Foals »What Went Down« / Review

Der Stadionplatzwart hat die LED-Strahler angeschmissen und Foals verhalten sich wie die Motten zum Licht. Unter 20.000 Watt wird nicht mehr geflirrt.

Schmerz bleibt Schmerz. Da helfen keine Pillen. Was What Went Down angeht, die vierte Platte der Überläufer vom Vektoren- zum Vertikalrock, heißt das: Maximale Dröhnung macht minimalen Output nicht größer. Aber man muss die Dinge auch ins Verhältnis setzen. Erstens: Foals sind krank. Sie leiden am Editors-Syndrom. Zweitens: Ich bin Fan. Ich atme »Olympic Airways«. Das nehme ich nicht zurück, und die gute Nachricht ist: Es bleiben immer noch die ersten drei Alben. Die schlechte: Wer das Debüt Antidotes liebt, muss What Went Down hassen. Das ist so logisch wie die Musik der Foals vor sieben Jahren war. Und so wenig überraschend wie sie heute ist.

Menschen im Allgemeinen und Fans im Besonderen halten an alten Zeiten fest. Also versuche ich, mir die Sache schönzureden: Bestimmt ist es gar nicht so schlimm. Vielleicht helfen die Pillen doch. Mehr Pillen? What Went Down wäre wahrscheinlich eine Mörderplatte, wäre sie keine Foals-Platte. So aber ist sie die schlechteste Platte, die eine der fähigsten Bands je gemacht hat.

Wozu waren die in der Lage! Diese Techniker vom Dienst, die plötzlich reinplatzten, ohne dass jemand die Tür geöffnet hätte. Mit den Würgegurtgitarren im Anschlag und den Fingern ab dem zwölften Bund aufwärts erledigten sie ihre Aufgabe ohne billige Hilfsmittel (wie etwa Akkorde) ingenieurspräzise und derart eigenständig, dass jeder Vergleich mit den Innungskollegen Bloc Party oder Beat! Beat! Beat! Anmaßung gewesen wäre. Foals waren Mathrock, Heuschreckenrock, Antirock, Frakturrock, Brassrock, Dancerock, Afrorock, Dronerock, Chillrock, Pulsrock, Schweinerock, Schwanzrock, Hochrock, Runterrock – eine unendliche Reihe von Brüchen, die Album um Album auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gekürzt wurden: Rock. Jetzt hat der Stadionplatzwart die LED-Strahler angeschmissen, und Foals verhalten sich wie die Motten zum Licht. Unter 20.000 Watt wird nicht mehr geflirrt.

Sänger Yannis Philippakis, der Kapuzenblousonkompromiss, auf den sich Fashion-Week-Flaneure und Trainbomber gleichermaßen einigen konnten, hat sein Herz bei Sekunde neun des ersten von zehn Gimme-gimme-Stücken im Erdloch vergraben und gibt nun an, er fühle sich wie ein wildes Tier auf der Jagd. Das kann man so stehenlassen, denn What Went Down klingt genau so. Nach Flora-und-Fauna-Metaphern, die sich in einem Bild zusammenfassen lassen: Es geht den Bach runter. Einen kurzen Moment lang dachte ich, »London Thunder« könnte das neue »Spanish Sahara« werden. Aber es war nur das Wetter. Zehn ganze und ein paar vom Reverb zerpflückte »Yeah«-Schreie lang habe ich die Band Foals beim Sterben und die Band Fuels bei der Geburt begleitet. Mehr kann selbst ein Fan nun wirklich nicht leisten.

7 KOMMENTARE

  1. „Yeah, well, that’s just, like, your opinion, man.“ Mehr gibt es wohl zu vielen Albumkritiken nicht zu sagen….

  2. Ich bin, genau so wie die Autorin sich selbst schimpft, Fan, höre Foals nun seit gut fünf Jahren beinahe täglichund Songs wie „Olympic Airways“, „Two Steps Twice“ oder „Providence“ haben mich geprägt.
    Ausserdem bin ich offen für jegliche Kritik, so lange sie fundiert, sachlich und nicht nur rein subjektiv und total übersteigert ist.
    Was Jennifer Beck hier jedoch abgeliefert hat ist nicht mehr als Kritik im Donald-Trump Stil, möglichst überspitzt und einfach nur grauenhaft zu lesen.
    Ich Feier das neue Album von Foals, und nein, nicht jeder, der Antidotes liebte, MUSS What Went Down auch automatisch hassen, jedoch kommt mir der Brechreitz wenn ich mir ein solches Metaphernmassaker wie dasjenige, welches mir hier geboten wird, antun muss… Um es auf ähnliche Art und Weise, wie es diese Kritik vormacht, auszudrücken.

  3. Mit Rezensionen ist es wie mit Autounfällen, eigentlich will man gar nicht hinsehen, doch dann guckt man doch hin, aus Neugier oder auf der Suche nach dem neuen Verriss. Am Ende denkt man, hätte ich das doch lieber gelassen. Genauso verhält es sich mit der oben stehenden Foals Kritik. Ein Album das mir sehr gut gefällt. Druckvoll, etwas melancholisch, abwechslungsreich, ist aber eigentlich nicht so wichtig. Zunehmend ärgere ich mich über stelzig geschriebene Kritiken in Musikzeitschriften oder Onlineformaten( z.B. SPON/Borcholte usw.). Natürlich sollte man in einem Artikel Stellung beziehen, aber die hochnäsige Art und Weise in der in letzter Zeit Alben schriftlich geplättet werden geht mir auf den Senkel. Die Foals Kritik von Frau Beck ist eine solche. So soll sie doch das Debütalbum „Antidots“ rauf und runter hören und sich freuen wie toll die Musik vor sieben Jahren noch war. Ich hingegen erfreue mich an einem neuen Foals Album und werde in Zukunft bei Autounfällen nicht mehr hinsehen. bzw. keine Plattenkritiken mehr lesen, da sie so oder so keinen Wert haben.

  4. Ich würde mich Markus anschliessen und so schlecht ist ein Editorssyndrom gar nicht. Gerade wenn es dann noch besser ist als die Editors. Ich mag die alten Foalsplatten auch verschließe mich aber grundsätzlich nicht dem Neuen. Und die Platte ist gut und hat nicht verdient zu rezensiert zu werden.

  5. Ich bin auch nicht der Meinung der Rezensentin und finde das Album ausgezeichnet, gleichwohl verstehe ich nicht, warum über Reviews immer leidenschaftlich diskutiert wird. Besonders Musikreviews können gar nicht den Anspruch eines Produkttestes a la „Stiftung Warentest“ haben, weil sie dafür viel zu subjektiv sind. Ein bisschen überrascht ob der Enttäuschung der Rezensentin über den musikalischen Wandel der Band bin ich dann allerdings doch angesichts der Tatsache, dass Foals schon auf der 2010er „Total Life Forever“ ganz anders geklungen haben als auf „Antidotes“.

  6. Ich kann mittlerweile schon nicht mehr sagen, wie lange ich die Platten-rezensionen der Spex lese, doch selten habe ich mich dazu genötigt gefühlt, einen kleinen Kommentar abzugeben und noch seltener, für ein Album direkt Stellung zu beziehen. Bei dieser Rezension ist mir aber das Beschwören von „Liebe es oder hasse es“-Rhetorik ohne wirkliche Reflektion dann doch etwas zu weit gegangen.

    Die Rezensentin versichert, dass die Liebhaber von „Antidotes“ „What went down“ hassen werden, mit dem relativ anmaßend anmutenden Nachtrag: „Das ist so logisch wie die Musik der Foals vor sieben Jahren war.“ Dass man sich dadurch selbst ein riesiges Logikloch schießt, scheint der Autorin anscheinend gar nicht bewusst zu sein, schließlich ist Antidotes das Album der Foals, das mit heutiger Betrachtungsweise als Relikt der Zeit gelten kann, in der sie wirklich NUR schnellen Math-Rock spielten.

    Dass mit mathrock bereits auf dem Nachfolger „Total Life Forever“ größtenteils Schluss war und die Foals seither relativ geflissentlich ihren Sound reproduzieren und oftmals vor allem ihre Thematiken in den Lyrics differenzierter behandeln, wird vollkommen unterschlagen. Folglich müsste jeder, der antidotes liebte, ALLE anderen Alben der Foals hassen, denn wirklich Ähnlichkeit mit Antidotes hat keines davon.

    Subjektivität in allen Ehren, aber diese Subjektivität sollte zumindest auf irgendwelchen fundierten Erfahrungen basieren. Einfach Antidotes mit Prädikaten vollzuballern und hochzustilisieren, zwei andere Alben zu unterschlagen und einen Verriss über ein Album zu produzieren, welches sich sogar relativ ähnlich zu Total Life Forever verhält, von dem ein Song sogar noch lobend herausgepickt wird, ist schon sehr…gewagt. Aber in dieser Rezension ging es wohl dem Anschein nach sowieso eher darum, halbwegs geschickte Metaphern einzusetzen, um zu verschleiern, wie wenig man sich doch über die Evolution der Foals nach Antidotes informiert hatte.

    Jedenfalls ist es nicht mit der pauschalen Battle-Phrase getan, dass jeder, der Antidotes liebte, What went down hassen wird. Das sollte schon jeder, mit einem angebrachten Maß an Subjektivität, für sich selbst entscheiden.

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