Foreign Affairs

Foto — Sebastián Arpesella La Multitudes

Gestern wurde die erste, bis zum 26. Oktober laufende Ausgabe des internationalen Festivals für Theater und performative Künste, Foreign Affairs, in Berlin eröffnet. Auffällig vorab: der persönliche Einsatz der belgischen Kuratorin Frie Lysen. Die konnte mensch etwa zum klärenden bzw. informativen Gespräch über das Programm nach Hause einladen und unter der Überschrift »Fremdgehen« arrangierte sie Blind Dates unter möglichst unterschiedlichen Theaterbesuchern für die kommenden Tage. Das Begriffstrio, welches die große »Affäre« wohl am besten beschreibt, klingt dagegen weniger erfreulich: Kontakt, Kampf, Kollektiv – ersterer mitunter auch im elektrotechnischen Verständnis wie bei Boris Charmatz‘ Selbstermächtigungsparabel enfant (5. und 6. Okt.); oder eben erotisch wie im anonymen Datingabend Love’s Whirlpool der Japanerin Daisuke Miura (29. und 30. September sowie 1. Okt.). Und wie dort der Sex als letzter Halt dieser Gesellschaft zu versagen scheint, so tut es ihm die Familie im psychologischen Spiel von We Love Africa And Africa Loves Us gleich (5. bis 7. sowie 10. bis 13. Okt.) gleich.

Überhaupt, »Afrika«, der eingangs erwähnte Kampf ist bei Foreign Affairs zumeist ein kolonialer. So ruft der Kapstädter Brett Bailey die westlichen Völkerschauen des 19. Jahrhundert in das Jetztzeitsgedächtnis und »stellt« afrikanische Migranten aus Berlin gemeinsam mit namibischen Schauspielern in der begehbaren Installation Exhibit B (29. Sept. bis 3. Okt.) »aus«. Ebenfalls am 3. (sowie am 8.) Oktober bieten andcompany&Co. mit Black Bismarck Previsited einen Einblick in ihre für 2013 im HAU angedachte Produktion zur sogenannten »Kongo-Konferrenz«. Das Lecture-Konzert verbindet allerdings zunächst die deutsche Wiedervereinigung mit dem ersten erfolgreichen Abschuss einer V2-Rakete im Dritten Reich und den Beginn des Namakrieges im damaligen Deutsch Südwest-Afrika, deren Jahrestag der 3.10. gleichermaßen ist (1990/42/04). In der Kongo-Kolonie des belgischen Königs Leopold II. endet hingegen die bei der Entwicklung der Atombombe in Los Alamos ansetzende Lecture-Performance Snake Dance (14. und 15. Okt.). Erneut Bailey versucht dann mit dem Drama medEia (6. bis 8. Okt.; in der Fassung Oscar van Woensels) die noch immer von starken Gegensätzen und Rassismus geprägte europäisch-afrikanische Gegenwart auf die Bühne zu holen, verkörpert von einer jungen Medea, die ihrer Stellung als Hohepriesterin eines Dorfes gen Norden entflieht. Bereits am heutigen Abend feiert Frederic Leóns Las Multitudes seine europäische Erstaufführung. Wo sich Goetz gerade mit der Gesellschaft auseinandersetzt und Pollesch zuletzt mit dem Netzwerk versucht der Argentinier die Welterfassung in einem gewaltigen, anonymen Kollektiv von 121 Schauspielern, in dem doch jeder einzeln als Subjekt hervortreten wird bzw. sichtbar werden wird, auf der Suche nach der Gemeinschaft.

Ein weiterer Eckpfeiler des Festivals bietet die Musik: Ob eben durch jenen Fabian Hinrichs, der in Polleschs Kill Your Darlings! Anfang des Jahres gegen den modernen Kapitalismus ansang und nun mit Die Zeit singt dich tot einen musikalischen Monolog über, nunja, das Leben hält, oder die Choreografie En Atendant (12. Okt.), die gemeinsam mit dem Spiel Cesena (13. Okt.), die Zeit des avigonesischen Papst-Exils samt seiner Musik wieder auferstehen lässt. Dazu geben u.a. Alexander Geist (29. Sept.) und Mary Ocher (6. Okt.) Konzerte; letztere stellt ihre neue Band The Government vor. Während der gesamten Festivalzeit wird weiterhin der italienische Pianist Marino Formenti in einem vom Japaner Kyohei Sakaguchi gebauten mobilen Haus vor den Räumlichkeiten der ausrichtenden Berliner Festspiele leben und dort tagein tagaus spielen. (Ein Livestream ist hier zu sehen.)

Und auch SPEX wird aktiv: Am 5. Oktober legt ein DJ-Team der Redaktion nach der Premiere von We Saw Monsters, ein Stück der Isländerin Erna Ómarsdottir über eine diabolisch entgrenzte Natur, im Festsaal der Sophiensaele – bei freiem Eintritt. (Die zweite von drei Aufführungen am Folgetag wird Ómarsdottir dann mit einem Konzert ihrer Metal-Band Lazyblood begleiten.) Zudem verlosen wir hier noch 2×2 Karten für die Vorstellung von Las Multitudes am Sonntag, dem 30. September, 17 Uhr, im Großen Saal des Hauses der Berliner Festspiele. Das gesamte Programm der Foreign Affairs und sein VVK finden sich hier.

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