konzert zu spielen, das Jon ihnen eingebrockt hat. Abrahamson zeigt sein Ensemble aus angeknacksten Exzentrikern nicht in magischen Momenten des gemeinsamen Musizierens, sondern eben beim Verkacken. Sein zweiköpfiger Protagonist ist ein Vollblutkünstler mit ehrenwerten Ambitionen, aber weder Frank noch Frank bildet sich darauf allzu viel ein. Niemand wird hier geheilt durch Gitarre, Bass, Schlagzeug (und Theremin), keiner glaubt an einen höheren Sinn hinter dem ganzen Quatsch. Selbst mit dem Zusammenhalt der Band ist es nicht weit her. Sie sabotiert sich, zerfällt in Fraktionen, arbeitet mehr gegen- als miteinander.

So nimmt Frank eine Gegenposition zur affirmativen Mythen- und Legendenbildung von Cameron Crowe und anderen Rock-Regisseuren ein. Es geht um die Brotlosigkeit einer beispielhaften Künstlerkarriere, die Gefahren kreativer Alchemie, um Mittelmaß und die Vermutung, dass Rockmusik kein Traum ist, der sich auszuleben lohnt. Erst am Ende des Films dürfen die Zuschauer kurz unter Franks Ersatzkopf blicken. Seine Augen sind müde, sie funkeln nicht.

Dieser Text ist wie viele weitere Features in der Printausgabe SPEX N° 363 erschienen, die versandkostenfrei online geordert werden kann.

Zum Heimkinostart von Frank verlosen wir drei DVDs. Wer gewinnen möchte, schickt einfach bis zum 11. November eine Mail inklusive vollständigem Namen und Adresse unter dem Betreff »Frank« an gewinnen@spex.de.

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