Florian Thalhofer/ Juliane Henrich – Die Zeitresistenz der Deutschlandfahnen

Schwarz-rot-goldAußer frischen Brötchen, gebrauchten DVDs und Pferdemagazinen verkauft der Kiosk in meinem 1000-Seelen-Dorf irgendwo in Niedersachsen eigentlich nur Getränke. Selbst dieser, wie man an der Spree sagen würde, Späti aber hält zweieinhalb Wochen vor Anpfiff der Fußballeuropameisterschaft nun eine beträchtliche Auswahl an Fähnchen parat. Ihre Farbgestaltung kennt keine Variationen: Schwarz-rot-gold. Auf dem eigens eingerichteten Verkaufstisch, am Auto der Nachbarin, auf Häuserdächern halten sie massiv Wiedereinzug in den Alltag. Widerwärtig. In die Lebensräume der Kuschelnationalisten (die oft weniger kuschelig sind, als sie aussehen) drangen schon im Winter 2006/ 2007 der Filmemacher Florian Thalhofer und Fotografin Juliane Henrich vor.
   Für ihren 90-Minüter »Vergessene Fahnen« fuhren sie quer durchs Land auf der Suche nach jenen Fahnen, die seit der WM 2006 einfach hängengeblieben waren. Und redeten mit deren Besitzern. Durch die Euro ’08 röhrt jetzt das Fahnen-Feedback umso lauter zurück, was den »Vergessenen Fahnen« neue Bedeutung zukommen lässt. Zeigt doch die Gegenwart: Die vergessenen Deutschland-Fahnen des Jahres 2006 sind die Avantgarde einer um sich greifenden Nationalismustoleranz. Genau das macht der Film von Thalhofer und Henrich eindringlich analysier- wie auch spürbar.

    Die DVD ist über den Webshop des Mairisch Verlages zu beziehen und ab dem 22. Mai auch in der Ausstellung »Vertrautes Terrain« im ZKM Karlsruhe zu sehen.

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