Frank Bretschneider „Lunik“ / Review

Bretschneider wirkt für seine Verhältnisse fast frivol. Besonders gegen Ende von Lunik, wenn der Funk in den Vordergrund drängt und die Fühler nach Detroit hörbarer werden.

Wie Die Unendlichkeit von Tocotronic ist auch das neue Album von Frank Bretschneider ein biografisches. Im Gegensatz zur westdeutschen, mit allen Wassern der Therapie und Theorie gewaschenen Rockband entspricht Bretschneider, 1956 in Karl-Marx-Stadt geboren, jedoch insofern einem Ost-Klischee, als auf Lunik nicht gelabert wird. Hier spricht Techno, durch einen alternden, aber wie es scheint alerten Körper. In stets minimalen, aber diversen Stücken erinnert sich Bretschneider an verschiedene Zustände und Epochen. Jeder Track endet mit einem scharfen deutschen k: so wie Kraftwerk im Namen anfangen und aufhören und als gesamtdeutsches Klischee von Technik auf der anderen Seite des Atlantiks gefeiert werden. Elektrik, Numerik, Logik, Kinetik. Was fängt noch mit einem K an? Krautrock! Bretschneider hat in der DDR mit A.G. Geige und nach der Wende mit dem Label Raster-Noton viel zu viel vorzuweisen, als dass er auf Lunik irgendwas wieder aufführen müsste. Das Album enthält beherzte Aneignungen aus dem Fundus analoger Elektronik, synthetischer Frühzeit und kühlem digitalem Fehlerfrickeltum, die für das Label Shitkatapult die Hüfte nicht aus dem Blick lassen, selbst wenn die in der ersten Hälfte langsam kreist.

hier spricht techno.

Bretschneider wirkt für seine Verhältnisse fast frivol. Besonders gegen Ende von Lunik, wenn der Funk in den Vordergrund drängt und die Fühler nach Detroit hörbarer werden. „Plastik“ ist eine Erinnerung an Dancefloors, die noch nicht so unerbittlich nach der Vier gierten. „Mechanik“ dreht das übliche Verhältnis um, lässt ein bouncy Riff in den Mitten durchlaufen, während die Variationen im Bass und in den Höhen Druck machen und die Snare auf der Zwei und der Vier erst im letzten Drittel kurz losgelassen wird. Sehr sexy. Noch klarer Richtung Elektro-Soul nordamerikanischer Prägung geht „Sputnik“: ein elektrisches House-Piano wird da präzise angestottert, um noch besser zu swingen. Das Kernprogramm ist bekannt: die Maschine geschmeidig machen, indem man die Maschine gerade nicht verleugnet. Auch immer schön: Wie die Räume sich reiben in jedem Track – trockene Percussion, feuchte Weiten, staubige Hallen. Man kann darin zahlreiche Stile aus den letzten 50 Jahren elektronischer Musik suchen und finden. Oder man kann sich Orte, Erinnerungen und Räume der Überschreitung vorstellen. Nostalgisch klingt Lunik nie. Etwas mondsüchtig schon.

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