Foxygen „Hang“ / Review

Nach rund 36 Minuten Hang ist man erschöpft und euphorisiert.

Mangelnden Sinn für Dramatik kann man Sam France und Jonathan Rado alias Foxygen wahrhaftig nicht vorwerfen: Als die beiden im vergangenen Jahr mit der vielsagend benannten „Star Power Farewell Tour“ unterwegs waren, haben sich diejenigen, die Foxygen für durchgeknallte Barockpop-Poseure mit Nostalgie-Spleen hielten und auf das Ende der Band hofften, definitiv zu früh gefreut. Fans können sich hingegen jetzt freuen, denn Foxygens „Comebackalbum“ klingt, als hätten France und Rado endgültig beschlossen, mit sämtlichen Ebenen der Bescheidenheit zu brechen. Mit Fortsetzungscharakter übrigens: Hang heißt wie das letzte Stück des letzten Albums – aber mit welcher Opulenz es an … And Star Power anknüpft, mit welcher Drastik!

diejenigen, die Foxygen für durchgeknallte Barockpop-Poseure mit Nostalgie-Spleen hielten und auf das Ende der Band hofften, haben sich definitiv zu früh gefreut.

Bei Foxygen gab es ohnehin schon alles: die Tänzerinnen, Streicher, Showtreppen, den jagger’esken Größenwahn und das Herumtrampeln auf dem schmalen Grat zur Lächerlichkeit. Wie kürzlich in einem amerikanischen Artikel über Foxygen zu lesen stand, ist es kein großes Ding, sich einen bescheuerten Bandnamen zu geben und im rockmusikalischen Fundus der Siebzigerjahre samt kokaininduziertem Größenwahn zu wühlen – wohl aber, diesen Spaß auch noch todernst zu meinen. Die acht Stücke auf Hang als schnöde Songs zu bezeichnen, führt demnach auch geradewegs ins Leere: Jeder Track ist ein eigenständiges Mini-Epos mit kühnen Tempo- und Stimmungswechseln, eingespielt mithilfe eines 40-köpfigen Symphonieorchesters. Hang ist theatralischer als Queens A Night At The Opera und lustiger als die HBO-Bandcomedy Flight Of The Conchords, vor allem „Follow The Leader“ oder „Avalon“, eine stramm durchchoreografierte Broadway-Aufführung in fünf Minuten: Vor dem inneren Auge drehen sich Spazierstöcke in weißen Glacé-Handschuhen.

Das zentrale Opus „America“ wirkt angesichts aktueller Entwicklungen wie ein Fanal: „If you’re already there / Then you’re already dead / If you’re living in America, whoa / Our heroes are bred / They just got nothing to lose“ – France selbst wirkt in diesem gewaltigen Stück mit seiner kehligen Stimme bitter und irgendwie hilflos. Selbstverständlich verlangt die Dramaturgie des Albums danach nach leichterer Kost: Voilá, hier kommt „On Lankershim“ mit sonnigem Westcoast-Flair und Smokie-mäßigen Vocals. Das alles muss man mögen, keine Frage. Eines allerdings ist sicher: Nach rund 36 Minuten Hang ist man erschöpft und euphorisiert wie Sänger Sam France nach einem Auftritt – das letzte Stück heißt übrigens „Rise Up“.

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