Fleisch, Käse und Senf, und ein Brötchen natürlich

Wir kommen zu spät. Sie haben tatsächlich um Punkt neun angefangen, bestätigt der Mann vor mir. Wir befinden uns im Astoria, im Herzen Londons, an der Ecke Charing Cross Road und Oxford Street, einem ehemaligen Theater, das 2.000 Menschen fasst und ursprünglich Crosse & Blackwell (Chutneys, Marmeladen, Saucen, Pickles) als Fabrik diente. Heute gehört die Firma zu Premier Foods, dem größten Lebensmittelkonzern des Vereinigten Königreichs, und das Astoria der Mean Fiddler Music Group, die die Festivals in Glastonbury und Reading ausrichtet.

Kings Of Leon Auf dem Parkett tobt das Publikum, bewegt sich als eine schwitzende Masse in Schüben vor und zurück, das Ordnerpersonal vor der Bühne verteilt emsig kleine mit Wasser gefüllte Plastikbecher, die jedes zweite Mal direkt in die Luft nach hinten geworfen werden. Hier oben im Rang, der zu Theaterzeiten The Royal Circle genannt wurde, fühlt man sich wie in der Ultra-Fankurve eines Fußballstadions, Terrassen schieben sich steil nach oben zur Decke des Hauses, sehr imposant. Nur die mit Holztischen fest verbundenen Sitzbänke irritieren. Es ist unglaublich laut und natürlich ausverkauft. Kings Of Leon spielen als letzte von vier Bands im Rahmen der »Shockwave NME Awards«-Tour und die Stücke ihres neuen Albums in annähernd doppelter Geschwindigkeit. Sie bewegen sich kaum, gucken ernst und konzentriert und spielen extrem präzise. In den kurzen Pausen zwischen den Stücken sind aus dem enthusiastischen Publikum bedrohlich klingende »Le-on! Le-on!«-Schlachtengesänge zu hören.

    Die Umstehenden sind sich nicht ganz einig: Frank ist positiv überrascht, er findet den Sound klar und durchsichtig, redet von Fender-Verstärkern, »Vintage!«, alte Liebhaberstücke müssten das sein, »ein verdammt teurer Sound«, schreit er und brüllt mir »Creedence Clearwater Revival!« und »Lynyrd Skynyrd!« ins Ohr, »Proud Mary!«, »Bad Moon Rising!« und »Sweet Home Alabama!« Alice guckt stoisch auf die Bühne und merkt an, dass vor einigen Jahren bei den Kings Of Leon noch ein viel jüngeres, aufgetakelteres Publikum zu sehen gewesen sei, Kate Moss habe immer mit der Band rumgehangen, und heute Abend sei das ja ein klassisches Pub-Rock-Publikum. So findet sie auch die Musik. Pub-Rock. Einfacher Rock, der in England und Australien in Kneipen gespielt werde und keinen guten Ruf genieße.

    Drei Tage später: Vor dem Hard-Rock-Café winden sich Schlangen japanischer Jugendlicher, ein weißer Lieferwagen schleift unter enormem Getöse drei Plastikbaustellenabsperrungen mit sich, ein Angestellter raucht vor der Einfahrt einer Tiefgarage eine Zigarette. Mit schönem Ausblick auf den Hyde Park im Stadtteil Mayfair steht am Ende der Old Park Lane das mit dem Slogan »Urban energy paired with cool escapism« werbende Metropolitan, das Designer-Hotel mit der berühmt-berüchtigten Met Bar, wo um das Jahr 1997 herum, zu den Hochzeiten des Britpop, regelmäßig Alex James (Blur), Martin Rossiter (Gene) oder Gaz Coombes (Supergrass) abstürzten, die Barkeeper in Armani rumstanden und ›Mixologists‹ genannt wurden und der NME das Woche für Woche willig vermeldete. Heute bevölkert die Londoner Hochfinanz-City-Schickeria die Bar, Popstars gehen in London woanders trinken.

Kings Of LeonNach einem unendlichen Hin und Her, das die Münchner Angestellte der Plattenfirma schier verrückt gemacht und sich über vier Tage hingezogen hatte, werde ich, wie sich eine Minute vor dem Interview erst herausstellt, nicht Caleb, den Sänger und Texter, sprechen, sondern Matthew und Nathan, Lead-Gitarrist respektive Schlagzeuger der Kings Of Leon. Leon ist der Vorname des Vaters und des Großvaters der drei Brüder Caleb (25), Nathan (27) und Jared (20). Matthew
(22) ist ihr Cousin.

    Das Aufnahmegerät läuft noch nicht, die beiden, in hautengen Röhrenjeans gekleidet, unterhalten sich. Auf einem kleinen Tisch liegen Marlboro Lights, Streichhölzer des Hotels und Bonbons, auf der Ablage vor einem Spiegel stehen Cola und Wasser. Die Luft ist stickig, die Fenster können nicht geöffnet werden. Matthew und Nathan haben keine Lust, später am Nachmittag zur Preisverleihung der englischen Musikzeitschrift NME zu gehen. »Man, I hate that red carpet shit«, grummelt Matthew. Auf den perfekten Live-Sound ihres Auftritts im Astoria angesprochen und nach der Güte der vermeintlich 30 Jahre alten Vintage-Verstärker befragt, lachen die beiden. Die Geräte der Firma Ampeg kosten »nur 600 Dollar, sind brandneu und einfach nur gut eingestellt«, erwidert Matthew.

    Wir sprechen über das neue, dritte Album der Band, »Because Of The Times«. Der Opener »Knocked Up« (»geschwängert«) entwirft einen Sound, den die Band so bisher noch nie präsentierte: In einem ausufernden Hallraum begleiten ein zart gespieltes Schlagzeug im Rhythmus einer mit gedrosselter Geschwindigkeit fahrenden Dampflokomotive, ein vorsichtiger Bass und eine in synkopierten Sechzehnteln spielende Leadgitarren-Melodie Caleb Followhills Gesang, der eine trotzige Abrechnung mit den Eltern eines Mädchens ist, die ein Kind von dem Erzähler, der sich als Geist bezeichnet, bekommen wird. »I don’t care what nobody says, I’m gonna be her lover … we’re gonna have a baby«. Followhills Liedtexte erschließen sich beim Hören selbst Muttersprachlern kaum, und sogar den Bandmitgliedern nicht immer, wie Nathan berichtet: »Bis heute geht es mir so, dass ich oft von dem genauen Gegenteil ausgehe, was Caleb meint. Obwohl ich die meisten Stücke schon dreihundert Mal gehört habe, ist da immer wieder eine Zeile, deren Wörter und Sinn sich mir erst sehr spät erschließen.« Zerkaute, zerstörte längere Wörter werden ins Unendliche gezogen, kurze schlicht verschluckt. Nach exakt zwei Minuten bricht in »Knocked Up« die Musik schlagartig zusammen und kulminiert in einem brachialen Break, um 20 Sekunden später wieder die gemächliche Fahrt vom Anfang aufzunehmen, allerdings leicht variiert durch ein komplexeres Schlagzeugmuster. Sieben Minuten lang ist das Stück eine echte und bezüglich der Virtuosität recht überraschende Weiterentwicklung des Klangspektrums der Band, die noch auf dem letzten Album »Aha Shake Heartbreak« wie eine mäßig inspirierte Kopie der Strokes klang, mit denen sie damals, im Vorprogramm, auch auf Tournee waren.

Kings Of LeonUnd auch im nächsten Stück, »Charmer«, lassen sich Fortschritte ausmachen: Calebs Gesang wird klanglich variiert, er singt stimmsicher in tiefen wie auch hohen Lagen und schreit sich am Ende jeder Zeile für zwei Sekunden mit einem »Wow!« die Seele aus dem Leib, eine – genau – Frau raubt dem Sänger der Liedzeilen den Verstand und sein »Karma«, das am meisten nach Southern Rock, Creedence Clearwater Revival und Lynyrd Skynyrd klingende Stück des Albums, wobei Nathan auf diese Feststellung achselzuckend reagiert: »Als wir die ersten Sachen veröffentlicht haben, meinte jeder Lynryd Skynryd als Einfluss ausmachen zu können. Nur weil sie aus den Südstaaten kommen, wo wir geboren wurden. Das ist ein Klischee, ich kann dir Lieder von denen vorspielen, die so was von gar nicht nach uns klingen.«
    Wie der Rest der Band in »Charmer« den Gesang musikalisch begleitet, ist überragend, Musik im Dienste der Stimme, sie illustrierend und verstärkend, und verdeutlicht die kompositorische Herangehensweise in den gemeinsamen Proben, wie Nathan sie schildert: »Caleb murmelt vor sich hin, um ein Gefühl für die Melodie zu bekommen, und fängt an zu reimen. Dann richten wir die Musik nach seinem Gesang aus. Die Musik unterstützt den Gesang. Sie bettet ihn ein und gibt die Stimmung vor, sie setzt dich in denselben Raum, in dem auch der Gesang Platz genommen hat. Und wenn du den Text nicht verstehst, hilft die Musik dir dabei.«

    Die erste Single des neuen Albums folgt als drittes Stück. »On Call« beginnt vielversprechend mit einer sonst so gut wie nie eingesetzten Keyboard-Fläche, überrascht nochmals mit einer besonderen technischen Bearbeitung der Stimme – eine Textzeile wird mit Hall belegt, die nächste nicht, sodass man den Eindruck hat, es sängen zwei Personen mit identischem Timbre – und schert dann aber ab und wird so zur ersten musikalischen Enttäuschung des Albums: Mittleres Headbanger-Tempo, Macho-Gitarrenwände, aufgedrehte Verstärker – all die musikalischen Entwicklungen, welche in den ersten beiden Stücken angedeutet wurden, scheinen vergessen zu sein. Einzig Calebs faszinierender Gesang und eine merkwürdige Auseinandersetzung mit einer Frau, die fleht, er, der Mann, möge sie doch bitte mal anrufen, bleiben.

Kings Of LeonDas Album hätte grandios werden können, wenn die Ansätze der ersten beiden Stücke weiterverfolgt und ausgebaut worden wären, nun pendelt sich das Album auf zugegeben hohem musikalisch-handwerklichen und gesanglich höchstem Niveau ein. Die Inspiriertheit, neue Wege im Klang der Band zu erarbeiten, bleibt aber auf der Strecke. Ausnahmen bestätigen die Regel, und »My Party« ist in der Albummitte eine Indie-Disco-Granate, die Franz Ferdinand amerikanisch und schwer rocklastig interpretiert, einen zerfetzen, angeberischen Bass die Kontrolle übernehmen lässt, die Tänzer schütteln und rütteln wird und mit Kuhglocken im letzten Drittel nonchalant »Disco!« ruft. Danach hat der Hörer wieder eine längere Durststrecke vor sich, es passiert wenig, es gibt wenig Aufregendes zu berichten –- geschweige denn zu fragen. Unser Gespräch dreht sich dann auch schnell um die Kindheit und Erziehung der drei Brüder und des Cousins.
    Calebs, Nathans und Jareds Vater war Pfingstkirchen-Wanderprediger und zog mit seiner Familie in den Südstaaten Nordamerikas (die Musikstädte New Orleans, Memphis und Nashville liegen dort) von Gemeinde zu Gemeinde. Die Brüder wurden von ihrer Mutter unterrichtet, der Vater ihres Cousins Matthew arbeitete ebenfalls als Prediger, mit dem Unterschied, dass er und seine Familie sesshaft waren. Die Pfingstbewegung gilt als am schnellsten wachsende Strömung im Christentum des 20. und 21. Jahrhunderts. Pfingstkirchen-Gottesdienste bestehen aus exzessivem gemeinsamen (Gospel-)Singen, dem – oft mit erhobenen Händen – Anrufen des so genannten Heiligen Geistes, Reden in Zungen und dem Versuch, Heilungen durch das Auflegen von Händen zu erwirken. Nathan: »Wir sind jeden Abend in die Kirche gegangen. Und es ging immer ab! Wir hatten ein Klavier, Schlagzeug, Orgel. Nach Aretha Franklin klang die Musik, wie Al Green! Solche Musik haben wir in den Gottesdiensten und im West Tennessee Mass Choir gespielt und gesungen. Gospel! Jeder hat rumgetanzt und hatte Spaß! Ich habe Freunde, die katholisch sind – nichts gegen Katholiken –, aber wenn die mich fragen, ob ich mit zur Messe komme, dann zeige ich denen einen Vogel. Ich sitze da doch nicht die ganze Zeit still rum!«

    Nach der Scheidung ihrer Eltern platzte die religiöse Blase, in der die Brüder lange Jahre gelebt hatten. »Das Eintauchen in diese andere Welt da draußen vollzog sich sehr langsam. Als ob du in einen See springen willst und nicht weißt, ob das Wasser tief oder flach oder kalt oder warm ist. Du musst das vorsichtig machen. Wir sind nicht sofort total durchgedreht und haben alle Drogen ausprobiert, die wir kriegen konnten, uns jeden Abend besoffen und jede Frau gefickt, die wir ficken konnten. Wir waren sehr vorsichtig. Wir wurden ja unser ganzes Leben lang anders erzogen«, erklärt Matthew.

    Heute wohnen alle drei im Staate Tennessee, Nathan und Caleb leben gar zusammen auf einer Farm: »Wir haben Ziegen. Vorne stehen ein paar Kühe, wir müssen noch ein paar Pferde kaufen und besitzen einen Teich mit Fischen, die wir fangen. Und dann haben wir noch eine Go-Kart-Strecke mit Dünen-Buggys. Ein Spielplatz für erwachsene Männer.«

Kings Of LeonKurz vor dem Ende unseres 25-minütigen Gesprächs entwickelt sich zwischen Nathan und Matthew eine Diskussion ums Essen.

    Matthew: Ich esse bei der Preisverleihung.
    Nathan: Mann! Die wollen doch, dass du dich total besäufst, damit sie Fotos für ihre Zeitungen machen können, auf denen zu sehen ist, wie du dich zum Affen machst. Die geben dir zuerst was zu trinken, und dann erst kommt das Essen! Und das ist eine kleine Portion von irgendwas, das nach Scheiße schmeckt. Dann trinkst du doch lieber weiter, iss was!
    Matthew: Ich trink heute nicht viel.
    Nathan: Du wirst dir so bescheuert vorkommen, da nüchtern rumzusitzen.
    Matthew: Ist mir egal. Ich habe keinen Bock, da mit einem roten Alkohol-Gesicht abzuhängen und auf den Fotos Scheiße auszusehen.
    Nathan: Ich bestell was. Hallo, Zimmerservice? Einen Cheeseburger, ja, Medium ist gut. Senf, keine Mayonnaise, keinen Salat, keine Tomaten. Einfach nur Fleisch, Käse und Senf. Und das Brötchen natürlich. Und Pommes und Ketchup extra.
    Matthew. Ich ess nichts. Mir ist das echt egal. Ich glaube, Keira Knightley wird an unserem Tisch sitzen.
    Nathan: Keira Knightley und Borat!

    Caleb, der Sänger, kommt in Begleitung des Plattenfirmenangestellten herein.

    Plattenfirmenangestellter: So, jetzt noch zehn Minuten Fotoshoot.
    Caleb: Ich habe keine Zeit. Ich muss noch zum XFM-Radio.
    Nathan: Wir müssen uns doch für die Award Show fertig machen! Warum musst du zu XFM?
    Caleb: Um Scheiß-Platten zu verkaufen, du Idiot!
    Nathan: Er hat gesagt, das Shooting dauert nur zehn Minuten!
    Caleb: Ich wusste nichts von einem Shooting!
    Nathan: Und Matthew hat sein Phil-Collins-T-Shirt an!
    Caleb: Ich wusste davon nichts. Ich muss mich noch fertig machen! Ich habe heute noch nicht geduscht und mich nicht rasiert.
    Jared: Du hast nicht geduscht?
    Matthew: Und ich hier in dem Phil-Collins-T-Shirt!
    Nathan: Ich hab einen Cheeseburger bestellt, Caleb!
    Matthew: Mann, ist die groß, die Lederjacke, Caleb!
    Caleb: Mach keinen Quatsch mit den Ärmeln! Mach da keine Falten rein! Ich will, dass die schön glatt bleiben.

Das neue Kings Of Leon-Album »Because Of The Times« ist bereits erschienen (Sony BMG).

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