Fox Millions Duo Lost Time

Brandaktueller Avantgardeschamanismus from planet Hipster. Und trotzdem Musik.

Gestern hörte ich zum ersten Mal »Hurra die Welt geht unter«, den Titelsong des neuen K.I.Z-Albums. Korrekter Inhalt! Nix für meine Playlist, aber definitiv ein Bindeglied zu meinem früh pubertierenden Besserwissernachwuchs. Heute informiere ich mich über die Bands Liturgy und Oneida. Die sind zwar auf meiner Festplatte gelagert, aber ohne Alltagsbezug. Hunter Hunt-Hendrix, Kopf des Brooklyner Quartetts Liturgy, versteht seine Kunst als Transcendental Black Metal – A Vision Of Apocalyptic Humanism (so der Titel eines Manifests aus dem Jahr 2010) – deswegen erwähne ich K.I.Z beziehungsweise die um sich greifende Überzeugung, dass das richtige Leben mittlerweile nur auf der Asche dieser Gesellschaft denkbar ist.

Hoffnungsvolle Apokalyptik regiert, vor allem in den urbanen Thinktanks a.k.a. Hipsterzentren dieser Welt. Also in Brooklyn. Woher auch Oneida, ein vergleichsweise unstrukturiertes, auf Mehrfachalben spezialisiertes Kraut-Psych-Noise-Kollektiv stammt. Dessen schlagwerkender Mastermind Kid Millions hat nun mit Liturgy-Drummer Greg Fox zwei Sechsstundensessions aufgenommen und daraus einen Tonträger gezimmert. Beide, so heißt es, sind seit Jahren eng befreundet und voller gegenseitigem Respekt, ihr gemeinsames Werk ist formal ein klassisches Kraut- oder Fela-Kuti-Album mit zwei 20-Minuten-Stücken, welches genau so klingt, wie man es sich, wenn man alle Bezüge kennt, vorstellt. Oder man nimmt sich Liturgys diesjährige Post-Black-Oper The Ark Work noch mal vor, eine sozial ausgrenzende Übung meditativer Hysterie.

Lost Time bespielt ein ähnlich spezielles Feld, kaum weniger fordernd, aber der Besetzung entsprechend reduzierter, fokussierter und differenzierter. Zwei Stücke, »one blasting and one meditative« oder: Apokalypse und der Moment danach. »Telegy / Time Lapse« geht als Zeitraffer-Soundtrack zu Fukushima durch, mit Erdbeben, Sturm und Tsunami. Ein sich mehrfach wandelndes, nach jeder Pause noch intensiver zurückkehrendes Monstrum aus Rhythmus und Noise, aufgebaut auf doppeltem, verstärktem Herzschlag, überlagert und durchdrungen von manischem Schlagzeug, verdichtet durch Synth-Loops und sequenzierten Noise, inspiriert laut Beiblatt von Fox’ Mentor und Freejazz-Ikone Milford Graves. Graves, Jahrgang 1941, spielte mit Sonny Sharrock, Albert Ayler und David Murray, lebt aber im Wesentlichen als Lehrer. Seine wenigen Veröffentlichungen bestreitet er meist solo, da sein Innovationsdrang das Zusammenspiel mit anderen erschwert. Mit der Hommage seines Schülers müsste er zufrieden sein. So freies und intensives Trommeln wie ab Mitte dieses Höllenritts habe ich noch nie gehört.

»Post Encounter Effect«, die Ruhe nach dem Sturm, ist ein ganz anderer Film: Zu durchgehenden Frequenzen zwischen Klangschale und Mönchsbrummen (Grundton Om) spielen die zwei Schlagzeuger ein unaufgelöst-schwebendes Marsch-Pattern, irgendwo zwischen Steve Reich und Can, dessen Reiz in der immer wieder leicht verschobenen Synchronizität einer Live-Session besteht. Brandaktueller Avantgardeschamanismus from planet Hipster. Und trotzdem Musik.

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