Florence And The Machine How Big, How Blue, How Beautiful

Florence Welchs Bilanz: Ab jetzt weniger Eskapismus.

»Wie kann man so lieben?«, fragt sie – gemeinsam leiden verbindet, glaubt er und schaut sie teilnahmslos an. So wie im Videoclip zu »What Kind Of Man« spielen sich im Universum von Florence And The Machine auch 2015 wieder große Dramen ab, auf How Big, How Blue, How Beautiful findet die Band aber einen geerdeteren Umgang damit. Regisseur Vincent Haycock, der schon früher mit der Band zusammengearbeitet hat, kreierte für Florence Welchs drittes Album eine natürlichere Ästhetik, die nicht mehr überlagert wird von Kostümen, Make-up und Kulissen. Die erste Single klingt unmittelbarer und deutlich rockaffiner: Beat und Gitarren in »What Kind Of Man« eilen der Handlung voraus, sie triumphieren bereits über etwas, das eigentlich noch nicht vorbei ist. Der Song erzählt von einer abhängigen Liebe, davon, am langen Arm zu verhungern und sich nicht lossagen zu können. In die Sprache des Musikvideos übersetzt heißt das: Ein Sturm zieht auf. Traumbilder, bedrückende Tanzszenen, Schreien, Begehren.

Dreieinhalb Jahre ist Ceremonials inzwischen alt, das Album, das die britische Musikerin zur »Red Queen« der opulenten Indiehymne machte. Nach gefühlten fünf Jahren auf Tour erbat sich Welch eine Auszeit, um die Koffer auch mal wieder auspacken und reflektieren zu können. Kaum verwunderlich, dass auf so viel Trubel ein Rückzug ins Innere folgt, die Musikgeschichte ist voll von solchen Erzählungen. How Big, How Blue, How Beautiful durchlebt die Aufgewühltheit und Traurigkeit dieser Zeit ein zweites Mal und zieht anschließend die Bilanz: Ab jetzt weniger Eskapismus.

Textlich ist das Album mehr im Hier und Jetzt verortet, die Sprache klarer und weniger metaphorisch. Das Wort »freedom« wird zum ständigen Begleiter. Musikalisch durchmischen sich organische und elektronische Klänge. Raum für die ganz großen Popmelodien gibt es dennoch zur Genüge. Produzent Markus Dravs begleitete schon Arcade Fire, Coldplay und Björk im Studio, auf ihn ist Verlass, wenn es um big sound geht. Für weitere akustische Üppigkeit sorgen erstmals die Bläserarrangements von Will Gregory (Goldfrapp). Besonders am Ende des Titelsongs »How Big, How Blue, How Beautiful« formulieren die Trompeten einen so feierlichen Abschluss, dass der Palast der Innerlichkeit erbebt und erzittert.

Sie habe gelernt, ihre selbstzerstörerische Seite besser zu verstehen, zu akzeptieren, dass Dinge manchmal eben kaputtgehen, erklärte Welch im Vorfeld der Veröffentlichung. Und: Die Zeit vor den Aufnahmen hätte sie entzweit, die Arbeit am Album wieder zusammengebracht. Der Trailer zu How Big, How Blue, How Beautiful, in dem sie mit einer Doppelgängerin auf der Bühne eines antiken Theaters tanzt, lässt keinen Zweifel daran. Auch wenn die Bildsprache oft zu eindeutig erscheint, bewahrt der starke körperliche Ausdruck immer wieder vor zu viel Plattheit. Auf »Ship To Wreck«, einem klanglich hellen, offenen, überraschend geradlinigen Song, fragt Welch: »Did I drink too much? / Did I build this ship to wreck?« Ist ja alles noch mal gutgegangen, möchte man antworten. Manche Stürme zerstören nicht nur, sie reinigen auch.

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